Ruud van Nistelrooy im Porträt

"Ich bin eine lebende Zeitbombe"

Von Stefan Moser
Dienstag, 26.01.2010 | 10:44 Uhr
Ruud van Nistelrooy wechselt von Real Madrid zum Hamburger SV
© Getty
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Mit Ruud van Nistelrooy angelte sich der Hamburger SV einen der besten Mittelstürmer des 21. Jahrhunderts. Sein Weg war geprägt von schlaflosen Nächten, Ärger mit Cristiano Ronaldo und der Sucht nach einem bestimmten Geräusch.

Wie klingt eigentlich ein Tor? Wie hört es sich an, wenn der Ball knapp unter der Latte im Netz einschlägt und dann mit Drall die Maschen entlang bis zum Boden gleitet? Ruud van Nistelrooy behauptet, es mache dann: "Tschouuuu!"

Er muss es wissen. Immerhin ist Hamburgs neuer Stürmerstar süchtig nach diesem Geräusch: "Keine Ahnung warum, aber ich brauche diesen Sound. Ich habe es als Kind immer gehasst, wenn auf dem Bolzplatz keine Netze im Tor waren. Ich muss dieses Geräusch einfach immer wieder hören."

216 Mal hörte van Nistelrooy bis heute genau dieses Geräusch während eines Pflichtspiels. Unglaubliche 216 Mal machte es "Tschouuuu" - in 316 Partien für Heerenveen, Eindhoven, Manchester United und Real Madrid.

Van Nistelrooy: Der geborene Strafraum-Spieler

In Holland, England und Spanien wurde der heute 33-Jährige jeweils Torschützenkönig, drei Mal gewann er außerdem die Auszeichnung als treffsicherster Schütze in der Champions League, 2002 wurde er sogar zum Welttorjäger gekürt. Die Sucht nach Toren machte Ruud van Nistelrooy neben dem Brasilianer Ronaldo (217 Tore in 298 Spielen in Europa) wohl zum besten Mittelstürmer des noch jungen 21. Jahrhunderts.

Seine beste Zeit erlebte er dabei in Manchester (2001-2006), wo er gleich reihenweise Vereinsrekorde knackte und am Ende in 150 Spielen 95 Tore erzielt hatte. Nur ein einziges davon übrigens von außerhalb des Sechzehners.

Van Nistelrooy ist der geborene Strafraum-Stürmer: Er ist groß, kantig und kopfballstark, aber dennoch ausgesprochen schnell, wendig und beweglich. Er verfügt über unglaubliche Instinkte und eine exzellente Ballbehandlung. Sein Trainer in Heerenveen, Foope de Haan, behauptete sogar, er hätte in seinen riesigen Füßen mehr Gefühl als andere in ihren Händen.

"Im Kopf rauschen die Gedanken"

Zum augenfälligsten Markenzeichen des Niederländers aber wurde sein unbedingter Wille zum Erfolg: "Sobald ich den Platz betrete, interessiert mich nur noch eins: das Tor. Mein oberstes Ziel ist der Sieg und dafür investiere ich in jedes einzelne Spiel mein Herz und meine Seele".

Tatsächlich rauben Niederlagen van Nistelrooy buchstäblich den Schlaf.

Er liegt dann die Nächte wach, weil er sich selbst die Schuld gibt: "In meinem Kopf rauschen die Gedanken, ich zermartere mir das Hirn, wo ich einen Ball schlecht verarbeitet habe, oder eine falsche Entscheidung getroffen. Dann gehe ich auf den Trainingsplatz und versuche, mein Spiel weiter zu perfektionieren. Jeden Tag."

Diese besessene Entschlossenheit trieb van Nistelrooy immer wieder auch an den Rand der sportlichen Legalität. Er lotete nicht nur seine eigenen Grenzen aus, sondern auch die der Schiedsrichter - und wurde damit noch mehr zum Albtraum seiner Gegenspieler.

Vieira: "Er ist ein Simulant und Hurensohn"

Patrick Vieira, damals Kapitän des Dauerrivalen FC Arsenal, etwa schrieb in seiner Biographie: "Er ist ein Simulant, ein Treter und ein Hurensohn, ich hasse ihn. In seiner Karriere gab es zu viele Sauereien, die zu oft verschwiegen worden sind. Er tritt, er schlägt, ich ertrage es nicht, ihn zu sehen."

Van Nistelrooy musste sich im Lauf seiner Karriere häufig gegen derartige Vorwürfe verteidigen. Und irgendwie erinnerte er dabei immer ein wenig an Oliver Kahn. "Stürmer sind wahrscheinlich genauso bescheuert wie Torhüter, aber man muss einfach den Druck sehen, den wir uns größtenteils selbst aufbauen. Für Fremde ist es kaum nachvollziehbar, wie ich mich vor allem auf große Spiele vorbereite. Ich heize mich an, lade mich auf, ich bin dann fast wie eine lebende Zeitbombe, die unbedingt losgelassen werden muss. Diese ganze Spannung und Aggression muss dann auch raus."

Und zwar am besten durch einen Torschrei: Wenn van Nistelrooy in seiner typischen Art mit weit aufgerissenem Mund und geballten Fäusten brüllend in die Kurve läuft, lässt sich die Anspannung erahnen, die in diesem Moment ihr Ventil gefunden hat.

Der Mann aus der Provinz

Die Fans in England liebten "Van the Man" für diesen Jubel; und sie liebten ihn auch für seine bodenständige und schnörkellose Art außerhalb des Platzes. Rutgerus Johannes Martinus van Nistelrooij wuchs in Brabant, einer ländlich geprägten Provinz nahe der deutschen Grenze auf. "Bescheidenheit und Gradlinigkeit" habe er sich aus dieser Zeit erhalten.

