Dienstag, 30.03.2010

Die Krisenherde der Liga

Druck auf Labbadia und Slomka wächst

Krise zur Unzeit: Hamburg und Leverkusen laufen Gefahr, hoch gesteckte Ziele zu verfehlen, Hannover und Bochum bangen um den Klassenerhalt. Dabei haben alle vier Klubs schon bessere Zeiten in dieser Saison erlebt. Am prekärsten ist die Lage für Hamburg und Hannover und deren Trainer Bruno Labbadia und Mirko Slomka.

Bruno Labbadia wurde vergangenen Sommer Nachfolger von Martin Jol beim HSV
© Getty
Bruno Labbadia wurde vergangenen Sommer Nachfolger von Martin Jol beim HSV
HSV, Hamburg, Logo, Wappen

Hamburger SV

Tabellenplatz 6, 44 Punkte, 48:33 Tore

Sportliche Tendenz: Den zweiten Spieltag in Folge rangiert der HSV nur auf dem sechsten Tabellenrang - die schlechteste Position in dieser Saison, wenn man mal von der Ouvertüre absieht. Rang sechs wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit für die Europa League reichen, doch vermittelt der HSV derzeit nicht den Eindruck, als käme er aus dem Leistungsloch. Der Abstieg begann nicht erst in den letzten Wochen, sondern ist ein schleichender Prozess, der seinen Anfang schon Mitte der Hinrunde nahm, als die Verletztenmisere auf ihren Höhepunkt zusteuerte. Sechs seiner elf Saisonsiege holte der HSV an den ersten acht Spieltagen. Seitdem gab's fünf Siege in 20 Spielen. Nur Hertha, Nürnberg, Hannover, Freiburg, Bochum und Hoffenheim waren im gleichen Zeitraum schlechter. Die jüngste Partie darf aber getrost als Tiefpunkt gewertet werden. Auch wenn den HSV immer noch Verletzungssorgen plagen, stand beim 0:1 in Gladbach eine nominell starke Truppe auf dem Platz. Doch erstmals in dieser Saison gewann man den Eindruck, dass die Spieler nicht mit dem letzten Einsatz oder Willen bei der Sache waren.

Situation des Trainers: Bruno Labbadia ist schwer angeschlagen. Dass er ähnlich wie in Fürth und Leverkusen nach starkem Beginn in einen Abwärtsstrudel geriet, ist Wasser auf die Mühlen der Kritiker und Skeptiker, die diesen Saisonverlauf schon im vergangenen Sommer geahnt haben wollten. Labbadia bedient aber nicht nur das Klischee, sondern tritt auch in die Fußstapfen seiner Hamburger Vorgänger, die früher oder später allesamt an den hohen Zielvorgaben scheiterten. Die Presse hat jetzt durchgeladen und fragt: "Wann fliegt Labbadia?" ("Hamburger Morgenpost, 30.3.) Nur eine Frage der Zeit, lautet der allgemeine Tenor, denn das Verhältnis zwischen Trainer und Mannschaft sei komplett zerrüttet. Spekulationen über Joachim Löw als kommender HSV-Coach stärken Labbadias Position in der öffentlichen Wahrnehmung genauso wenig wie öffentlich nörgelnde oder mit ihrem Abschied kokettierende Spieler. Die Krisensitzung vor dem Montagstraining, an der Mannschaft, Trainer und Vorstand teilnahmen, soll sehr fruchtbar gewesen sein. Doch die Aussage von Klub-Boss Bernd Hoffmann, Labbadia sei selbstverständlich auch noch im Sommer im Amt und ein nach kurzer Bedenkzeit nachgeschobenes "Stand heute" lassen tief blicken. Labbadia selbst sagt: "Wir wollen gemeinsam einen Weg aus dieser Situation finden." Die Frage ist nur, ob es ein "gemeinsam" noch gibt beim HSV im Frühjahr 2010.

