Dortmunds Südamerika-Fraktion im Interview

"Die beste Entscheidung meines Lebens"

Von Interview: Benny Semmler
Donnerstag, 04.02.2010 | 12:06 Uhr
Entspannte Atmosphäre: SPOX-Reporter Benny Semmler mit Barrios und Valdez (v.l.n.r.)
© spox
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Trotz der Niederlage in Stuttgart ist Borussia Dortmund im Rennen um die begehrten internationalen Plätze weiter gut dabei. Zwei Garanten für den Dortmunder Aufschwung sind Nelson Valdez und Lucas Barrios. Im Doppel-Interview sprechen die beiden Südamerikaner über Fußball als Laufsport, Leistungsdiagnostik per Mail und Samba-Abende mit Teamkollege Dede.

SPOX: Herr Barrios, was macht Ihr Deutsch?

Nelson Valdez: Katastrophe! Da kommt noch gar nichts. Ich konnte mich nach einem halben Jahr schon unterhalten. (lacht)

Lucas Barrios (auf deutsch): Das stimmt nicht. Es wird immer besser. Du bist ja schon neun Jahre hier. Ich erst sechs Monate.

SPOX: Gibt es Deutsch-Unterricht?

Barrios: Zwei Mal in der Woche, 60 Minuten.

SPOX: Das ist nicht viel. Und der Kollege Valdez verweigert offenbar auch jegliche Hilfe?

Barrios: Überhaupt nicht. Nelson war mein erster Ansprechpartner. Auch außerhalb des Fußballs. Wir sprechen ja beide spanisch, und er hat mir sofort in vielen Dingen geholfen. Aber mein Deutsch wird von Woche zu Woche besser. Auch wenn ich noch viele Fehler mache. Ich rede eben einfach drauf los, habe keine Angst etwas falsch zu sagen.

Valdez: Ja. Er verbessert sich tatsächlich. Aber viele Südamerikaner sind fremdsprachenfaul. Hast du schon auf Deutsch ein Essen bestellt?

Barrios: Ja klar. Ich war sogar schon im Supermarkt.

SPOX: Was macht das Dortmunder Nachtleben? Ist die Südamerika-Clique oft zusammen unterwegs?

Valdez: Eigentlich nicht. Wir haben andere Qualitäten.

Barrios: Ja. Unsere Party steigt in der Kabine. Wir sind die Stimmungsmacher - obwohl uns fast niemand versteht.

SPOX: Ihr Kollege Dede ist der Erfinder der "Samba-WG". Da soll es doch abgehen.

Es wird südamerikanisch zwischen beiden. Sie lachen laut und reden sich in Rage. Dann antwortet Barrios auf Deutsch.

Barrios: Dede, Katastrophe! (lacht)

Valdez: Er hat uns noch nie eingeladen. Dabei machen wir so viel Stimmung beim Training. Wir wären die perfekten Gäste.

Barrios: Komm' Nelson, wir holen ihn mal zu uns und zeigen ihm, wie man Spaß haben kann.

Barrios steht auf und tippelt mit den Füßen halbwegs elegant ein kleines Tänzchen hin...

SPOX: Nelson, in Paraguay sind Sie ein Volksheld, wurden zuletzt zum vierten Mal hintereinander zum "Promi des Jahres" gewählt. In Dortmund ist Lucas der Star.

Valdez: Er schießt zwar mehr Tore, dafür arbeite ich mehr für die Mannschaft. Ich bin eben der Arbeiter von uns beiden.

Barrios: Was redest du da? Ich laufe genauso viel. Sonst macht der Trainer Ärger.

SPOX: Das mit Ihnen beiden passt offenbar... Aber Spaß beiseite: Wie sieht es auf dem Platz zwischen Ihnen aus? Tauschen sich Sturm-Kontrahenten untereinander aus?

Valdez: Na klar. Ich sage ihm zum Beispiel: 'Versuche es bei dem Spieler mal über die rechte Seite. Da hat er seine Schwächen'.

Barrios: Das stimmt. Das macht er wirklich.

