Alternative Liste - Spieltag 14

Mogli pufft, Tarzan fällt

Von Stefan Moser / Florian Bogner
Montag, 30.11.2009 | 15:35 Uhr
Von Trauer überwältigt sank Weidenfeller zu Boden: Der blöde Maicosuel hat ihm den Ball geklaut
© Getty
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Der Karl-Heinz Rummenigge hat gedichtet. Auf der Jahreshauptversammlung. Für den Franz. Und das war schrecklich. Es war sogar so schrecklich, dass die Autoren darauf verzichten, das lyrische Monstrum in der Alternativen Liste zu zitieren. Zu groß war einfach die Gefahr, dass ihr ästhetisches Empfinden einen Rachefeldzug startet - und dafür am Ende von den Bayern verklagt wird.

Stattdessen gibt es schlagende Reformpädagogen, Hamburger Drogengeständnisse, Tonis tickende Taschen und eine kurze aber nachdrückliche Stilberatung für Hans-Joachim Watzke - in der Alternativen Liste des 14. Spieltags.

(Wer ein revanchistisches Gedicht auf Karl-Heinz Rummenigge lesen will, der sei an Voegis Liga-Lehren verwiesen.)

1. Was für ein Auftakt: Wow! Der Knaller gleich am Freitag! Köln gegen Bochum! Und wie war's? Es war kölnbochumig, und zwar deluxe! Nur drei Torschüsse im gesamten Spiel, dafür 214 Fehlpässe, ein falscher Einwurf und 29.102 gebrochene Herzen auf den Tribünen. Man kann es nicht anders sagen: Da wurde der Fußball mit Füßen getreten! Denn am Ende gab's dafür ja auch noch Punkte! Einen für jeden! Das reichte für Bochum immerhin, um Champions-League-Teilnehmer Stuttgart zu überholen, der FC setzte sich sogar ein kleinwenig von den Abstiegsrängen ab. Was Obergeißbock Michael Meier tatsächlich noch zu dieser charakteristischen Stilblüte trieb: "Wir dürfen jetzt nicht abheben."

2. Debüt: Während Köln nun also endlich wieder von der Schale träumen darf, träumt Nürnberg schon gemütsbedingt ganz anders. Vom Tresen in die Bundesliga: This is the Franconian Dream! Und den machte Alexander Stephan nun am Samstag wahr. Am letzten Wochenende stand der 23-Jährige nämlich noch nebst isotonischen Getränken in der Sportsbar um die Ecke und sah dort unter anderem Schäfers Tritt in Zwetschges Zwetschgen. Der DFB hat's auch gesehen - und sperrte deshalb Nürnbergs Stammtorhüter.

Und so verteilten also fränkische Hostessen vor dem Heimspiel gegen Freiburg eilig ein paar DIN-A-4-Papiere an die Medienmenschen - mit den wichtigsten Eckdaten von Alexander Stephan: Baujahr, Größe, Farbe und Gewicht zum Beispiel. Und natürlich, rot markiert: "Bundesliga-Debüt am 28.11.2009". Herzlichen Glückwunsch!

3. Tradition: Herzlichen Glückwunsch, by the way, auch noch an den Nürnberger Rest. Ihr seid einfach das Original: Niemand, niemand, niemand, kann so schön Depp sein wie der Club. Letzte Woche noch beim Meister 3:2 gewonnen, und dann das Heimspiel gegen Mitaufsteiger Freiburg lässig abgeschenkt. Und dazu noch diese messerscharfe Analyse von FCN-Coach Michael Oenning: "Wenn man das Tor macht, kann man gewinnen. Wir haben es nicht gemacht, deshalb haben wir verloren."

