"Sind uns der Angst im Umfeld bewusst"

Von Interview: Daniel Börlein
Mittwoch, 16.12.2009 | 13:49 Uhr
Arne Friedrich gibt als Kapitän bei Hertha BSC Berlin auf dem Platz die Kommandos
© Getty
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Für die Hertha verläuft diese Saison bisher katastrophal. Kapitän Arne Friedrich versucht, den Karren aus dem Dreck zu ziehen, musste aber gegen Leverkusen aussetzen. Vor dem Europa-League-Spiel gegen Sporting Lissabon (18.45 Uhr im LIVE-TICKER und auf SKY) erklärt er SPOX, warum in der Rückrunde alles besser wird und wie ein Frühstück mit Friedhelm Funkel dem Team helfen kann.

SPOX: Herr Friedrich, die Hertha liegt trotz des Punktes gegen Leverkusen abgeschlagen am Tabellenende. Gerade jetzt mussten Sie wegen einer Verletzung pausieren. Konnten Sie Ihrer Mannschaft abseits des Platzes dennoch helfen?

Arne Friedrich: Wenn ich schon auf dem Platz nicht helfen konnte, dann wollte ich auf jeden Fall stets nah bei der Mannschaft sein. Deshalb war ich zum Beispiel gegen Leverkusen zur Halbzeit in der Kabine und nicht auf der Tribüne....

SPOX: Gegen Leverkusen war ein Aufwärtstrend zu erkennen. Wenn man allerdings die bisherige Saison betrachtet, muss man sagen, dass es gar nicht gut aussieht. Wie dramatisch bewerten Sie die Situation?

Friedrich: Es ist schon so, dass wir zusehen müssen, den Rückstand bis zur Winterpause nicht größer werden zu lassen oder bestenfalls noch zu minimieren. In der Rückrunde haben wir die Chance, den Rückstand  aufzuholen, denn solch eine Negativserie werden wir uns nicht nochmal leisten. Ich glaube allerdings, dass uns die Winterpause gut tun wird, auch um mal den Kopf frei zu bekommen.

SPOX: Die Hertha hat bislang gerade mal sechs Punkte auf dem Konto, Sie klingen dennoch optimistisch. Was macht Ihnen Hoffnung?

Friedrich: Wenn die Punkte ausbleiben, hast du wenig Argumente. Aber es gab zuletzt gute Ansätze, gerade im Defensivverhalten. Nun müssen wir allerdings auch wieder anfangen, Fußball zu spielen.

SPOX: Geht das in dieser Situation überhaupt?

Friedrich: Die Köpfe sind blockiert, das ist ganz klar. Einige Spieler können mit dieser Situation nicht umgehen, weil sie sie nicht kennen.

SPOX: Woran liegt es, dass es so schlecht läuft? Nur auf die Verunsicherung kann man es doch nicht schieben.

Friedrich: Wie gesagt, wir sind in eine Situation gekommen, die viele nicht kennen und mit der eben auch viele Probleme haben. Es ist ja nicht so, dass wir nicht Fußball spielen können. Wir haben viele Spieler in der Mannschaft, die auch im letzten Jahr dabei waren und überzeugt haben. Und  wir haben ja bekanntlich eine sehr gute Saison gespielt. Die Fähigkeiten sind also vorhanden. Sicher müssen wir wieder konzentrierter auftreten und vor allem torgefährlicher werden. Aber das Problem sehe ich bei uns im Kopf.

SPOX: Daran konnte auch Friedhelm Funkel nichts ändern. Wo setzt Ihr Trainer an?

Friedrich: Man merkt, dass er schon häufiger in solchen Situationen war. Egal, wie schlecht die Lage ist, er ist immer ganz ruhig, gerät nie in Hektik oder Panik. Er strahlt eine enorme Zuversicht aus und gibt das auch an die Spieler weiter. Im Training verzichten wir auf Kunststückchen, sondern setzen lieber auf Aggressivität.

SPOX: Gibt's auch so etwas wie Mannschaftsabende oder irgendwelche Teambuilding-Maßnahmen?