Prognose: Legt man die Formkurve der letzten Wochen zugrunde, dann wird es für den HSV ganz eng, überhaupt den sechsten Platz zu halten, denn Stuttgart, Frankfurt und Wolfsburg haben aufgeschlossen und wirken deutlich formstärker. Ersatzbefriedigung könnte die Europa League bieten, doch ist der Weg ins Finale und zum Titel im eigenen Stadion noch weit.

Restprogramm: Hannover (H), Bochum (A), Mainz (H), Hoffenheim (A), Nürnberg (H), Bremen (A)

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Leverkusen, Logo, Wappen

Bayer Leverkusen

Tabellenplatz 3, 53 Punkte, 56:30 Tore

Sportliche Tendenz: 24 Spiele überstand Bayer ohne Niederlage und stellte damit einen neuen Bundesliga-Startrekord auf. Doch seither gingen drei von vier Spielen verloren und es hagelte zehn Tore. In den letzten beiden Partien blieb Bayer sogar ohne eigenen Treffer. Die Leichtigkeit ist dem Team abhanden gekommen und ähnlich wie im Falle Labbadia/HSV fühlen sich die Unkenrufer bestätigt, die Bayer von Anfang an den notwendigen Killerinstinkt absprachen, was sich vor allem bei der 0:2-Pleite im eigenen Stadion gegen Schalke am Samstagabend zeigte. Passend dazu sagt Kapitän Manuel Friedrich im "kicker": "Es geht darum, Punkte zu sammeln. Das machen wir nicht. Also haben wir auf Platz drei nichts verloren, wenn wir so weiterspielen." Es fehle an allen Ecken und Enden, analysiert Friedrich weiter, sagt aber auch: "Wir haben keine Krise." Die Zahlen sagen aber genau das Gegenteil und Bayer läuft nun sogar Gefahr, den Champions-League-Quali-Platz zu verlieren, weil Dormund und Bremen Stück für Stück aufholen.

Situation des Trainers: Anders als in Hamburg gibt es keine Trainer-Diskussion in Leverkusen. Jupp Heynckes ist unantastbar und lässt sich die Ergebnis-Krise nicht anmerken. Rechtzeitig konstatierte der 64-Jährige die Aussichtlosigkeit im Kampf um den Meistertitel, um im gleichen Atemzug Optimismus im Hinblick auf das neue Saisonziel (Verteidigung von Platz drei) zu versprühen: "Was soll das Zaudern? Es gibt keinen Grund zur Resignation. Unsere Ausgangslage ist gut." Wo er den Hebel ansetzen muss, weiß Heynckes natürlich auch: Die Spieler müssten lernen, mit dem Druck umzugehen.

Prognose: Heynckes ist zuzutrauen, dass er die Mannschaft für die verbleibenden Spiele auf den richtigen Kurs bringt. Die Qualität hat Leverkusen selbstredend, um die nötigen Punkte zu holen. Für Platz drei sollte es knapp reichen.

Restprogramm: Frankfurt (A), Bayern (H), Stuttgart (A), Hannover (H), Hertha BSC (H), Mönchengladbach (A)

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Hannover, Logo, Wappen

Hannover 96

Tabellenplatz 17, 23 Punkte, 30:54 Tore

Sportliche Tendenz: Man kann nicht über die Saison von Hannover 96 reden, ohne an den Selbstmord von Robert Enke zu erinnern, denn der 10. November 2009 stellt den Bruch in einer bis dahin sportlich zufriedenstellenden Saison dar. 96 hatte eine ausgeglichene Bilanz nach zwölf Spielen und war guter Zehnter. Dann begann die große Krise mit nur einem einzigen Punktgewinn aus den nächsten zwölf Spielen. Genau zum richtigen Zeitpunkt aber schienen Trainer Mirko Slomka und die Mannschaft den Bock umgestoßen zu haben. Es gab Siege über Freiburg und Frankfurt und wieder Grund zur Hoffnung. Umso unerklärlicher erscheinen aber nun die letzten beiden Spiele (0:2 in Stuttgart, 1:4 gegen Köln), in denen Hannovers Leistungen mit desolat noch gnädig umschrieben sind.

