Die Achse des Guten

Von Stefan Rommel
Donnerstag, 29.10.2009 | 17:10 Uhr
Bremen im Sommer: Torsten Frings geht bei der Radtour im Trainingslager voran
© Imago
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Bremens Aufschwung erzählt die Geschichte einer neuen Philosophie. Und die Geschichte einer magischen Achse. Seit Diegos Weggang blühen besonders vier Spieler auf und lassen Werder vom Titel träumen.

Werder Bremen im Juli: Kurz vor dem Start in die neue Saison galt Bremen als eine der Wundertüten der Bundesliga. Mit personellen Baustellen, einem veränderten Spielsystem, neuen tragenden Figuren im Team.

Werder Bremen im Oktober: Nach einem Drittel der Saison hat Bremen bis auf eine einzige Partie eine nahezu perfekte Runde gespielt, einen neuen fußballerischen Weg gefunden und sich vom Alles-ist-möglich- zum heimlichen Titel-Kandidaten gemacht.

In den drei Monaten ist viel passiert, oder auch kaum etwas - je nach Betrachtungsweise. Der nötige Wandel jedenfalls wurde schleichend und beinahe reibungslos vollzogen.

Diego war gestern

Das Prinzip Diego ist Vergangenheit, zurückgeblieben ist eine neue Balance innerhalb der Mannschaft und im Spielsystem: Weg vom Hurra-Fußball der letzten Jahre, hin zum Konzept einer defensiveren Basis mit einer auf viele Schultern verteilten Offensivausrichtung.

Schirmherr abseits des Platzes ist Trainer Thomas Schaaf. Er hatte eine knifflige Aufgabe zu lösen, eine der schwierigsten seiner zehnjährigen Amtszeit.

Schaaf hat die leere Worthülse des Leistungsprinzips seither mit Leben gefüllt, Spieler wie Dusko Tosic oder Jurica Vranjes sind raus aus dem Team, Markus Rosenberg war gegen Bochum nicht im Kader, obwohl er topfit war - und er hat eine ganze Reihe seiner Spieler auf ein neues Leistungsniveau gehoben, losgelöst vom allgegenwärtigen Diego-Dogma.

Bremens magische Achse

Seit dem Weggang des Brasilianers und der damit einhergehenden Umstellung des Spielsystems blüht eine Achse aus allen vier Mannschaftsteilen ganz besonders auf.

Tim Wiese: Letzte Saison ging es schon los. Wiese, der kompakte Vielflieger, stellte Trainings- und Ernährungsplan um. Weg vom jahrelang betriebenen Muskelaufbau, hin zu mehr Geschmeidigkeit und Beweglichkeit. Der Keeper ist seitdem drahtiger geworden, hat die Balance gefunden zwischen Linien- und Strafraumspiel.

619 Minuten blieb er zuletzt in der Liga ohne Gegentor. Eine beeindruckende Zahl, die allerdings nicht nur auf Wieses Zuverlässigkeit zurückzuführen ist. Im Gegenteil: Der Torhüter muss deutlich weniger Großchancen der Gegner zunichte machen, weil seine Vorderleute weniger zulassen.

Seine fußballerischen Fähigkeiten sind zwar noch verbesserungswürdig, was sich vor allem an Rückspielen sowie Abstößen und -würfen zeigt. Trotzdem: Aus dem begabten Wiese, der früher immer mal für den einen oder anderen Aussetzer gut war, ist ein konstanter Top-Torhüter geworden, der in seinem Kerngeschäft als Toreverhinderer bisher eine überragende Saison spielt.

Per Mertesacker: Merte hat sein ohnehin schon starkes Spiel tatsächlich weiter verfeinern können. Der Nationalspieler ist der Garant für die lange Nullnummer-Serie der Abwehr. Er rettet einige Male in brenzligen Situationen für seinen Keeper. Seine Antizipationsfähigkeit ist mittlerweile exzellent, Mertesacker stellt, abgesichert vom ebenfalls starken Naldo, viele Passwege des Gegners in die Spitze schon frühzeitig zu beziehungsweise interveniert energisch.