4. Kennen Sie den noch? Die Kleinigkeit, die Nürnbergs Chef-Denker dabei verschwieg: Freiburg hat das Tor gemacht. Genauer gesagt: Stefan Reisinger hat's gemacht. Jener Stefan Reisinger übrigens, der vor drei Jahren in der 2. Liga noch so erbärmlich harmlos war, dass die Löwen-Fans ihn um ein Haar schon in der Nordkurve aufgeknüpft hätten: Die Karriere des Niederbayern schien zu Ende, noch bevor sie richtig angefangen hatte. Doch dann hat L. Ron Dutt ihm das Gehirn gewaschen - Reisinger glaubt nun selbst daran, er könnte Bundesliga-Stürmer sein, und macht entsprechend munter seine Hütten: Gegen Bochum, Bayern, Nürnberg - und spricht dazu recht kenntnisreich auch von der eigenen Heimschwäche: "Ganz ehrlich. Das ist mir scheißegal. Wenn wir die nötigen Punkte nur auswärts holen und am Ende nicht absteigen, ist mir das auch recht." Bravo!

5. Apropos Gehirnwäsche: HSV-Coach Bruno Labbadia so: "Boateng spielt heute auf der Sechs, weil er unter der Woche so einen klaren Eindruck auf dieser Position gemacht hat." Und dann wir so: Trainiert der Boateng sonst etwa bekifft?

6. Kommunikation: Der Lell der Woche geht diesmal aber eindeutig an Christian Lell. Von dem hat man ja schon lange nix mehr gehört - und dann das: So schlecht, wie alle denken, sei er gar nicht, sagt der Lell, die eigentliche Pfeife sei doch vielmehr der van Gaal. Denn der Bayern-Trainer saß lange Zeit dem festen (aber falschen) Glauben auf, er, der Lell, sei Innenverteidiger. Und da habe er, der Lell, die Lust verloren, was man leicht nachvollziehen kann, denn Innenverteidiger sein ist schließlich ziemlich demotivierend für einen, der seine, also Lells, Anlagen mitbringt. Die Angelegenheit ist im engsten Wortsinn wohl wahrhaftig tragisch, und solche Geschichten schreibt auch hoffentlich nun wirklich nur der Fußball, aber eine gewisse Mitschuld trägt der Lell wohl trotzdem. Denn vor dem ersten Training hat der junge Mann bei "Abwehrspieler?" nun mal "hier!" gerufen. Und als van Gaal ihn dann beim Flanken sah, stand fest: Außenbahn kann es nicht sein. Das brennt sich dann beim Trainer ins Gehirn, und gegen Gedanken kann man ja nur schwer was machen - zumal der Lell ganz offensichtlich auch nicht drüber reden wollte. Vermutlich wegen der Anlagen?

7. Kommödienstadl: Als Oberhaupt des einzigen börsennotierten Fußballklubs in Deutschland hat Hans-Joachim Watzke natürlich jedes Recht, sich als Romantiker der alten Schule aufzuspielen und mit klischeetriefenden Parolen gegen die bösen Kapitalisten aus Hoffenheim mobil zu machen. Zumal der BVB-Boss ja auch niemanden direkt beleidigt, sondern nur "pointierte Bemerkungen gemacht" hat.  Gut gegeben, Watzke, starkes Argument, aber trotzdem müssen wir leise Kritik an Ihrem Stil anmelden. Aber nicht was Sie jetzt denken: Dass ein Schlipsträger dem Volk aufs Maul schaut und sich dann mit Plattitüden anbiedert, weil er von der Sache selbst keine Ahnung hat, lädt zwar zum Fremdschämen ein, passt stilistisch aber voll ins Bild des Fußball-Funktionärs. Mithin: geschenkt!

Aber, Watzke, was ganz anderes: Man trägt zum Anzug keine braunen Schuhe, schon gar nicht auf der Jahreshauptversammlung! "No brown after six", weiß nicht nur der englische Gentlemen seit fast 200 Jahren. Alles andere ist entweder eine unverzeihliche modische Bildungslücke - oder aber eine bewusste stilistische Reminiszenz an den Mann, der als erster symbolträchtig gegen die Etikette verstieß und braune Schuhe auf  Staatsempfängen trug: Silvio Berlusconi.

