"Und wenn ich Kuhscheiße draufschmiere..."

Von Interview: Jochen Tittmar
Montag, 04.01.2010 | 16:00 Uhr
Dieter Trzolek mit seinem berühtem Pendel und einem Bild von Andrij Woronin
© Imago
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Die "Schattenmänner" der Bundesliga - von Montag bis Freitag lässt SPOX fünf Männer zu Wort kommen, die etwas weniger im öffentlichen Fokus der Bundesligavereine stehen. Heute: Dieter Trzolek, Physiotherapeut des 1. FC Köln.

Dieter Trzolek ist ein Urgestein der Bundesliga - und das als Pyhsiotherapeut. Der 62-Jährige ist bekannt für seine ungewöhnlichen Methoden. Im Interview spricht Tscholli über seinen Wechsel nach Köln, die Schweinegrippe und den Schotten Paulo Sergio.

SPOX: Sie haben im Sommer 2008 nach 32 Jahren die Rheinseite gewechselt und sind von Leverkusen nach Köln gewechselt. Wieso das denn?

Dieter Trzolek: Das frage ich mich auch (lacht). Ich habe von Christoph Daum und Michael Meier einen Anruf bekommen. Die wollten wissen, ob ich mir das vorstellen kann. Ich habe gesagt: Vorstellen kann ich mir alles. Dann haben wir das zusammen immer weiter gesponnen, bis ich mir dachte: Warum eigentlich nicht?

SPOX: Sie haben doch sicherlich davor auch schon einige Angebote gehabt. Wieso also ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt?

Trzolek: Es ist ja nicht einfach, nach 32 Jahren zu wechseln. Da sitzt man eigentlich seine drei, vier Jahre ab bis man 65 ist und hört dann auf. Aber irgendwie war das für mich ein Kick und ich dachte: Jetzt versuchst du es einfach mal.

SPOX: Wie lief denn der Abschied in Leverkusen ab? Da dürfte es ja reichlich Tränen und Geschenke geregnet haben.

Trzolek: Ja, da war alles mit dabei. Das war nicht ganz einfach, das muss ich ehrlich zugeben. Das habe ich mir einfacher vorgestellt. Ich habe viele Freunde zurückgelassen.

SPOX: Kaum in Köln angekommen, hatten Sie gleich einen wichtigen Einsatz, als Ümit Özat in Karlsruhe kollabierte. Wie war das aus Ihrer Sicht?

Trzolek: Das Wichtigste war, die Ruhe und Übersicht zu behalten. Hektik ist da fehl am Platz. Es gab auch direkt Unterstützung von FC-Mannschaftsarzt Dr. Kleine und einem Notarzt. Auf einen solchen Vorfall muss man vorbereitet sein. So etwas kann auch im Training passieren. Deshalb stehen bei uns immer Defibrillatoren auf dem Trainingsplatz.

SPOX: Die Schweinegrippe ist in ganz Deutschland ein Thema. Beim FC hatte sich Christopher Schorch angesteckt. Wie ist denn Ihre Meinung zu dieser Epidemie?

Trzolek: Diese ganze Problematik wird meiner Ansicht nach etwas hochgespielt. Ich habe jedem Spieler eine Schachtel Cystus 052 gegeben. Das sind Lutschtabletten. Die wirken gegen das H1N1-Virus und müssen prophylaktisch eingenommen werden.

SPOX: In Köln wird also gelutscht statt geimpft?

Trzolek: Wir haben das jedem freigestellt. Aus der gesamten Mannschaft hat sich nur einer impfen lassen. Die anderen lutschen ihr Cystus 052. Das hoffe ich jedenfalls.

SPOX: Können Sie den Menschen, die nicht wissen, ob sie sich impfen lassen sollen oder nicht, einen Ratschlag geben?

Trzolek: Man sollte auf jeden Fall die Hände desinfizieren und die Lutschtabletten nehmen. Die sind relativ preiswert und schmecken nicht schlecht. Das sollte man zumindest unternehmen, wenn man Angst vor Nebenwirkungen bei der Impfung hat.

SPOX: Lutschtabletten also. Es ist nicht lange her, da haben sich einige Spieler im Internet über Ihre Methoden lustig gemacht...

Trzolek: Das sind junge Spieler, die den Ball gerade einmal geradeaus schießen können. Ich zwinge keinen zu irgendetwas. In Leverkusen war ich 32 Jahre damit erfolgreich. Wer meint, er muss sich darüber lächerlich machen, der soll das ruhig tun.

SPOX: Sind Sie davon nicht etwas enttäuscht?

Trzolek: Wenn sich ein 20-jähriger Spieler darüber lustig macht, kann ich nur drüber lachen. Das ist für mich ein Zeichen von Dummheit.

SPOX: Wie hat sich denn generell das Feedback der Spieler über die Jahre gewandelt?

Trzolek: Die Spieler sind heutzutage alle aufgeklärt. Die kommen zu mir quasi mit der Diagnose in der Tasche in den Raum, weil sie gelesen haben, wenn es hier und dort zieht, dann muss es dies oder jenes sein. Was allerdings auffällt: Die Spieler sind der Naturheilmedizin mehr zugewandt als früher. Da hat man ja noch alles verhöhnt.

SPOX: Früher wurde also mehr auf die Schulmedizin gesetzt?

Trzolek: Klar, man wusste ja von der Naturheilmedizin noch sehr wenig. Wenn ich einem Spieler vorgeschlagen habe, einen Weißkohlwickel um sein dickes Knie zu machen, dann sagte der: 'Willst du mich verarschen?'.

