Wolfsburg: Fünf Gründe für 30 Gegentore

Von Stefan Moser
Dienstag, 15.12.2009 | 09:30 Uhr
Hängende Köpfe, ratlose Gesichter. Überraschungsmeister Wolfsburg ist zurück in der Realität
© Getty
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20 Tore hat der VfL Wolfsburg vor eigenem Publikum bereits erzielt. Mehr als Leverkusen, mehr als Schalke und deutlich mehr als die Bayern. Und trotzdem konnte das Team von Armin Veh nur drei von neuen Heimspielen gewinnen. Denn die 21 Gegentore sind ebenfalls der Spitzenwert der Liga: Mehr als Hertha, mehr als Freiburg und deutlich mehr als Köln.

"Es ist ein Wahnsinn, wie viele Gegentore wir bekommen", sagte auch VfL-Coach Armin Veh nach der nächsten Heimpleite am Sonntag, ein 1:3 gegen Borussia Dortmund. Im Zentrum der Kritik steht entsprechend die Viererkette um die formschwachen Andrea Barzagli und Marcel Schäfer.

Doch die Gründe für die vielen Gegentore sind viel komplexer und vielfältiger. Die größten Baustellen im Überblick:

Problem Innenverteidigung: Andrea Barzagli, Alexander Madlung, Ricardo Costa, Jan Simunek. Vier gelernte Innenverteidiger hat Armin Veh grundsätzlich zur Verfügung. Simunek allerdings scheint in der Sommerpause das Fußballspielen komplett verlernt zu haben und spielt, auf eigenen Wunsch, inzwischen meistens in der zweiten Mannschaft.

Die anderen drei hat Veh mittlerweile in allen denkbaren Kombinationen zusammengestellt. Doch satte 30 Gegentore für den VfL (nur die Hertha hat mehr kassiert) zeigen: Kein Duo hat bislang wirklich funktioniert.

Eines der größten individuellen Probleme ist die Anfälligkeit bei Standards und die Schwächen in der Luft. Explizit kopfballstark ist nur Madlung. Der 27-Jährige aber fiel bereits in den ersten Spielen wieder in alte Verhaltensmuster zurück und offenbarte doch erhebliche taktische Defizite. Madlung braucht ganz offensichtlich einen erfahrenen Dirigenten an seiner Seite. In der Meistersaison war das Andrea Barzagli - der Weltmeister hat derzeit aber genug mit sich selbst zu tun.

Auch Costa harmonierte nicht mit Madlung: Jeweils drei Gegentore gegen die Aufsteiger Mainz und Nürnberg. Also versuchte es Veh zuletzt mit dem Gespann Barzagli/Costa - und gewann die Erkenntnis: Zu langsam, zu anfällig für Konter - und viel zu schwach in der Luft.

Die Katze beißt sich also in den Schwanz. Denn neben den strukturellen Problemen im Mittelfeld und in der Spielanlage der Wölfe, stecken alle vier Kandidaten jeweils in einer handfesten individuellen Formkrise.

Problem Verunsicherung: Dass Veh zwar stets versichert, die Mannschaft trage im Kollektiv die Schuld an der Flut von Gegentoren, dann aber trotzdem munter nach Versuch und Irrtum das Personal in der Viererkette durchwechselt, trägt nicht zu wachsender Stabilität bei.

Im Gegenteil, die Verunsicherung der Spieler zieht fast schon klassisch weitere Fehler nach sich: Die Verteidiger stehen einzeln oder im Verbund zu tief, die Abstände zum Mittelfeld stimmen nicht mehr, und es entstehen Räume, die vor allem dann gefährlich werden, wenn ein langsamer Spieler wie Barzagli ins Laufduell muss. Klassisches Beispiel: das 0:1 gegen Dortmund.

Problem linke Außenbahn: Vehs Sündenbock scheint im Moment der linke Außenverteidiger Marcel Schäfer zu sein, der Shooting-Star der letzten Saison. Am 14. Spieltag gegen Bremen schmorte der 25-Jährige 90 Minuten lang auf der Bank - nach zuvor 63 Bundesligaspielen in Folge. Gegen Dortmund am Sonntag dann die viel zitierte Höchststrafe: Auswechslung nach 22 Minuten.

Tatsächlich sah Schäfer auch bei den ersten beiden Gegentoren schlecht aus: Zu passives Zweikampfverhalten vor dem ersten Treffer, Ballverlust in der Vorwärtsbewegung vorm zweiten. Die permanenten Wechselgerüchte verbessern seine Situation auch nicht. Zurzeit etwa steht ein Tausch mit Schalkes Benedikt Höwedes im Raum. Dass die Dementis aus Wolfsburg ausbleiben, mag als Indiz für die Unzufriedenheit der Verantwortlichen gelten. Eine Alternative wäre Neuzugang Fabian Johnson. Der allerdings ist Rechtsfuß - und hat vor allem im Spiel nach vorne bei Weitem (noch) nicht die Klasse von Schäfer.

Problem auf der Sechs: Vehs Nibelungentreue zu Josue lässt sich bestenfalls noch damit erklären, dass er auch auf der Sechs keine echte Alternative sieht. Denn der Brasilianer ist meilenweit von der Form entfernt, die ihn in der letzten Saison zu einem der besten defensiven Mittelfeldspieler der Liga und einem Garanten für die Meisterschaft machten.

Josue steht vor der Abwehr oft nur im Raum, arbeitet aber nicht mehr aggressiv gegen den Ball. Das gegnerische Mittelfeld hat häufig zu viel Zeit - und nutzt diese zu den berühmten Pässen in die Nahtstellen. Und schon sieht die Viererkette schlecht aus, weil der Stürmer alleine vor dem Torwart steht. Allerdings sind diese Zuspiele auch nur schwer zu verteidigen, wenn der Passgeber ausreichend Zeit hat, um sauber Maß zu nehmen.

Problem Mittelfeld: 21 Gegentore nach neun Heimspielen sind ein fast absurder Wert. Zum gleichen Zeitpunkt in der abgelaufenen Saison hatte Wolfsburg gerade mal sechs Gegentore vor eigenem Publikum kassiert. Während das Team unter Felix Magath das Mittelfeld in der Meistersaison noch in erster Linie mit langen Bällen überbrückte, verlangt Veh nun vor allem zuhause gepflegte Kurzpässe im Spielaufbau.

Die Spieler aber sind mit der neuen Philosophie noch lange nicht per Du. Resultat: Gerade auf den Halbpositionen verlieren die Wölfe viele Bälle oft schon in der eigenen Hälfte - für jeden Gegner eine Einladung gegen eine aufgerückte Mannschaft. Auch in solchen Situationen sieht die Viererkette häufig schlecht aus - obwohl der entscheidende Fehler schon viel früher passiert.

Der Kader der Wölfe im Überblick

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