Hannovers extremer Alltag

Was kommt nach der Trauer?

Von Stefan Moser
Donnerstag, 04.03.2010 | 19:52 Uhr
Mike Hanke und Hannover 96 schlittern dem Abstieg entgegen
© Getty
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Rollenwechsel von Mirko Slomka mitten im Abstiegskampf, Euphorie trotz Niederlage: Nach dem Selbstmord von Robert Enke kämpft Hannover 96 noch immer um Normalität. Eine perfide Konstellation, die nun in einem Endspiel gipfelt.

Niemand spricht mehr darüber. Der Selbstmord von Robert Enke ist bei Hannover 96 offiziell kein Thema mehr, die Trauerzeit beendet. Die Verantwortlichen sind sich darüber im Klaren, dass längst nicht jeder die Ereignisse des 10. Novembers 2009 hinreichend bewältigt hat, doch der Tod des Torhüters darf kein Alibi werden für den sportlichen Absturz der Mannschaft.

Noch immer kämpft der Verein darum, zur Normalität zurückzukehren. Ein hoch sensibles Projekt und eine beinah schon perfide Konstellation. Schließlich heißt "Normalität" in Hannover derzeit: knallharter Abstiegskampf - eine Extremsituation.

Als Datum markiert Enkes Selbstmord schon auf den ersten Blick den Knackpunkt der laufenden Saison: Die Niedersachsen holten seither nur noch einen einzigen Punkt aus zwölf Spielen und wurden in der Tabelle von Rang zehn auf Platz 17 durchgereicht.

Slomka mit Negativrekord

Trotzdem spart Mirko Slomka, der am 19. Spieltag den Trainerposten von Andreas Bergmann übernahm, das Thema konsequent aus. Zusammen mit der Vereinsführung versucht der 42-Jährige stattdessen, sich und seine Mannschaft auf das sportliche Tagesgeschäft einzuschwören - den ganz normalen Abstiegskampf.

Doch der Erfolg blieb zunächst aus, mit dem Negativ-Rekord von sechs Niederlagen aus den ersten sechs Spielen schrieb er sogar ein finsteres Kapitel Bundesliga-Geschichte. Und aus dem vermeintlich so "netten Herrn Slomka" wurde eben schnell: ein ganz normaler Abstiegskämpfer. Eine völlig neue Rolle für den ehemaligen Champions-League-Trainer.

Der Konkurrenzkampf wurde nun geschürt, das Personal durchrotiert; das Training wurde härter, die Ansprache fordernder, der Umgang rauer. Mit Jan Schlaudraff wurde an einem gestandenen Profi schließlich das übliche Exempel statuiert. Vor dem letzten Spieltag strich Slomka den 26-Jährigen aus dem Kader: "Er hat im Training nicht die Leistung gezeigt, die er zeigen kann."

Euphorie trotz Niederlage

Und tatsächlich haben die Maßnahmen nun offenbar gefruchtet. Nach dem letzten Spiel gegen Wolfsburg jedenfalls schien ganz Hannover erleichtert aufzuatmen. Die hiesige Presse berichte fast schon euphorisch - von einer 0:1-Niederlage. Irgendwie grotesk - aber trotzdem nachvollziehbar.

Denn zum ersten Mal dominierte Hannover eben wieder einen Gegner, hatte mehr Ballbesitz und deutlich mehr Torschüsse als der VfL und fiel vor allem auch nach dem Rückstand nicht auseinander. Zum ersten Mal glaubte auch das Stadion schließlich wieder an die Wende zum Guten.

"Wir waren diesmal eine echte Einheit mit den Fans, sie haben uns mit aller Macht unterstützt", sagte Slomka, der den atmosphärischen Wandel im Team schon während der Trainingswoche spüren konnte: "Die Mannschaft hat sich vor dem Wolfsburg-Spiel vom Charakter her verändert."

Endspiel in Freiburg vor der Brust

Die Spieler hätten sich nun endlich auf die neue Situation und den neuen Trainer eingestellt. Für Slomka ging damit mitten in der Saison "eine gefühlte Vorbereitungszeit" zu Ende, für die Mannschaft - so hofft man in Hannover - die Phase der Trauer.

Der Neuanfang käme keine Sekunde zu früh. Denn am Samstag muss Hannover nach Freiburg - auch ohne künstliche Melodramatik wohl ein Endspiel um den Klassenerhalt. Der Sportclub ist der einzige Konkurrent, den 96 im direkten Vergleich noch schlagen kann: Die Partie gegen Nürnberg ging bereits verloren, Köln ist mit neun Punkten Abstand wohl schon außer Reichweite.

Und apropos Endspiel: Eine Niederlage könnte auch den intern nie ganz unumstrittenen Slomka den Job kosten. Sportdirektor Jörg Schmadtke schloss während der Woche zwar den dritten Trainerwechsel in der laufenden Saison aus. Der umtriebige Klubboss Martin Kind, der sich von Anfang an eher einen Feuerwehrmann gewünscht hatte, allerdings betont stets seine Bereitschaft, "alles für den Klassenerhalt zu tun".

Verletzte kehren zurück

Immerhin aber kehren neben einer Portion Hoffnung und Selbstvertrauen aus dem letzten Heimspiel nun langsam auch die Verletzten in Hannover zurück. Leon Andreasen und Steve Cherundulo haben ihre Blessuren auskuriert, und auch Didier Ya Konan, mit sechs Treffern nach wie vor bester Torschütze, kann nach einem Innenbandanriss im Knie wieder voll trainieren. "Er ist auf einem richtig guten Weg", bestätigte Slomka am Mittwoch.

Mut macht außerdem der jüngste Auftritt des 22-jährigen Rechtsverteidigers Manuel Schmiedebach: "Der Junge hat gegen Wolfsburg angstfrei gespielt", lobte Schmadtke den Youngster: "Schön, wenn ein junger Spieler auch mal ein Signal setzt für die anderen."

In der Tat sind die Unbekümmertheit und Spielfreude eines unbedarften Spielers oft von unschätzbarem Wert - gerade im ganz normalen Abstiegskampf.

Lazarett von Hannover 96 lichtet sich

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