Als er während seiner Präsentation als Neuzugang in Manchester gefragt wurde, ob United sein Traumverein sei, sagte er trocken: "Nein." Er sei noch nie ein Fan von Mannschaften außerhalb der Niederlande gewesen. "Es wäre einfach gewesen, mich von Anfang an beliebt zu machen", erinnerte sich van Nistelrooy später, "aber ich wollte lieber ich selbst bleiben."

Diese direkte Arte wurde dem Weltklasse-Stürmer  jedoch schon mehr als einmal zum Verhängnis. 2006 flog er nach einem Streit mit Bondscoach Marco van Basten aus der niederländischen Nationalelf, im selben Jahr kam es auch zum Zerwürfnis mit United-Trainer Alex Ferguson.

Probleme mit Cristiano Ronaldo

"Einige Vorfälle im Training", hätten zu Problemen geführt, sagte Sir Alex. Unter anderem hatte van Nistelrooy immer wieder Ärger mit Jungstar Cristiano Ronaldo: "Er war zu verspielt und verpasste dadurch ständig den richtigen Moment für eine Flanke." Die Situation eskalierte, nachdem der Niederländer den damals 20-jährigen während einer Trainingseinheit anbrüllte: "Geh doch zu deinem Papa!"

Der Satz war eigentlich auf Carlos Queiroz gemünzt. Der portugiesische Co-Trainer kümmerte sich damals verstärkt um seinen jungen Landsmann. Unglücklicherweise aber war Ronaldos leiblicher Vater nur wenige Wochen zuvor gestorben. Und so wurde ein unbedachter Spruch plötzlich zu einer echten Geschmacklosigkeit. Wenig später wurde van Nistelrooy, der ursprünglich seine Karriere in Manchester beenden wollte, ein Wechsel nahe gelegt.

Der FC Bayern galt damals als heißer Kandidat, Karl-Heinz Rummenigge berichtete bereits von einer Einigung mit Manchester United. Doch dann kam Real Madrid, bot knapp 6 Millionen Euro netto im Jahr und schnappte den Münchnern einen Weltstar vor der Nase weg.

Immer wieder Knieverletzungen

Obwohl ihm die hysterische Medienlandschaft in Spanien immer suspekt blieb, setzte van Nistelrooy seine Torproduktion auch bei den Königlichen unvermindert fort. 46 Tore in 68 Spielen brachten ihm schnell Vergleiche mit den Klublegenden Ferenc Puskas und Alfredo di Stefano ein. Bis er sich am 5. November 2008 im Champions-League-Spiel gegen Juventus Turin am Knie verletzte.

Leider nicht zum ersten Mal: Bereits 2000 wurde der Transfer nach Manchester wegen eines Kreuzbandrisses für ein Jahr auf Eis gelegt. Seither plagten van Nistelrooy immer wieder Probleme mit dem lädierten Gelenk. Nun stellte der amerikanische Kniespezialisten Dr. Richard Steadman diverse Knorpelschäden fest, entfernte Teile des Außenmeniskus' und behandelte erneut das Kreuzband. Die Saison war für den spanischen Toptorjäger gelaufen.

Aufwendige Reha-Maßnahmen und neuerliche Blessuren verhinderten seither ein ernsthaftes Comeback. Ganze zwölf Ligaminuten stand van Nistelrooy in den letzten 15 Monaten nur auf dem Platz - erzielte dabei aber immerhin einen Treffer. Weil er nach Reals Einkaufstour im Sommer nun keine echte Chance auf Einsatzzeit mehr sah, entscheid er sich für den Wechsel nach Hamburg.

Der Traum von Südafrika

"Ich möchte in den kommenden vier Monaten um eine Chance in der Nationalmannschaft kämpfen. Ich möchte mit der Elftal zur WM in Südafrika, das war einer der ausschlaggebenden Gründe für den Wechsel", sagte van Nistelrooy, der schon seit seiner Schulzeit hervorragend Deutsch spricht, am Sonntag am Rande seiner Abschiedszeremonie in Madrid gegenüber SPOX.

Für diesen Wechsel verzichtet er dem Vernehmen nach auf gut die Hälfte seines Jahresgehalts. Zudem schlug er finanziell lukrativere Angebote aus England aus und entschied sich für die sportliche Herausforderung in der Bundesliga.

"Er hätte es auch einfacher haben können", berichtete HSV-Trainer Bruno Labbadia nach den langen und intensiven Gesprächen, "aber in ihm brennt es noch. Er will unbedingt Fußball spielen und nicht mit einer Verletzung aufhören. Er hat einen unglaublichen Ehrgeiz"

Der HSV gewinnt mit van Nistelrooy also in jedem Fall eine schillernde und willensstarke Führungspersönlichkeit mit einer exemplarischen Sieger-Mentalität, ein Vorbild und einen Mentor für die jungen Spieler und jede Menge Ansehen und Prestige. Ob darüber hinaus die Torfabrik noch einmal die Produktion aufnimmt, wird sich erst in ein paar Wochen zeigen, wenn er einen Muskelfaserriss in der Wade vollständig auskuriert hat.

Fest steht allerdings, dass Ruud van Nistelrooy knallhart an seinem Comeback schuften wird. Denn der Torjäger lebt nach wie vor für diesen einen Moment. Und der klingt in Hamburg nicht anders als in Manchester oder Madrid: Tschouuuu!

Der Transfercoup ist perfekt: Van Nistelrooy kommt

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