Labbadia vs. Heynckes: Ich bin Dein Vater!

Von Stefan Moser
Freitag, 16.10.2009 | 14:43 Uhr
Jupp Heynckes (r.) holte Bruno Labbadia einst zu den Bayern. Am Samstag treffen sie aufeinander
© Getty
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Erster gegen Zweiter heißt es am 9. Bundesliga-Spieltag: Tabellenführer Bayer Leverkusen ist zu Gast beim Hamburger SV. HSV-Trainer Bruno Labbadia trifft dabei mit Jupp Heynckes auf seine zum Gegenspieler stilisierte Vaterfigur.

Als Jupp Heynckes im August 1965 sein erstes Bundesligator erzielte, war Bruno Labbadia noch gar nicht geboren. Und als der Ältere in Gladbach seinen ersten Job als Trainer bekam, schlummerte das Talent des Jüngeren noch bartlos beim FSV Schneppenhausen vor sich hin.

Heynckes könnte demnach problemlos Labbadias Vater sein. Und das hört man auch. "Bruno ist ehrgeizig, als junger Mann willst du die Welt einreißen", sagt Leverkusens Trainer vor dem direkten Duell mit Labbadias HSV am Samstag (18.15 Uhr im LIVE-TICKER und auf SKY): "Ich selbst gehe heute vieles lockerer an. Das macht die Erfahrung, die Weisheit des Alters."

"Erfahrung ist unbezahlbar"

So spricht der Meister mit dem Padawan. Und tatsächlich gefällt sich der 65-Jährige als alleiniger Ältestenrat der Bundesliga, seitdem er mit bloßer Erfahrung den FC Bayern gleichsam aus dem Schaukelstuhl heraus vor dem totalen Untergang bewahrte.

"Erfahrung ist unbezahlbar. Sie können nicht am offenen Herzen operieren, wenn sie noch nie an einem Operationstisch gestanden haben", erteilte Heynckes, zufrieden auf sein Tagwerk blickend, auch gleich der jungen Garde die verdiente Lektion.

Das sokratische Bonmot war natürlich auf Jürgen Klinsmann gemünzt, doch im Vorbeigehen watschte er damit auch noch Labbadia ab. Immerhin hatte Heynckes zu diesem Zeitpunkt schon seine Arbeit in Leverkusen begonnen - und war gerade dabei, den Scherbenhaufen zu beseitigen, den sein junger Vorgänger dort hinterlassen hatte.

Weltfremde Klinsmännereien

Bayer war Labbadias erste Trainerstation in der Bundesliga und nach nur sechs Monaten und einer beeindruckenden Hinrunde war er der neue Shootingstar der Zunft und der große Hoffnungsträger des Reformwillens im deutschen Klubfußball.

Doch die Rückrunde geriet zum Desaster. Leverkusen stürzte gnadenlos ab, und Labbadias mediales Bild vom progressiven Visionär kippte in sein Gegenteil: Moderne Methoden wurden zu weltfremden Klinsmännereien, seine Hingabe zu falschem Ehrgeiz umgedeutet. Sein radikales Pressing, das ihm zuvor noch Vergleiche mit dem FC Barcelona eingebracht hatte, war plötzlich nur noch ein naives Himmelfahrts-Kommando.

Labbadias Bauchlandung wurde von den "Konservativen" öffentlich mit jeder Menge Spott begleitet - leider auch vereinsintern. Am Ende lehnte sich sogar die Mannschaft offen gegen ihren Trainer auf. Der Neuling war gescheitert, der Neuling musste gehen.

Der Prototyp des alten Hasen

Es kam der Prototyp des alten Hasen, ein traditioneller "Fußballlehrer", ein erfahrener Veteran - es kam Jupp Heynckes: der Reaktionär, der Anti-Klinsmann, der Anti-Labbadia. Er sollte den Schlamassel wieder in Ordnung bringen, den der Grünschnabel angerichtet hatte. Und das machte er auch.

Insofern also spielt Bruno Labbadia am Samstag  nicht nur gegen die Gespenster der Vergangenheit, sondern auch gegen seine zum Gegenspieler stilisierte Vaterfigur.

Das Ganze klingt fast wie ein Drehbuch von George Lucas - wenn nur die Dialoge nicht wären. Denn die Hauptdarsteller achten peinlich genau darauf, kein böses Blut und keinen schlechten Beigeschmack in die Partie zu mischen.

"Ich schulde Völler nur noch ein Abendessen"

"Ich schulde Rudi Völler nur noch ein gutes Abendessen", scherzt Labbadia betont lässig im Gespräch mit SPOX: "Aber ansonsten bin ich jetzt einfach Trainer des HSV. Und zwar ein sehr glücklicher." Die wohl schwersten Wochen seiner Karriere hat der 44-Jährige "längst abgehakt".

"Ich bin nicht angespannter als sonst, es geht auch nicht um mich, sondern um den HSV und um Bayer", sagt Labbadia. Und damit ist das Thema erledigt. Es folgen nur noch warme Worte Richtung Leverkusen und Jupp Heynckes, der "zu Recht ganz oben in der Tabelle steht".

Komplimente, die der Bayer-Coach auch gerne zurückgibt. Nur dass sie bei ihm eben etwas väterlicher klingen: "Bruno ist ein junger, ambitionierter und guter Trainer, der beim HSV einen hervorragenden Job macht."

Heynckes holte Labbadia nach München

Auch zwei mediengeschulten Profis darf man dabei den gegenseitigen Respekt durchaus glauben. Gerade zwischen Heynckes und Labbadia gibt es schließlich ausreichend Gemeinsamkeiten: Beide könnten sich wohl gut im jeweils anderen wieder erkennen.

So begann etwa auch Heynckes' Trainer-Laufbahn im Eiltempo. Mit 33 schon Cheftrainer in Gladbach, mit 42 bei den Bayern, mit 44 deutscher Meister. Dass er mit 46 schließlich Bruno Labbadia als Stürmer nach München holte, ist immerhin noch eine Pointe am Rande.

Auch Heynckes aber galt häufig als pedantisch, stur und verbissen. Auch er überwarf sich, mehr als einmal sogar, mit den eigenen Spielern.

Labbadia verkraftet auch herbe Rückschläge

Auch er erlebte als anfänglicher Hoffnungsträger deshalb bald ein persönliches Debakel, als er sich 1995 derart mit den Stars von Eintracht Frankfurt in der Wolle hatte, dass er nach nur neun Monaten im Amt das Handtuch warf. Und auch er stand wieder auf und feierte Erfolge - nicht zuletzt den Champions-League-Sieg mit Real Madrid 1998.

Bruno Labbadia ist davon noch etliche Schritte weit entfernt. Immerhin aber hat er mit dem erfolgreichen Saisonstart in Hamburg bewiesen, dass er auch herbe Rückschläge verkraften kann und daraus lernt - ohne dabei von seiner grundsätzlichen Linie abzuweichen. Und auch deshalb schlägt Jupp Heynckes vor dem direkten Duell am Samstag noch einmal einen väterlichen Ton an: "Labbadia wird seinen Weg gehen. Da bin ich mir sicher."

Der 9. Spieltag im Überblick

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