Felix Darwin und die Schalke-Mutation

Von Haruka Gruber
Freitag, 12.03.2010 | 16:03 Uhr
Schalke vor Saisonstart - keine andere Mannschaft hat sich 2009/2010 derart verändert
© Getty
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Taktik, Transfers oder die Talentförderung: Kein anderer Klub hat sich in einem Jahr derart gewandelt wie Schalke. Und die Evolution ist noch lange nicht zu Ende. SPOX zeichnet die radikalen Veränderungen der letzten Monate nach.

Die fußballerische Ausrichtung:

Schalke definiert sich wie vergangene Saison über seine Defensivstärke und Standards. 19 Gegentore sowie 15 erzielte Kopfballtreffer bedeuten Liga-Topwert. In der Offensivbewegung hingegen geht Schalke weiterhin die Brillanz ab, die von einem Topteam erwartet wird.

Magath ist sich des Defizits bewusst: "Ich grüble ständig, wie wir mehr spielerischen Glanz reinbringen. Wir arbeiten defensiv sehr gut, doch das geht auf Kosten der Offensive. Damit kann ich nicht zufrieden sein." Nur: Es fehlen die von ihm gewünschten Spieler.

Um dies zumindest ansatzweise zu kompensieren und dennoch den Gegner zu überraschen, switcht Pragmatiker Magath fast schon exzessiv zwischen verschiedenen taktischen Grundformationen. In den letzten drei Partien bot er drei Systeme (!) auf. In Frankfurt war es ein 4-4-2 mit Raute, gegen Dortmund ein flaches 4-4-2, in Wolfsburg ein 4-3-3.

Unberechenbarkeit als Konzept. In der vergangenen Saison war Schalke fast ausschließlich im 4-3-3 (oder je nach Lesart: 4-2-3-1) aufgelaufen. Einer der wichtigsten Unterschiede zum Vorjahr, um Magaths Erfolg zu erklären.

Eine nachhaltige fußballerische Metamorphose hin zu ansehnlichen Angriffsfußball plant Magath erst nächste Saison. Mit einem Baumjohann in bester Verfassung und weiteren Zugängen.

Magath: "Wir stehen zu tief, spielen zu passiv und zu wenig nach vorne. So wie es Schalke schon seit Jahren macht. Das ist grundsätzlich nicht meine Welt. Doch wir können die Mannschaft nicht von heute auf morgen völlig umkrempeln. Dafür brauchen wir viel Zeit und andere Spielertypen."

Die Transfer-Politik:

So unbarmherzig Magaths Trainingspensum in der Vorbereitung ist, so gnadenlos stellt er seine Mannschaft zusammen. Ohne groß auf zwischenmenschliche Befindlichkeiten zu achten, blähte er den Kader auf fast 40 Spieler auf. Konkurrenzkampf als Katalysator für Leistung - oder wie Charles Darwin es formuliert hätte: "Survival of the fittest."

Statt wie in der Vergangenheit vor allem auf teure und teils tollkühne Transfers zu setzen, streut Magath angesichts klammer Kassen das Risiko, indem er für kleines Geld teils völlig unbekannte Talente verpflichtet.

Diese werden für einige Monate beobachtet und je nach Bedarf aussortiert (was finanziell vertretbar ist) oder bekommen für nächstes Jahr einen fixen Platz im Kader. Zu den Casting-Teilnehmern bei Magaths Ausleseprozess gehören derzeit Hao, Gavranovic, Ibraimi, Müller oder Reginiussen.

Schon wenn sich ein oder zwei dieser Schnäppchen durchsetzen, war diese Strategie ein finanzieller Erfolg. Bei Magath ist klar: Wenn er eine siebenstellige Summe ausgibt, dann nur für Spieler, von denen er vollkommen überzeugt ist. Wie eben Baumjohann oder Kluge.