Valdez: Wenn ein Verteidiger etwas langsamer ist, dann sage ich: 'Lucas, nimm den Ball und gehe vorbei. Der kriegt dich nicht!'

SPOX: Ein Beispiel bitte.

Valdez: Im Spiel gegen den HSV wollten wir Mathijsen auf seiner rechten Seite erwischen - der ist nämlich Linksfuß. Dann war es einige Mal so, dass ich Lucas so angespielt habe, dass Mathijsen immer mit seinem rechten Fuß klären musste.

Barrios: Stimmt. Er hat einige Mal ganz schön geschwitzt.

SPOX: Was war Ihre beste gemeinsame Szene bislang?

Valdez: Das Tor gegen Leverkusen. Meine Flanke auf Lucas.

Barrios: Und ich mache das Ding mit dem Kopf rein.

Valdez: Ein überragendes Kopfballtor. Das Tor machen nicht viele Stürmer.

Barrios: Aber deine Flanke passte auch perfekt. Hyypiä hat gegen mich verteidigt, und er kam einfach nicht an den Ball heran.

SPOX: Inzwischen schwitzen alle Abwehrreihen, wenn Barrios aufläuft. Sie haben schon zehn Mal eingenetzt.

Barrios: Ich will immer mein Tor machen. Das ist mein Job.

SPOX: Sie sind eben ein echter Welttorjäger.

Barrios: Hey, ein Tor vor 80.000 Zuschauern ist einfach ein geiles Gefühl. Deswegen haue ich mich auch so rein. Selbst wenn der Ball auf der Linie liegen würde, bin ich voll konzentriert und will auf Nummer sicher gehen. Ich will jede Chance nutzen.

SPOX: Dabei wurden Sie nach den ersten Spielen im BVB-Dress als "Weltnixtorjäger" veräppelt.

Barrios: Soll ich mir darüber Gedanken machen? Ich weiß, was ich kann. Die Mannschaft weiß, was ich kann. Und der Trainer auch. Ich bin nicht hier, um Journalisten etwas zu beweisen.

SPOX: Nelson, sind Sie neidisch auf Lucas? Er zeigt Ihnen, wie man Tore schießt.

Valdez: Ich bin höchstens auf seinen Frisör neidisch. So witzig, wie er mit seinen hochgegelten Haaren aussieht.

SPOX: Also nicht neidisch?

Valdez: Ich kenne keinen Neid. Wir sind beide Südamerikaner, und ich freue mich bei jedem Treffer für ihn. Gerade weil er einen schweren Start hier hatte, und von den Medien gleich schlecht gemacht wurde. Viele Leute haben einfach keine Ahnung. Sie wissen nicht wie es ist, wenn man als junger Mensch plötzlich tausende Kilometer von der Familie entfernt seinem Job nachgeht. Meinst du, dass du morgen deinen Job in Argentinien genauso gut machen könntest, wie heute in Deutschland?

SPOX: Ganz sicher nicht. Lassen Sie uns über den BVB-Lauf sprechen. Dortmund steht nach Jahren des Mittelmaßes wieder oben in der Tabelle. Wie hat der BVB das hinbekommen?

Valdez: Die Atmosphäre im Team ist fantastisch. Jürgen Klopp hat ein Konzept und das heißt: Laufen. Wir spielen immer Pressing, erzwingen viele Fehler des Gegners. Und vorne steht Lucas, der ab und zu das Tor trifft.

SPOX: Hoffenheims Ralf Rangnick stauchte nach der Niederlage gegen den BVB seine Mannschaft erstmal zusammen. Sein O-Ton: "Einfach klasse, was der Großkreutz da abgeliefert hat. Keiner von euch ist auch nur annähernd an seinen Wert rangekommen." An dem Tag waren auch noch Bender und Sahin besser als der beste Hoffenheimer. Das passiert denen sicher auch nicht so oft.

Valdez: Das Spiel war wirklich überragend. Danach haben uns die Zeitungen in Dortmund 'Kilometerfresser' genannt. Neulich beim HSV-Spiel hatte Schmelzer als Außenverteidiger einen Laufwert von 11,1 Kilometern. Das ist über-überragend.

