Michael Skibbe - Der Querdenker

Von Jochen Tittmar
Freitag, 18.12.2009 | 09:51 Uhr
Michael Skibbe ist seit 1.7.2009 Cheftrainer von Eintracht Frankfurt
© Getty
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Bald ist Michael Skibbe seit einem halben Jahr Trainer bei Eintracht Frankfurt. Die sportliche Leistungskurve zeigt nach zwischenzeitlicher Durststrecke wieder nach oben. Doch das Konfliktpotential zwischen progressivem Coach und konservativem Vorstand bleibt.

Irgendwie wird man den Eindruck nicht los, als habe sich Michael Skibbe bei seinem Amtsantritt in Frankfurt etwas von Jürgen Klopps Inthronisierung in Dortmund im Jahr zuvor abgeschaut.

Da fielen zwar keine schlagzeilenträchtigen Schlagworte wie "Riesenleidenschaft" oder "Vollgasveranstaltungen", dennoch erzeugte der neue Coach nach anfänglicher Skepsis eine unglaubliche Euphorie und Aufbruchstimmung am Riederwald. Die Eintracht solle ein neues, attraktiveres Gesicht bekommen und mit temporeichem Offensivfußball das Graue-Maus-Image der letzten Jahre wegpusten.

Nachdem Friedhelm Funkel die schleichende fußballerische Tristesse den Job kostete, hing das Frankfurter Umfeld förmlich an den Lippen des neuen Trainers und goutierte jedes seiner selbstbewussten Begrüßungsstatements.

Eine Vorbereitung zum Vergessen...

Man wolle sich nicht mehr vor größeren Namen verstecken, nicht mehr die eigene Leistung klein und den Gegner groß reden, Problemkinder wie Caio wieder zum Leben erwecken und - das war beachtlich forsch - nebenher noch 46 Punkte (und damit 13 mehr als im Vorjahr) holen.

Es dauerte dann allerdings nur wenige Wochen, bis Skibbe von der Realität eingeholt wurde. Die Eintracht hatte eine geradezu erschreckende Vorbereitung absolviert und galt vielen als sicherer Fehlstarter in die neue Bundesligasaison.

Dem Kader fehle es an Tiefe und Qualität, hieß Skibbes erste Diagnose. Sein lang anhaltender Schrei nach Neueinkäufen wurde in Form von Wunschspieler Pirmin Schwegler personifiziert.

...aber ein Saisonstart nach Maß

Schon damals wies Heribert Bruchhagen in seiner Funktion als Vorstandsvorsitzender darauf hin, dass man am Main nicht einfach mir nichts, dir nichts einen Spielertransfer tätigen könne. Stattdessen müsse immer wieder vorsichtig abgewogen werden, um das zerbrechliche finanzielle Gesamtgefüge nicht zu gefährden.

Vor dem wichtigsten Spiel für alle Eintrachtler in der 1. Runde des DFB-Pokals gegen Rivale Kickers Offenbach zog Skibbe dank eines souveränen 3:0-Erfolgs (Torschützen u.a.: Caio und Schwegler) gerade noch den Kopf aus der Schlinge, um nicht vor dem ersten Spieltag schon unter Beschuss zu stehen.

Was folgte, war ein überraschender Auswärtserfolg in Bremen zum Saisonauftakt, fünf weitere Spiele ohne Niederlage und Platz sechs.

Streitthema Lincoln

Die Eintracht stand so gut da wie lange nicht mehr und es schien, als ob Skibbe mit seinen von einigen Kritikern als Träumereien abgekanzelten Zielen tatsächlich Recht behalten könnte.

Zwar mangelte es auf dem Feld noch erheblich an der Umsetzung vom propagierten schnellen Umschalten und aggressiven Pressing, doch der 44-Jährige hatte Spieler, Fans und Umfeld erstmal auf seiner Seite. In Frankfurt kein allzu schlechtes Faustpfand.

Erstaunlich offensiv meldete sich der gebürtige Gelsenkirchener am Ende der Sommertransferperiode beim Thema Lincoln zu Wort. Für Skibbe, der unaufhörlich predigt, dass man der Eintracht ein neues Bewusstsein einimpfen müsse, ist es gerade ein Spieler dieser Kategorie, der die Qualität des Kaders anheben und die neu formulierten Ziele realisierbar machen würde.

