Freitag, 08.01.2010

Gladbachs Torwarttrainer Uwe Kamps im Interview

"Man muss auch etwas verrückt sein"

Die "Schattenmänner" der Bundesligisten - von Montag bis Freitag lässt SPOX fünf Männer zu Wort kommen, die etwas weniger im öffentlichen Fokus der Bundesligavereine stehen. Heute: Uwe Kamps, Torwarttrainer von Borussia Mönchengladbach.

Uwe Kamps ist seit 1982 bei Borussia Mönchengladbach und derzeit Torwarttrainer der Fohlen
© Imago
Uwe Kamps ist seit 1982 bei Borussia Mönchengladbach und derzeit Torwarttrainer der Fohlen

Uwe Kamps ist eine Gladbacher Institution. Seit 1982 ist er bei der Borussia und absolvierte dort 390 Bundesligapartien. Im Interview spricht der heutige Torwarttrainer über die Veränderung des Torwartspiels, vier gehaltene Elfmeter und ein Angebot von Real Madrid.

SPOX: Wie kam es dazu, dass Sie Torwarttrainer in Gladbach wurden?

Uwe Kamps: Ich bin nun im 28. Jahr hier. Nach gut 20 Jahren habe ich mir in den Vertrag hinein schreiben lassen, dass ich nach der aktiven Zeit etwas im Trainerbereich machen darf. Diese Position hat sich eben angeboten und mich am meisten interessiert. Nach dem Aufstieg 2001 hatte ich zu große Probleme mit meinem Knie. Damals war Uli Sude Torwarttrainer, A-Jugendtrainer und Jugendcheftrainer in einem. Ihm habe ich dann angeboten, das Torwarttraining zu übernehmen.

SPOX: Wie war für Sie die Anfangszeit? Es war doch bestimmt ungewohnt, nun die Bälle zu werfen, nach denen Sie selbst jahrelang gehechtet sind.

Kamps: Es war schon eine Umstellung. Man musste sich erstmal hinein denken. Am Anfang geht man von seiner eigenen Erfahrung aus, aber mit der Zeit lernt man, dass der Torhüter dieses und der andere jenes braucht.

SPOX: Wie sieht in der Regel Ihr Wochenablauf als Torwarttrainer aus?

Kamps: Montag ist für die Profis meistens frei. Ich kümmere mich am Nachmittag um die Talente. Wir haben eine Torwartschule, da kommen Kinder aus der Region. Ab 18 Uhr trainiere ich noch unsere U-17- und U-19-Torhüter. Dienstag haben wir zweimal Training mit den Profitorhütern. Da habe ich sie auch alleine für mich. Am Nachmittag machen wir dabei eine Art Aufwärmprogramm. Mittwochs ist meistens ein Mal Training, da wird dann auch aufgewärmt. Am Nachmittag trainiere ich unsere Talenttorhüter. Donnerstag ist wieder normales Training mit den Profis. Am Abend dann wieder Jugendtraining. Freitag findet das Abschlusstraining statt und man fährt ins Trainingslager. Am Spieltag nimmt man an Mannschaftsbesprechungen teil und wärmt die Torhüter im Stadion auf. Sonntagmorgens ist dann noch Auslaufen.

SPOX: Wie sieht ein übliches Torwarttraining aus, was wird da speziell trainiert?

Kamps: Das ist unterschiedlich. Man macht verschiedene Dinge: Übungen, wo sie mit dem Fuß arbeiten müssen oder einfach mal nur Flankentraining. Es gibt auch spezifisches Training, wo es dann eher um Kräftigungsübungen geht.

SPOX: Was hat sich am Torwarttraining im Laufe der Jahre verändert?

Kamps: Weniger das Training, sondern das Torwartspiel an sich hat sich extrem verändert. Zu meiner Anfangszeit durfte ich noch alles, beispielsweise den Ball achtmal hintereinander nach einem Rückpass in die Hand nehmen. Die heutige Generation wächst aber damit bereits auf und wird auch im Training darauf vorbereitet. Früher gab es auch keinen richtigen Torwarttrainer. Heute gehört er mit zum Trainerteam. Das ist wichtig für die Torhüter, da sich der Trainer, gerade wenn es ein ehemaliger Torwart ist, in sie hineinversetzen kann.

SPOX: Gibt es Übungen, die Sie früher verpönt haben und heute trainieren lassen?

Kamps: Klar, die ganze Laufarbeit zum Beispiel. Ich selbst versuche nun auch, einen Torhüter in einer Viertelstunde so kaputt zu machen, dass er keinen Ball mehr festhalten kann (lacht).

SPOX: Vertraut man als Torwarttrainer nur auf seine eigene Erfahrung oder bildet man sich in irgendeiner Form weiter?

Kamps: Beides. Man vertraut auf eigene Dinge und es werden auch neue Sachen angeboten. Wenn man alle Bundesligatorwarttrainer durchgehen würde, hätte man in Sachen Trainingsinhalten wahrscheinlich 70 Prozent Überschneidungen. Ich habe aber auch gehört, dass es in Zukunft einen Torwarttrainerschein beim DFB geben soll.

SPOX: Worauf legen Sie in Ihrem Training besonderen Wert?

Kamps: Erstens auf die athletische Seite. Man braucht eine gute Rumpfmuskulatur und Sprungkraft. Dazu kommen die verschiedenen Techniken: Die Grundstellung muss passen und man sollte den richtigen Auftaktschritt verinnerlichen. Das ist ein Zusammenspiel. Das, was man an athletischen Voraussetzungen mitbringt, muss man auch technisch umsetzen können.