SPOX: Bekommen Sie die Laufwerte nach den Spielen mitgeteilt?

Valdez: Ja, per E-Mail. Das ist so eine Datenbank. Da steht alles über den Spieler drin. Pässe, Zweikämpfe, Torschüsse, erste Halbzeit, zweite Halbzeit, Kopfballduelle - alles! Das sind über 40 Statistiken. Und Jürgen Klopp guckt sich die Laufwege genau an. Er ist total heiß darauf, dass wir mehr rennen als der Gegner. Ich glaube, er kriegt einen Herzinfarkt, wenn ein Team mehr rennt als wir. (lacht)

SPOX: Lucas, sind Sie jemals in Ihrem Leben so viel gelaufen wie in Dortmund?

Barrios: Noch nie.

SPOX: Sie haben Ihren Wechsel also schon bereut?

Barrios: Dortmund war die beste Entscheidung meines Lebens. Mehr muss ich dazu wohl nicht sagen.

SPOX: Hatten Sie eigentlich andere Angebote?

Barrios: Bremen und Hamburg interessierten sich auch für mich. Aber als das Angebot von Dortmund konkreter wurde und Jürgen Klopp ins Spiel kam, wollte ich nur noch nach Dortmund. Jetzt bin ich ein halbes Jahr hier, und es gefällt mir immer besser. Vor allem die BVB-Fans sind das Größte, was ich je erlebt habe.

SPOX: Wir sind etwas vom Thema abgekommen. Wir wollten über den BVB-Lauf sprechen. Neuerdings sprechen alle von "Vollgasveranstaltungen" im Signal Iduna Park.

Valdez: Wir sollten die Lage nicht überbewerten. Allein das letzte Heimspiel gegen den HSV hätte anders laufen können. Berg und Petric hatten richtig gute Chancen, haben das Tor aber nicht getroffen. Ich kann mich noch an das Hinspiel erinnern. Da stand es nach einer Viertelstunde 3:1 für Hamburg. Da ging jedes Ding von denen rein. Dabei haben wir ganz ordentlich gespielt. Na ja, und in Stuttgart hatten wir jetzt etwas Pech mit den vielen Gegentoren kurz vor dem Abpfiff. An einem Samstag wundert man sich eben, dass man gewonnen hat. Eine Woche später fragt man sich: Wie konnten wir da verlieren?

SPOX: Die Liga staunt über Nuri Sahin. Was sagen Sie zu einem Kapitän, der mit 21 der BVB-Chef ist?

Barrios: Ein toller Spieler. Ich finde es erstaunlich, wie ruhig und überlegt er seine Entscheidungen auf dem Platz trifft. So jung und so cool -  von seinem Kaliber gibt es nicht viele Spieler.

Valdez: Er war ja schon als 16-Jähriger ein riesiges Talent. Ich glaube, ihn hat die Zeit in Rotterdam extrem weitergebracht. Und mit seinem Alter habe ich überhaupt gar kein Problem. Er ist ein Ausnahmespieler. Und heutzutage muss ein Kapitän nicht mehr 33 sein. Die Leistung muss stimmen.

SPOX: Zuletzt passte es ja. Da macht auch der Besuch beim Stamm-Italiener wieder Spaß.

Valdez: Ja, ja. Wir dürfen uns wieder blicken lassen. An der Kreuzung klopfen die Fans auch mal wieder an die Scheibe und machen den Daumen hoch. Und im Restaurant spendiert der Chef auch mal wieder ein Glas Wein. Die ganze Stimmung in Dortmund ist besser, wenn wir gewinnen.

SPOX: Zum Schluss: Südamerikaner und Schnee. Geht das überhaupt?

Barrios: Das ist gerade wirklich der Wahnsinn. Ich habe noch nie im Schnee trainiert, und jetzt sehe ich seit zwei Monaten nichts anderes. Die Hände sind nach jedem Training fast abgefroren, die Füße spüre ich manchmal gar nicht mehr. Nelson, wann kommt die Sonne wieder?

Valdez: Wenn wir vor Schalke sind. Aber jetzt müssen wir zum Training. Sonst will der Trainer ein Strafgeld von uns.

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