SPOX: Und was sagt man heute?

Trzolek: Das ist egal, man muss die Leute einfach überzeugen. Ich habe das mal bei einem Spieler gemacht, der dann am nächsten Tag ankam und voller Verwunderung sagte: 'Tscholli, schau dir das mal an. Der Kohl war grün, jetzt ist er braun und mein Knie ist ganz dünn.'.

SPOX: Aber ganz ohne Chemie geht es doch auch nicht.

Trzolek: Richtig, man muss schon auch mal 'ne Keule geben. Man kommt nicht immer mit dem Natürlichen aus. Aber es sollte der erste Versuch sein. Wenn das nicht anschlägt, kann ich immer noch zur Chemie greifen.

SPOX: Lutschtabletten, Weißkohl, Chemie - wie sieht ein durchschnittlicher Tag im Leben von Dieter Trzolek aus?

Trzolek: Ich stehe morgens um fünf Uhr auf und gehe um sechs Uhr in meine Praxis. Um sieben Uhr frühstücke ich und fahre anschließend nach Köln. An manchen Tagen bin ich noch an der Fortbildungsakademie in Köln. Da wird der Nachwuchs ausgebildet.

SPOX: Unterscheidet sich die Arbeit am Spieltag von der Arbeit während der Trainingswoche?

Trzolek: Nein. Das ist im Grunde immer gleich. Die Spieler kommen mal vor und mal nach dem Training zu mir. Das hängt auch davon ab, ob einer verletzt ist, nur ein Wehwehchen hat oder einfach nur quatschen will.

SPOX: Blutegeltherapie gegen Blutergüsse, erhitztes Murmeltierfett gegen Entzündungen - ihre Methoden sind mittlerweile legendär. Wie sind Sie denn auf all das gekommen?

Trzolek: Ich bin gelernter Krankenpfleger und lange in der Medizin tätig. Mich haben schon immer Leute fasziniert, die beispielsweise Warzen besprochen haben. Da wurde ich zunehmend neugieriger und habe meine eigene Ausbildung immer weiter vertieft. Zudem habe ich mit der Zeit einen großen Bekanntenkreis auf diesem Gebiet aufgebaut. Und zu den Methoden: Man muss sich ja fragen, was die Leute früher gemacht haben, als es noch kein Penicillin gab. Die haben nämlich viel Weißkohl gegessen, weil es entzündungshemmend ist. Selbst wenn ich einem irgendwo Kuhscheiße draufschmiere und es hilft, dann passt es doch. Ich handle schon immer nach dem Motto: Lieber unwissenschaftlich gesund als wissenschaftlich krank.

SPOX: Aber Sie können sicherlich verstehen, dass diese Methoden oft Skepsis hervorrufen?

Trzolek: Ich kann nur jedem raten, es auszuprobieren. Erst danach kann man urteilen. Zu mir hat noch keiner gesagt, dass das, was ich tue, scheiße ist. Es gibt eben solche Schlaumeier, die von vornherein alles ablehnen. Besonders wenn sie in einer Gruppe sind. Sobald sie alleine sind, kommen sie an und fragen, ob ich nicht mal nach ihnen gucken kann. 'Aber sag das nicht den anderen' heißt es dann.

SPOX: Was hat es denn mit dem Pendel auf sich, mit dem Sie bereits Siege und Torschützen vorhergesagt haben?

Trzolek: Ich setze es überwiegend dann ein, wenn man etwas verabreicht und die Dosierung feststellen will. Ein Arzt empfiehlt ja einem 80 Kilogramm schweren Mann die gleiche Dosis wie einem, der 60 Kilogramm wiegt. So etwas kann man mit Hilfe des Pendels besser bestimmen. Man kann auch Allergien auspendeln. Es gibt dazu Vordrucke, die man mit der Hand berührt und dann das Pendel schwingen lässt.

SPOX: Und wie wird ein Torschütze mit dem Pendel bestimmt?

Trzolek: Ich habe das ja immer mit Andrij Woronin anhand einer Autogrammkarte gemacht. Da habe ich die Energie ausgependelt. Ich habe auch schon unseren Sieg in Bochum im Vorjahr in der Bild-Zeitung angekündigt.

SPOX: Sie waren in Ihrer Karriere nicht nur in Bochum, sondern haben über 1000 Fußballspiele gesehen. Welches war das schönste und welches das schlimmste Spiel?

Trzolek: Das Schönste war der UEFA-Cup-Sieg 1988 mit Bayer Leverkusen. Das Schlimmste, als wir 2000 mit Bayer die Meisterschaft in Unterhaching verspielt haben.

SPOX: Wo steht das schönste Stadion?

Trzolek: In Dortmund. Da ist Stimmung, da kocht die Seele. Das kennt man in Leverkusen nicht.

SPOX: In all der Zeit haben sich sicherlich einige amüsante Geschichten angesammelt. Was ist Ihre Lieblingsanekdote?

Trzolek: Das ist schwer. Mit den ganzen Geschichten könnte ich ein Buch schreiben. Ich habe zum Beispiel mal Paulo Sergio im Trainingslager die Haare geschnitten. Das war so ein Schotte, der hatte nie Geld in den Taschen. Die Spieler haben ihm erzählt, dass ich früher Friseur war. Ich hatte einen alten elektrischen Rasierer dabei, aber das Haar der Brasilianer ist dermaßen hart, dass das Ding plötzlich kaputt ging. Paulo dachte, das wäre Absicht gewesen. Der ist dann nur noch mit Mütze herumgerannt. Sogar seine Frau hat mit mir geschimpft.

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