Situation des Trainers: Mirko Slomka hat keine Argumente. Wie auch - angesichts einer Bilanz von 2-0-8 seit er die Nachfolge von Andreas Bergmann antrat? Frappierend ist die Ratlosigkeit, mit der der frühere Schalke-Trainer auf die Nicht-Leistung seiner Mannschaft beim 1:4 gegen Köln reagierte. "Bedrückend und beängstigend" sei der Vortrag gewesen sowie "beschämend und unverschämt". Klingt nicht so, als habe der 42-Jährige sein Team im Griff, wenn er sich immer wieder aufs Neue vor den Kopf gestoßen fühlt. Klub-Chef Martin Kind ließ verlauten, eine Trainerdiskussion gebe es nicht, was aber auch nur die Ruhe vor dem Sturm bedeuten kann. So kursieren Gerüchte, dass Ex-Bochum-Coach Marcel Koller am Sonntag nicht umsonst in Gladbach weilte, sondern den nächsten 96-Gegner Hamburg unter die Lupe nahm. Und Koller galt ja als Kinds Wunschtrainer, bevor Slomka kam. Wenig erbaulich klang zuletzt auch Sportdirektor Jörg Schmadtke, der eher resigniert als im Brustton der Überzeugung zur Trainerfrage äußerte: "Ich glaube, dass wir unsere Karten gezogen haben."

Prognose: Der Blick aufs Restprogramm lässt Böses erahnen, auch wenn gerade der HSV als eine Art Lieblingsgegner der 96er gelten darf. Doch spätestens gegen die großen Drei gibt's für Hannover nichts zu ernten, und dann könnte es schon zu spät sein. Im besten Falle reicht's für Platz 16.

Restprogramm: Hamburg (A), Schalke (H), Bayern (A), Leverkusen (A), Mönchengladbach (H), Bochum (A)

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Bochum, Logo, Wappen

VfL Bochum

Tabellenplatz 14, 27 Punkte, 30:51 Tore

Sportliche Tendenz: Früh in der Saison wurde der VfL als hoffnungsloser Fall abgestempelt, um sich unter Heiko Herrlich, der nach dem 10. Spieltag von Marcel Koller übernahm, Schritt für Schritt zu konsolidieren und sich dann mit einer erstaunlichen Serie zwischen dem 13. und 24. Spieltag (nur eine Niederlage) freizuschwimmen. Dass man Bochum zu früh als aller Abstiegssorgen ledig betrachtete, zeigt sich jetzt. Denn die Super-Serie hat sich längst in eine Super-Durststrecke verwandelt. Zuletzt setzte es vier Niederlagen am Stück, und von den letzten zehn Spielen gewann der VfL nur eins.

Situation des Trainers: Eine Diskussion um Heiko Herrlich gibt es nicht. Wohl aber eine erhöhte Wachsamkeit. "Die Lage ist ernst, das ist uns allen bewusst", sagte Herrlich nach der erschreckend schwachen Leistung beim 1:2 gegen Frankfurt. Und Sportdirektor Thomas Ernst sprach von einem "Existenzkampf". Etwaig aufkommende Gerüchte über Unstimmigkeiten zwischen Trainer und Mannschaft und Diskussionen über mögliche taktische Fehler Herrlichs werden unisono im Keim erstickt.

Prognose: Dem VfL fehlen nicht mehr viele Pünktchen, um aus dem Schneckenrennen im Tabellenkeller unbeschadet hervorzugehen. Das Restprogramm ist zwar durchaus nicht ohne, doch wird es am Ende reichen.

Restprogramm: Freiburg (A), Hamburg (H), Köln (A), Stuttgart (H), Bayern (A), Hannover (H)

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Oliver Wittenburg

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