Ein schmieriger Populist, dem wirklich jedes Mittel recht ist, um eine Politik zu verfolgen, die vor allem zwei Zwecken dient: Macht und Eitelkeit. Aber das, Watzke, dürfen Sie nun bitte nicht in den falschen Hals bekommen. Wir wollen hier sicher niemanden beleidigen - sondern nur ein paar pointierte Bermerkungen zum Thema Mode machen.

8. Apropos: Und eins muss man dem Watzke ja auch lassen, die Spieler nahmen sich den Schmusekurs zu Herzen, auf dem Platz war richtig gute Stimmung. Da wurde geschimpft, getreten, geschlagen und gerudelt - vor allem in der 80. Minute: Weil er halt auch dumm genug war, ging Hoffenheims Maicosuel ziemlich pubertär auf BVB-Torhüter Roman Weidenfeller los. In der Disney-Version: Mogli pufft, Tarzan fällt. Und zwar ziemlich peinlich theatralisch. Trotzdem kann man die Rote Karte wohl geben - allerdings hätte es dann noch einen weiteren Platzverweis geben müssen, und zwar für Dortmund! In entsprechenden Zeitlupen kann man nämlich deutlich sehen, wie sich während des ganzen skandalösen Durcheinanders Uwe Moyelas Frisur für einen kurzen Augenblick in Vedad Ibisevics Hand  festbeißt. Glück für den BVB: Wischmobs können laut DFL-Statuten nicht nachträglich per Videobeweis gesperrt werden...

9. Doppel-Apropos: Wo wir schon dabei sind: Hat Dortmunds Neven Subotic im Interview nach dem Spiel wirklich "Hoppenheim" gesagt? Es klang nämlich ganz so...

10. Schwer erziehbar: Ecke Werder von links, Naldo verlängert, Aaron Hunt springt in den Ball, lenkt ihn mit der Hacke Richtung Wolfsburger Tor, doch Makoto Hasebe kratzt ihn im letzten Moment von der Linie. Ist doch hübsch! Oder? "Scheiße ist das!", fand im Gegenteil Bremens Hugo Almeida, schon immer ein eher musenferner Grobian, "die Murmel muss ins Tor, sonst gar nichts!" Sprach's  - und zimmerte den Abpraller aus kurzer Distanz lebensgefährlich nahe an Hunts linkem Ohr vorbei in die Maschen. Ein 107 km/h schnelles, krachendes So-wird-das-gemacht-mein-Junge! Nach SPOX-Recherchen die schnellste Lektion in der Geschichte der modernen Pädagogik.

11. Schnelldurchlauf zum Abschied: Zum Schluss noch ein paar Zahlen: Weil der FC Bayern zum ersten Mal mit unveränderter Aufstellung spielte, blieben die Münchner zum 28. Mal in einem Sonntagsspiel ungeschlagen, und das gegen Hannover, das zum ersten Mal wieder zwei Pleiten in Folge hinnehmen muss, nachdem die Niedersachsen zuvor 22 Mal nach einer Niederlage mit mindestens einem Punkt antworten konnten. Kuriosität am Rande: Die einzigen beiden Hattricks der Bayern in den letzten 15 Jahren gelangen just gegen 96, zuletzt übrigens der von Luca Toni im Februar 2008. Der Italiener aber stellt mittlerweile regelmäßig in verbaler Form leise tickende Taschen in die Münchner Medienlandschaft und hofft auf den ganz großen Knall.

Aber darauf hoffte auch schon der neutrale Fan bei der Jahreshauptversammlung der Münchner.

Allerdings vergeblich: Außer Gamsbart nix gewesen, mit einem typisch bayerischen Wahlergebnis wurde Uli Hoeneß zum Präsidenten bestimmt und deshalb verabschieden auch wir uns einfach mit den Worten seines Vorgängers Franz Beckenbauer, der nämlich sagte: "In diesem Sinne, bleibt's g'sund. Und bis demnächst. Alles Gute!" Also: In diesem Sinne, bleibt's g'sund. Und bis demnächst. Alles Gute!

Der 14. Spieltag in Bildern

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