"Ullliiiiii", schreit ein Fan auf dem Trainingsgelände des FC Bayern München an der Säbener Straße und kehrt den Stars auf dem Rasen den Rücken.
Bayern-Manager Uli Hoeneß hat gerade die Geschäftsstelle des Vereins verlassen und geht auf sein Auto zu. Der Fan geht ein paar Schritte Richtung Hoeneß, breitet die Arme aus, an denen links ein Schal und rechts eine Einkaufstüte aus dem hauseigenen Fanshop baumelt, und umarmt ihn.
Der Mann im etwas fortgeschrittenen Alter redet minutenlang auf Hoeneß ein, er scheint verzweifelt ob der aktuellen sportlichen Situation. Hoeneß versucht ihn zu beruhigen und erfüllt ihm alle seine Autogrammwünsche.
Das Szenario hat mittlerweile auch viele andere Fans angelockt, eine Menschentraube hat sich um Hoeneß und sein Auto gebildet. Jeder will etwas von ihm: eine Unterschrift, einen Handschlag. Und Hoeneß erfüllt jeden Wunsch geduldig. Er lacht, geht auf die Menschen ein, es scheint ihm sogar Spaß zu machen. Er weiß, wie wichtig der Kontakt zur Basis ist und wie viel der FC Bayern den Menschen bedeutet.
Die Seele bekommt einen neuen Platz
Es ist diese Volksnähe und Authentizität in Zeiten, in denen die Großen dieser Welt unnahbar scheinen, die ihn zum Herzen und zur Seele des FC Bayern machen. Am Freitagabend bekommt die Seele einen neuen Platz. Hoeneß wird Nachfolger von Franz Beckenbauer als Präsident und Aufsichtsratsvorsitzender des Vereins.
Uli Hoeneß - 30 Jahre FC Bayern in Bildern
Nach über 30 Jahren gibt er seinen Posten als Manager auf. Ein bedeutender Einschnitt für einen Verein, der drei Jahrzehnte lang von den Visionen und der Hingabe seines Managers gelebt hat.
"Die Bundesliga verliert den Manager, der die Bundesliga war. Es heißt ja immer: Uli Hoeneß ist der FC Bayern. Wenn man das weiterdenkt, ist für mich der nächste Schritt, dass ich sage: Uli Hoeneß war für mich 30 Jahre lang die Bundesliga. Weil niemand den deutschen Fußball so geprägt hat wie er", sagt sein langjähriger Weggefährte Paul Breitner im Gespräch mit SPOX.
Riesige Fußstapfen
Die Fußstapfen, die Uli Hoeneß hinterlässt, sind riesig. Zu groß für eine Person. Deshalb werden die Aufgaben auch auf zwei verteilt. "Ich habe viele Bekannte, die mittelständische Unternehmen leiten und es versäumt haben, rechtzeitig ihre Nachfolge zu regeln. Das hat oft im Chaos geendet, sogar im Niedergang des Betriebs. Ich habe mir immer geschworen, das in meinem Umfeld anders zu machen", sagte Hoeneß dem "Süddeutschen Zeitung Magazin".
Den Part des Sportdirektors hat Christian Nerlinger bereits am 1. Juli übernommen. Seitdem wird er von Hoeneß eingearbeitet. "Es waren natürlich auch bekanntere Namen in der engeren Auswahl, Klaus Allofs zum Beispiel. Aber mir war klar, dass wir diesen Posten aus unseren eigenen Reihen besetzen müssen. Die Leute wollen in diesen Schlüsselpositionen ein Eigengewächs haben", verriet Hoeneß.
Dass sich Nerlinger gegen Kandidaten wie Oliver Kahn oder Jens Jeremies durchsetzte, kam allerdings schon etwas überraschend. Aber wenn Hoeneß Nerlinger sieht, fühlt er sich auch ein bisschen an sich selbst in diesem Alter erinnert.
Neudecker suchte einen unerfahrenen Prellbock
Hoeneß war 27 Jahre alt, als er seine Spielerkarriere wegen anhaltender Knieprobleme beenden musste, und fast wie die Jungfrau zum Kind zum Posten des Managers kam. Der FC Bayern steckte in einer tiefen Krise, sowohl sportlich als auch wirtschaftlich. Die glorreichen Zeiten der 70er Jahre waren vorbei, Franz Beckenbauer und Gerd Müller nicht mehr da und der Verein verschuldet.
Das Leben des Uli Hoeneß
- Geboren am 5. Januar 1952 in Ulm
- Erstes Bundesligaspiel: 15. August 1970
- Größte Erfolge als Spieler: Weltmeister (1974), Europameister (1972), Europapokalsieger der Landesmeister (1974-76)
- Ab Mai 1979 Manager des FC Bayern
- Größte Erfolges als Manager: Champions-League-Sieger (2001), UEFA-Cup-Sieger (1996), 16x Deutscher Meister
- Größte Niederlagen: verlorenes EM-Finale gegen die CSSR (1976), 3 verlorene Europapokalendspiele (1982, 1987, 1999)
- Auszeichnungen: Unternehmer des Jahres (1999), Bayerischer Verdienstorden (2002), Bayerischer Sportpreis (2002), Goldene Pyramide der Deutschen Sporthilfe (2009), Bambi (2009)
Keine guten Voraussetzungen für einen Jungspund. "Ich verstehe etwas von Finanzen und Geschäften. Ich verstehe etwas vom Fußball und Fußballspielen. Ich bin prädestiniert für diesen Beruf", sagte er damals. An Selbstvertrauen mangelte es Hoeneß nie.