SPOX: Welche Charaktereigenschaften halten Sie bei Torhütern für besonders wichtig?

Kamps: Grundvoraussetzung ist, dass ein Torhüter eine innere Ruhe mitbringt. Die muss er auch auf die Mannschaft ausstrahlen können. Auf der anderen Seite muss man auch etwas verrückt sein. Gerade wenn man bereit ist, sich jedem entgegen zu schmeißen, der einem die Kugel volles Rohr um die Ohren hauen will. Es ist eben eine besondere Position, deshalb haben wohl auch viele ihre Macken, was beispielsweise Klamotten oder Haarschnitte angeht.

SPOX: Marc-Andre ter Stegen ist ein großes Talent aus dem Gladbacher Nachwuchsbereich. Wie weit ist er momentan?

Kamps: Er saß bei uns schon bei einem Bundesligaspiel auf der Bank. Das sagt eigentlich alles. Wir setzen ihn da ja nicht hin, wenn wir es ihm nicht zutrauen.

SPOX: Welche Perspektive hat er derzeit bei Borussia?

Kamps: So talentierte Jungs wie ihn gibt es recht selten. Er hat auch einen längerfristigen Vertrag hier unterschrieben. Er muss nun erstmal die Schule abschließen. Zudem kommt noch der DFB, so dass er immer ein großes Paket mit sich herum tragen muss. Und dennoch hat er schon klasse Leistungen gezeigt.

SPOX: Ist das Scouten von Talenten eigentlich Teil Ihres Jobs?

Kamps: Eher weniger. Sie sehen ja, innerhalb der Woche ist es schwierig, noch viel herum zu fahren und Spiele anzuschauen. Ich bemühe mich, die Spiele unserer U 23, U 19 und U 17 zu sehen. Ansonsten haben wir eine tolle Scoutingabteilung, so dass ich mir die Talente persönlich vor Ort anschauen kann.

SPOX: Einige junge und talentierte Jugendtorhüter wechselten verstärkt nach England. Worin sehen Sie die Gründe?

Kamps: Ich denke, dass die englischen Vereine eben auch auf Talente gucken. Man holt 15-, 16-, 17-Jährige und schaut, wie sie sich entwickeln. Sie nutzen sie aber auch als Wertanlagen, um sie später auszuleihen oder zu verkaufen. Im Moment wird das aber weniger. Das war wohl nur eine Phase. Meiner Meinung nach haben die sich auch nicht so entwickelt, wie sie sich das selbst vorgestellt haben. Keiner von denen könnte nun direkt in der Bundesliga spielen.

SPOX: Ab welchem Alter halten sie spezielles Torwarttraining für sinnvoll?

Kamps: Ich finde es gut, wenn Torhüter in den ganz unteren Jugendbereichen noch alles mit der Mannschaft mitmachen. Wenn ich aber einen habe, der sagt, dass er unbedingt ins Tor möchte, dann sollte man ihn auch individuell durch gezieltes Training fördern.

SPOX: Sie selbst hielten im DFB-Pokal-Halbfinale 1992 alle vier Elfmeter der Leverkusener (zum Video). Inwiefern begleitet dieser Abend Ihr aktuelles Leben?

Kamps: Damit werde ich ständig in Verbindung gebracht. Manchmal bekomme ich es auch im Internet von den Jungs gezeigt. Gerade bei Pokalspielen ist die Geschichte natürlich immer brandaktuell.

SPOX: War das damals eigentlich nur Glück?

Kamps: Das weiß ich auch nicht. Es war einfach ein geiler Tag. Zum Glück war Jürgen Gelsdorf unser Trainer. Der war zuvor in Leverkusen und gab mir den Tipp, dass Jorginho immer in dieselbe Ecke schießt. Da habe ich natürlich auf den Trainer gehört. Und so ging das dann weiter.

SPOX: Sind Sie traurig, dass Leverkusen nicht noch einen fünften Elfmeter schießen durfte? Schließlich wären fünf gehaltene Elfmeter Weltrekord gewesen.

Kamps: Wichtig war in erster Linie natürlich das Weiterkommen. Aber an diesem Tag hätte ich wohl auch einen fünften Elfmeter gehalten.

SPOX: Sie waren während Ihrer gesamten Profikarriere in Gladbach. Gab es nicht einmal Angebote, den Verein zu wechseln?

Kamps: Als Claus Reitmaier nach Gladbach kommen sollte, stand ich vor einem Wechsel zu Galatasaray Istanbul. Das hat sich aber zerschlagen, weil Reitmaier doch noch nicht kam. Eine Riesenehre für mich war auch ein Angebot von Real Madrid. Das wäre aber eher als zweiter oder dritter Torwart gewesen. Im Nachhinein wäre das dort sogar ein turbulentes Jahr gewesen, wo man eventuell auch die Chance auf Einsätze bekommen hätte (lacht).

SPOX: Sie haben 2004 die Fußballlehrerlizenz erworben. Könnten Sie sich auch einen Job als Cheftrainer vorstellen?

Kamps: Als Torhüter ist es schwierig. Das zeigt ja die Geschichte. Aber ich könnte mir vorstellen, es bei uns im Nachwuchsbereich einmal zu probieren. Dazu habe ich den Schein ja auch gemacht.

Uwe Kamps im Steckbrief

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