Da die Bremer Mannschaft in ihrer Gesamtheit längst nicht mehr so hoch steht, kommt nun endlich die unheimliche Zweikampfstärke der beiden Innenverteidiger zum Tragen. Im verdichteten Raum sind Mertesacker und Naldo kaum zu überlaufen.

Mertesackers Aufbauspiel ist von etwas mehr Risiko geprägt. Wo früher der Sicherheitspass auf die Außenbahn oder der Kurzpass in Diegos Fuß regierten, versucht sich Mertesacker mittlerweile erfolgreich in der Löw-Doktrin des harten Zuspiels vertikal nach vorne, gerne auch mal über 20 oder mehr Meter.

Und erst das Kopfballspiel: Bremen ist die einzige Mannschaft der gesamten Liga, die noch kein Kopfballtor kassiert hat. Michael Oenning, Trainer des kommenden Gegners 1. FC Nürnberg: "Die Statistik bei Werder mit den langen Kerls wie Naldo und Mertesacker überrascht mich nicht. Ich lasse lieber flach spielen."

Torsten Frings: Die WM treibt ihn an und macht ihn zum besten Frings seit langem. Während woanders die Konkurrenz im Tief steckt (Thomas Hitzlsperger), dreht Frings im selben Maß immer mehr auf.

In der Vorbereitung hat er sich mit Sonderschichten die paar Kilo Übergewicht abtrainiert, aber für seine Vita und seine bald 33 Jahre das Wichtigste: Endlich ist Frings wieder über einen längeren Zeitraum verletzungsfrei, keine Wehwehchen plagen ihn, nichts zwickt.

In der Hierarchie ist er endlich am Ziel angelangt, nach Frank Baumanns Karriereende und dem Weggang der Lichtgestalt Diego ist er erstmals der unumstrittene Chef.

Auf dem Platz hat er deutlich defensiver denkende Nebenspieler um sich herum, die ihm viel Laufarbeit abnehmen und das Frustpotenzial dadurch deutlich verringern. Die Folge ist erst eine Gelbe Karte wegen Meckerns - letzte Saison haderte ein unzufriedener Frings noch fast in jedem Spiel mit dem Schiedsrichter.

Claudio Pizarro: Die Lebensversicherung. Was am Peruaner beeindruckt, ist seine Kaltschnäuzigkeit, auf und abseits des Platzes.

Das wochenlange Hin und Her um seine Zukunft in London, Bremen oder anderswo oder die Querelen um seinen Berater Carlos Delgado und seine angeblichen Verstrickungen in dubiose Geschäfte der Agentur "Image" streift er einfach ab wie eine unbequeme Weste - und trifft. Schon zwölf Mal in 14 Pflichtspielen.

Auch Pizarro ist ein Begünstigter der neuen Spielausrichtung und deren Protagonisten. Wo er letzte Saison noch oft den Weg zurück ins Mittelfeld gehen musste, um sich die Bälle zu holen, profitiert er jetzt von den drei Wuslern Mesut Özil, Marko Marin und Aaron Hunt um ihn herum.

Pizarro konzentriert sich vornehmlich auf den kurzen Doppelpass oder darauf, vor dem Tor zu lauern. Weniger Laufarbeit, mehr Konzentration auf den Torabschluss ist eins der Erfolgsgeheimnisse. Das andere: Seine überragende Kopfballstärke. Derzeit gibt es in der Liga kaum einen Spieler, der einen besseren Offensivkopfball anbietet als Pizarro. Nicht umsonst hat Werder schon unglaubliche 20 Pflichtspieltore nach einem ruhenden Ball erzielt.

Voraussichtliche Aufstellungen: 1. FC Nürnberg - Werder Bremen

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