Stuttgarts nächste Generation

Im Dunstkreis der Stars

Von Stefan Rommel
Donnerstag, 06.08.2009 | 22:54 Uhr
Ausrufezeichen in der Vorbereitung: Dank Rudys Kopfballtor gewinnt Stuttgart auf Schalke mit 1:0
© Getty
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Hleb, Pogrebnjak, Lehmann, Hitzlsperger - mit großen Namen greift der VfB Stuttgart an. Hinter der Hochglanzfassade aber strebt schon wieder eine ganz neue Generation nach oben - heimlich, still und leise.

Und plötzlich war er wieder da. Alexander Hleb ist zurück in Stuttgart und stürzt eine Stadt in Euphorie. Keine 48 Stunden vergingen von ersten zaghaften Meldungen einer möglichen Rückkehr bis zur Vorstellung des Weißrussen am Donnerstag.

Zusammen mit der Verpflichtung des designierten Gomez-Nachfolgers Pawel Pogrebniak macht Hleb aus einem auf dem Transfermarkt eher glücklosen und belächelten Bundesligisten einen veritablen Meisterschaftskandidaten.

Hleb als Rückkehrer der jungen Wilden

Die Erwartungen sind enorm. Hleb gehörte vor vier, fünf Jahren der Bande um Kevin Kuranyi, Andreas Hinkel, Philipp Lahm oder Ioannis Amanatidis an. Das mittlerweile abgegriffene Bild der jungen Wilden war noch neu und frisch.

Und jetzt, nach dem Abgang der Überfigur Mario Gomez nach München ist Hleb der neue Messias. Stationen beim FC Arsenal und beim FC Barcelona haben ihn die große Welt sehen und Titel gewinnen lassen.

Es ist, als hätte der VfB einen seiner Jungspunde aus Mamas Schoß raus ins wahre Leben geschickt, um jetzt einen reiferen und erfahreneren Spieler von Weltklasseformat zurückzubekommen.

Neue Achse mit Lehmann, Hitzlsperger und Hleb

Die neue Achse bei den Schwaben wird Lehmann-Hitzlsperger-Hleb heißen. Dazu kommen noch ambitionierte Nachwuchsgrößen wie Serdar Tasci, Sami Khedira oder Christian Träsch. Der VfB hat sein Portfolio so erweitert, dass nahezu jede Position doppelt besetzt ist.

Vor allem in Abwehr und Mittelfeld dürften sich die Qualitätsverluste auch bei mehreren Ausfällen angesichts der Bank mit Khalid Boulahrouz, Arthur Boka, Jan Simak oder Yildiray Bastürk in Grenzen halten.

Und noch eines hat der VfB wieder einmal geschafft, weit ab vom Trubel um die Gomez-Nachfolge. Fast unbemerkt reift in dieser Saison eine neue Generation heran.

Sechs Spieler hat der VfB im Kader, die Jahrgang 1989 oder jünger sind. Im Winter holten die Schwaben Timo Gebhart vom TSV 1860 München, in der Sommerpause stieß der erst 17-jährige Alessandro Riedle zum VfB.

Babbel: "Alle Spieler haben Potenzial für Bundesliga"

Dazu kommen noch die Eigengewächse Sebastian Rudy, Patrick Funk, Daniel Didavi und Julian Schieber. Im Schatten der ersten Elf entwickelt sich in Bad Cannstatt eine ganze Reihe aufstrebender Spieler. Und anders als bei anderen Bundesligisten wird in Stuttgart allen eine echte Perspektive aufgezeigt.

"Alle Spieler haben grundsätzlich das Potenzial, sich in der Bundesliga durchzusetzen", sagt Trainer Markus Babbel im Gespräch mit SPOX. "Julian Schieber und Sebastian Rudy sind derzeit feste Bestandteile des Profikaders, Daniel Didavi kam zuletzt in unserer zweiten Mannschaft zum Einsatz, um Spielpraxis zu sammeln."

Rudy: Prototyp der VfB-Nachwuchsschule

Ex-Löwe Gebhart ist fast schon drin in der ersten Elf, den nächsten großen Schritt nach vorne und heran an die Stammelf erwartet der Trainer von Schieber und vor allem Rudy. Er ist der Prototyp der VfB-Nachwuchsschule.