Rückblickend kann er sich das Job-Angebot aber nur damit erklären, dass der damalige Präsident Wilhelm Neudecker "nur einen unerfahrenen Prellbock gesucht hat, für die bevorstehende Steuerprüfung".
Hoeneß' Vier-Säulen-Prinzip
Das Resultat ist bekannt. Hoeneß machte aus einem maroden Verein ein weltweit prosperierendes Unternehmen und wurde 1999 sogar zum Manager des Jahres gekürt.
"Als ich junger Manager war, hatten wir einen Umsatz von zwölf Millionen Mark und dazu sieben Millionen Mark Schulden. Aber nun ist das ein Laden mit 300 Millionen Euro Umsatz. Wir haben ein Stadion für 340 Millionen gebaut, ich gehe davon aus, dass es spätestens in zehn Jahren abgezahlt ist. Dann ist der FC Bayern der gesündeste Verein der Welt", sagte er kürzlich in einem Interview mit der "Zeit".
In seinen Anfangsjahren hat er dem Verein ein "Vier-Säulen-Prinzip" (Zuschauereinnahmen, Sponsoring, Merchandising und Fernsehgelder) verordnet und ihn von der "Wetter-Abhängigkeit" (Hoeneß) befreit. 1979 kamen 85 Prozent des Umsatzes durch Zuschauereinnahmen, blieb das Olympiastadion bei schlechter Witterung leer, litten auch die Finanzen des Vereins.
Bröckelt seine Aura?
Auf der Jahreshauptversammlung am Freitag übergibt Hoeneß ein gesundes Unternehmen, das mit der Verlängerung des Sponsoren-Vertrags mit der Telekom und der Beteiligung von Audi zwei finanzkräftige Partner langfristig an sich gebunden und sich finanziell noch besser aufgestellt hat. Hoeneß' Abschiedsgeschenk an seinen noch nicht ernannten Nachfolger im Marketingbereich.
"Meine Triebfeder war der sportliche Erfolg auf der Basis wirtschaftlicher Vernunft", erklärt Hoeneß. Bei den beeindruckenden Finanzen, 16 Meistertiteln, neun DFB-Pokalsiegen, einem UEFA-Cup- und einem Champions-League-Sieg in seiner Amtszeit ist ihm dies mehr als gelungen.
Ausgerechnet jetzt, wo er sich aus dem Tagesgeschäft zurückziehen möchte, bleiben die sportlichen Erfolge allerdings aus. Der FC Bayern war seit mehr als 500 Tagen nicht mehr Tabellenführer in der Liga und scheint seine Dominanz im deutschen Fußball zumindest vorübergehend verloren zu haben. "Ich weiß, es sieht so aus, als würde meine Aura gerade etwas bröckeln. Aber das macht mir nichts aus. Wir werden den FC Bayern gemeinsam aus dieser Krise bringen", sagt Hoeneß.
Hoeneß schließt seine eigene Lücke
Klar ist, Hoeneß wird zwar eine andere Position bekleiden, die Geschicke aber nach wie vor bestimmen. Ein Grußonkel a la Beckenbauer, der sich aus dem operativen Geschäft fernhält und seine Meinung über die Medien verbreitet, wird er als Präsident nicht sein.
"Uli wird zwar nicht mehr ganz so aktiv sein wie bisher, aber in bestimmten Situationen wird er weitaus aktiver sein als ich. Der Uli hat im Marketing- und Sponsoring-Bereich ein Netzwerk geschaffen. Der muss das weiter betreuen", sagt Beckenbauer.
Franz Beckenbauer - Karriere in Bildern
Aber auch im sportlichen Bereich wird Hoeneß weiterhin seine Meinung kundtun. Er kann gar nicht anders. Insofern schließt er die Lücke, die er hinterlässt, gleich selbst.
Nerlinger, der mit Jürgen Klinsmann zurück an die Säbener Straße kam und den Verein seither nur in sportlicher Schieflage kennt, wird die schwierige Aufgabe haben, sich im Schatten Hoeneß' als starker Mann zu positionieren
Hoeneß wird es sich nicht nehmen lassen, mit der Aggressivität und Bissigkeit eines Pitbulls Leute abzukanzeln, die sich dem Wohle des FC Bayerns in den Weg stellen. Diese Art brachte ihm den Spitznamen "Abteilung Attacke" und eine Menge Feinde ein. Davon ließ er sich aber nie beirren. Der FC Bayern stand immer über allem.
Der Abschied fällt schwer
Um seinem Nachfolger nicht die Luft zu nehmen, muss er sich zurückziehen, loslassen. Den ersten Schritt hat er mit dem Wechsel von der Bank auf die Tribüne schon gemacht.
Die rote Bayernjacke hat er gegen eine einfache schwarze des Sponsors eingetauscht. Er ist nicht mehr so nahe an der Mannschaft.
Früher habe er sich um jeden Scheiß gekümmert, erzählt Hoeneß: "Jetzt sitz ich hier und weiß nicht mal, ob wir morgen in Weiß oder Rot spielen."
Der Abschied fällt ihm noch schwer und es wird auch noch dauern, bis er sich damit abgefunden hat. "Wahrscheinlich werde ich erst im Januar, wenn ich mal nicht mehr ins Trainingslager fahre und ein bisschen Freizeit habe, darüber nachdenken."
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