Klatschen gegen spielstarke Teams

Bruchhagen spielte das Spiel nicht mit und verwies wie gewohnt darauf, keinerlei finanzielles Risiko - und damit neue Wege - gehen zu wollen. Ein angefressener Skibbe sprach daraufhin erbost von "einem großen Fehler" des Vereins und gab der Journaille reichlich Anlass, über das Verhältnis zwischen konservativem Vorstand und progressiv denkendem Coach zu spekulieren.

Prompt folgte ein sportlicher Absturz, der dem Team mit dem aufgeblähten Kader (30 Spieler) neben erheblichen Verletzungssorgen (Amanatidis, Fenin, Chris, Vasoski, Bajramovic) nur noch sieben Punkte aus acht Spielen bescherte. Bruchhagens Konter: Die Mannschaft offenbare konditionelle Schwächen und müsse den Blick in Richtung Tabellenkeller richten.

In der Tat zeigen sich die Hessen in Duellen mit spielstärkeren Teams zu naiv und eindimensioniert. Gegen Stuttgart (0:3), den FC Bayern (1:2 und das 0:4 beim Pokal-Aus) und Leverkusen (0:4) setzte es bittere Pleiten, in denen die Eintracht über die komplette Spielzeit hoffnungslos unterlegen war.

Rundumschlag in Leverkusen

Im Anschluss an die Vorführung in der BayArena verlor Skibbe, den man auf seinen bisherigen Trainerstationen als nüchtern-sachlichen Zeitgenossen kennen lernte, die Contenance: "Wir müssen anpacken, Dinge zu verbessern. Sonst wird es schwieriger und schwieriger, Versäumtes in Zukunft aufzuholen und der Verein wird in absehbarer Zukunft nach unten durchgereicht. Die Eintracht muss sich grundlegend verändern. Wir müssen mehr tun", so sein Tenor, der zeigt, dass seine Ansagen nicht nur als leere Worthülsen zu verstehen sind.

Zuletzt stabilisierten sich allerdings die Leistungen wieder. Es gilt dabei fest zu halten, dass Skibbe in seinem immer noch von Verletzungen gebeutelten Kader nun eine Formation und Spielweise gefunden hat, die sich von der zaudernd-zögerlichen Eintracht der vergangenen Jahre erheblich unterscheidet.

In Hoffenheim sprang erstmals seit dem Dreier in Bremen gegen eine individuell und spielerisch bessere Mannschaft ein beachtliches Unentschieden heraus, bei dem die Skibbe-Elf sogar am Sieg schnupperte.

Auch Gekas kommt nicht

Ein Punkt fehlt den Adlern noch, um die beste Hinrunde seit 1993/94 in den Statistikbüchern zu manifestieren. Der verlängerte Weihnachtsurlaub, den Skibbe beim Erreichen von 23 Punkten als Ansporn in Aussicht stellte, wurde bereits genehmigt. Reichlich entspannt paffte Bruchhagen in der Rhein-Neckar-Arena daher an seiner Zigarette und zeigt sich ob der "nicht für möglich gehaltenen" Einwicklung überrascht.

Skibbe bleibt der heimliche Genießer. Ihm ist es nicht genug, er will mehr und er ist weiterhin dadurch angetrieben, der Eintracht seinen Stempel aufzudrücken. Seit Wochen sondiert er den Transfermarkt nach Verstärkungen.

Bei allem Konfliktpotential bleibt Lincoln dabei ein heißes Thema. Theofanis Gekas ist dagegen keines mehr. Der Ex-Torschützenkönig wechselt zur ultraschwachen Hertha anstatt zur aufstrebenden Eintracht.

"Ich bin enttäuscht. Es ist einfach schade, dass wir nicht in der Lage sind, uns solche Spieler zu leisten", meldete sich Skibbe in Frankfurter Zeitungen umgehend zu Wort. "Die Eintracht ist wieder nicht in der Lage gewesen, einen Transfer zu realisieren, der uns qualitativ weiterbringt. Der Vorstand wird gerechnet haben...und...ja...", bricht er, der Querdenker, enttäuscht den Satz ab.

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