Die Führungsstruktur:

Magath machte bereits beim Amtsantritt deutlich, dass er neben der Mannschaft auch die Führungsstruktur als entscheidenden Punkt seines Wirkens ansieht. Zunächst wurde die Vereinsführung mit der Entmachtung des Präsidenten Josef Schnusenberg entschlackt, der seine Finanzkompetenz an Peter Peters abgeben durfte/musste.

Damit stehen Schalke mit Magath (Sportliche Leitung/Öffentlichkeitsarbeit/Marketing) und Peters (Finanzen/Verwaltung) zwei Geschäftsführer vor, die im operativen Geschäft alleinig das Sagen haben.

Die vielleicht entscheidende organisatorische Veränderung ging jedoch fast unbemerkt vonstatten. Magath schuf eine zweite Managementebene, indem er wichtige Vertrauenspersonen als seine Assistenten anstellte.

Olaf Prang, früher bei "Unilever" (u.a. Langnese, Rexona) tätig, ist Magaths rechte Hand in der Administration, der ehemalige Cottbus-Pressesprecher Ronny Gersch wiederum assistiert Magath im sportlichen Bereich. Als Pressesprecher wurde Rolf Dittrich aus Wolfsburg nachgeholt. Seit einigen Wochen arbeitet zudem Dr. Markus Kern (Ex-Geschäftsführer von 1860) als Finanz-Experte.

Die Öffentlichkeitsarbeit:

Es ist kurios: Als gelernter Journalist kümmert sich Peters um die Finanzen, während Magath zusammen mit Dittrich die Fäden bei der Pressearbeit zusammenhält. Wie es heißt, lässt sich Magath jedes Interview vorlegen, bevor der Verein die Freigabe erteilt.

Was sich ungewöhnlich anhört, hat erstaunlichen Erfolg: Vor lauter Respekt (oder Angst) vor Magath dringen Kabineninterna kaum mehr in die Öffentlichkeit. Selbst Spielerberater trauen sich nur noch selten, Gerüchte zu platzieren, da sie Repressalien für ihre Klienten befürchten. Ein extremer Kontrast zu den vergangenen Jahren.

Die Interview-Disziplin hält sogar beim früher noch so redseligen Aufsichtsratsboss Clemens Tönnies an, der seine Versprechen wahr macht und sich tatsächlich medial in Zurückhaltung übt. Einige sagen, dass das Magaths größte Leistung ist.

Die Nachwuchsarbeit:

Die nahtlose Integration von Spielern aus der U 23 (Schmitz, Moritz) und der Jugend (Matip) in die Profi-Abteilung deutet an, welch Potenzial in Schalke steckt. Dennoch war Magath mit der Arbeit der Nachwuchsabteilung unzufrieden, weswegen er den Bereich grundlegend umstrukturierte.

Die U 23 wurde vor einem Monat ausgegliedert und ist nun eine eigenständige Abteilung, die von Bodo Menze (zuvor Koordination von Vorstandsprojekten sowie internationalen Angelegenheiten) geleitet wird. Verlierer der Umstrukturierung ist Uwe Scherr, dem die Zuständigkeit für die zweite Mannschaft entzogen wurde. Scherr verantwort nun nur noch die Jugendmannschaften von der U 9 bis U 19.

Um den drohenden Abstieg der zweiten Mannschaft in die Fünftklassigkeit zu verhindern, wurde zudem der glücklose Oliver Ruhnert durch Trainer-Talent Michael Boris ersetzt.

Boris absolvierte zuvor ein Praktikum bei der Profi-Mannschaft und sagt über seine Philosophie: "Ich bin jemand, der die Jungs gerne laufen lässt. Viele meinen zwar, dass man mehr mit dem Ball trainieren müsste - aber die Grundlage für jeden Erfolg ist und bleibt die Ausdauer."

Ein Satz, der von Magath stammen könnte.

Schalke - Stuttgart: Wen interessiert die Meisterschaft?

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