Friedrich: Der Trainer hat schon mal ein Vormittagstraining spontan abgesagt und ist mit uns allen frühstücken gegangen. Wir sitzen auch abends immer mal wieder alle zusammen. Das sind schon Dinge, die wir machen. Wir versuchen alles auszureizen.

SPOX: Ein großes Thema in Berlin war in den letzten Wochen Gojko Kacar, der teilweise nur auf der Bank saß. Bei seinem Potenzial eigentlich unglaublich.

Friedrich: Ich glaube, er ist ein Sinnbild für die Sache mit der Blockade. Er setzt sich sehr unter Druck und ist natürlich nicht zufrieden mit der Situation und seinen Leistungen. Man sieht im Training, dass er sehr schnell wütend auf sich selbst wird, wenn ihm etwas nicht gelingt. Das ist auf der einen Seite natürlich eine gute Eigenschaft, auf der anderen Seite ist er so auch in eine kleine Negativspirale geraten. Gerade ihm tut die Winterpause sicher gut.

SPOX: Sie betonen immer wieder, dass Sie auf die Winterpause hoffen. Was erwarten Sie vom Management in dieser Pause, müssen Verstärkungen her?

Friedrich: Da gibt es keinerlei Diskussion. Dass neue Leute kommen, ist absolut notwendig. Wir werden uns auch verstärken, das hat ja der Verein bereits erklärt.

SPOX: Wo besteht Bedarf?

Friedrich: Zu einzelnen Positionen werde ich mich nicht äußern, das ist Sache des Vereins. Klar ist, dass wir Neuzugänge brauchen, auch wenn einige Spieler zurückkommen, die lange verletzt waren.

SPOX: Mit Marko Pantelic und Andrej Woronin meldeten sich zuletzt zwei Ex-Herthaner zu Wort und beide hatten viel zu kritisieren. Nervt es, wenn nun auch noch die ehemaligen Teamkollegen drauf hauen?

Friedrich: Jeder hat das Recht, seine Meinung zu formulieren, auch öffentlich. Ich habe damit überhaupt kein Problem. Beide waren in der vergangenen Saison wichtige Spieler für uns. Und man muss ehrlich sagen, dass wir ihren Abgang nicht kompensieren konnten.

SPOX: Nun droht der Abstieg. Berlin wäre dann die einzige große Hauptstadt in Europa, die keinen Erstligisten stellen würde. Ist das eine zusätzliche Belastung?

Friedrich: Wir haben ja noch nicht einmal Halbzeit. Deshalb beschäftige ich mich nicht mit dem Abstieg. Natürlich wissen wir, was hier alles am Bundesliga-Fußball hängt - nicht nur für uns Spieler. Es würde sicherlich einiges passieren und viele Änderungen geben. Dass hier bei den Mitarbeitern und im Umfeld die Angst umgeht, dessen sind wir uns bewusst.

SPOX: Sie als Kapitän und Nationalspieler sind in so einer Situation besonders gefragt. Eine besondere Herausforderung für Sie?

Friedrich: Ich hatte in meiner Laufbahn schon genug Situationen, in denen ich Rückschläge einstecken musste. Wenn ich nur an die WM 2006 zurückdenke, als nach dem ersten Spiel extreme Kritik auf mich eingeprasselt ist. Damals habe ich bewiesen, dass ich mit schwierigen Situationen umgehen kann. Deshalb habe ich auch jetzt keine Probleme damit.

SPOX: Sehen Sie durch die schlechte Saison der Hertha Ihre WM-Teilnahme gefährdet?

Friedrich: Die WM ist im nächsten Jahr mein Ziel, ganz klar. Ich habe auch keinerlei Bedenken, dass ich in der Rückrunde die Leistungen bringe, um nominiert zu werden...

SPOX: ...und im Juli 2010 Weltmeister zu werden?

Friedrich: Ich weiß nicht wie die Zielvorgabe lautet, aber ich gehe davon aus, dass alle Weltmeister werden wollen - ich natürlich auch.

Zum Steckbrief: Hertha BSC Berlin

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