Mit 13 kam er zum VfB, durchlief alle Jugendmannschaften, erkämpfte als 17-Jähriger einen Stammplatz bei den Amateuren und steht jetzt vor dem Durchbruch bei den Profis. Eigentlich ein Jahr zu spät. Schon letzte Saison trauten ihm viele den Auftakt seiner Karriere im A-Team zu. Ein Kahnbeinbruch im linken Fuß aber setzte ihn fast ein halbes Jahr außer Gefecht. Jetzt soll der Angriff auf die Etablierten erfolgen.

"Mein Bein ist wieder okay, die Schrauben sind alle entfernt. Ich will jetzt so viel Einsatzzeit wie möglich bekommen", sagte Rudy zu SPOX. Für seine Verhältnisse beinahe schon eine Kampfansage. An und für sich tritt der 19-Jährige nämlich bescheidener auf.

"Ich bin ein Typ, der sich erstmal anpassen und sich an eine Mannschaft gewöhnen muss, um aus mir herauszukommen. Wenn ich mich wohl fühle, dann geht das. Und in den letzten Wochen habe ich mich langsam daran gewöhnt, mit den Stars zusammenzuspielen."

Magnin ist von Rudy beeindruckt

Und die "Stars" sind schwer beeindruckt. "Sebastian ist unser größtes Talent. Er hat alles, was ein Fußballer braucht. Wenn ich das Rüstzeug gehabt hätte, das er hat, säße ich jetzt nicht hier. Vom Fußballerischen hat Rudy eine Riesenkarriere vor sich", staunt Ludovic Magnin.

Ähnlich wie Stürmer Schieber soll Rudy behutsam an die erste Mannschaft herangeführt werden. Riedle, Didavi oder Funk sind zwar noch ein ganzes Stück davon entfernt - aber sie sind dabei. Sie können die Bundesligaluft förmlich riechen. Der Anreiz ist groß, die Chancen echt.

"In Stuttgart wird nicht nur über Jugendarbeit geredet. Sie wird gelebt. Einen großen Anteil daran hat auch der Trainer. Markus Babbel setzt auf junge Spieler", sagt Gebhart, als U-19-Europameister fast schon ein kleiner Star unter den Youngster.

Alessandro Riedle kommt aus Zürich

Im Fall von Alessandro Riedle ein wichtiges Kriterium für dessen Entscheidung, an den Wasen zu wechseln. Riedle hatte sich in der Schweiz beim Grashopper Club Zürich in die erste Mannschaft gespielt und war in der Schweiz der Senkrechtstarter der vergangenen Saison.

Und trotzdem entschieden er und Vater Karl-Heinz Riedle sich für Stuttgart. "Den Ausschlag gab, dass der VfB sich wahnsinnig um ihn bemüht hat und man da auch weiß, dass sie eine klare Linie haben und jungen Spielern eine Chance geben, wenn sie gut genug sind", sagt Riedle senior.

Kooperation mit größtem Verein der Stadt

Diese klare Linie sieht im Kindes- und Jugendlichenalter beim VfB auch eine vernünftige Ausbildung abseits des Fußballs vor. Mit dem MTV Stuttgart, mit knapp 9000 Mitgliedern der größte Verein der Stadt, läuft seit sieben Jahren eine fruchtbare Kooperation im Sichtungsbereich.

Dazu kommt der Stuttgarter Schulverbund, vor zwei Jahren vom DFB mit dem Siegel "Eliteschule des Fußballs" ausgezeichnet. Ohne Schulausbildung keine Chance auf einen Profivertrag.

Der ganzheitliche Ansatz gilt als Stützpfeiler der ganz besonderen Jugendarbeit und hat deutschlandweit mittlerweile schon jede Menge Nachahmer gefunden. Rudy ist dem Ausbildungsstatus mittlerweile entwachsen.

Er hat seinen Abschluss im dualen Berufskolleg der Johann-Friedrich-von-Cotta-Schule in der Fachrichtung "Sport-Vereinsmanagement" gemacht. Wie vor ihm schon zwei andere ehemalige VfB-Größen: Andreas Beck und Mario Gomez.

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