Stuttgart findet keinen Gomez-Ersatz

Der Fluch des großen Geldes

Von Stefan Rommel
Samstag, 04.07.2009 | 21:06 Uhr
Horst Heldt ist seit Februar 2006 Sportdirektor beim VfB Stuttgart
© Getty
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35 Millionen Euro! Der VfB Stuttgart hat so viel Geld wie noch nie zur Verfügung. Doch die Einnahmen aus dem Gomez-Deal mit den Bayern entpuppen sich immer mehr als Belastung, denn als Segen. Jetzt steht neben dem Transfer von Demba Ba auch der von Milan Jovanovic auf der Kippe. Sportdirektor Horst Heldt gerät langsam unter Druck.

116 Jahre ist der VfB Stuttgart nun schon alt. Eine bewegte Vergangenheit liegt hinter den Schwaben und vielleicht auch eine rosige Zukunft.

44 Jahre spielt Stuttgart schon in der Bundesliga, hat national alles gewonnen, was man gewinnen kann. Mit großer Euphorie nach sportlichen Erfolgen kennt sich der VfB aus - auch wenn bisher alle Jahre nach dem Gewinn der Meisterschaft eher mäßig bis schlecht verliefen.

Regelmäßig hat Stuttgart da die große Chance verspielt, sich dauerhaft im sehr kleinen Kreis der ganz Großen Deutschlands zu etablieren. Es scheint wie eine unschöne Tradition, dass der VfB sich bietende Chancen leichtfertig vergibt.

35 Millionen auf dem Konto

Vor dem Beginn der 47. Bundesliga-Saison sind die Vorzeichen in Bad Cannstatt mal wieder günstig. Zwar hat mit Mario Gomez der wichtigste Spieler der letzten Jahre den Verein verlassen - allerdings zünftig alimentiert durch gut 35 Millionen Euro aus München.

Der VfB geht nicht als Meister in die neue Spielzeit, was den Druck niedriger hält und der unschönen Tradition die Tür zuschlägt. Und trotzdem winkt die Champions League, jene überbordende Gelddruckmaschine, die für einen Gelegenheitsteilnehmer wie Stuttgart so lukrativ ist wie ein Bundesschatzbrief in Zeiten der Wirtschaftskrise.

35 Millionen Euro haben die Schwaben unters Volk zu bringen, so viel wie noch in ihrer Geschichte. Sportdirektor Horst Heldt und Jochen Schneider (Direktor Sport Verwaltung) haben den besten Transfer aller Zeiten eingefädelt und die Taschen voller Geld.

Wo bleiben die Neuen?

Aber Chefverhandler Heldt hat auch ein ernsthaftes Problem: Jeder am Markt weiß, dass der VfB quasi auf den Millionen sitzt - und will ein großes Stück davon abhaben. Deshalb herrscht selbst sechs Wochen nach dem letzten Spieltag der abgelaufenen Saison am Wasen fast die völlige Leere.

Bisher kamen lediglich Stefano Celozzi (ca. 1,5 Mio. vom KSC) und Matthias Schwarz (ablösefrei, FC Ingolstadt), von einem Bundesliga- bzw. Zweitliga-Absteiger. Und der 17-jährige Alessandro Riedle (Grasshopper Zürich), der sich über die zweite Mannschaft an den Profi-Kader heranarbeiten soll.

Dabei hatte Heldt vergangenen Samstag noch vollmundig "zwei oder drei Zugänge" versprochen, die "in den kommenden Tagen vorgestellt werden". Doch auch über eine Woche später ist rein gar nichts passiert.

Im Gegenteil: Das Tauziehen um Hoffenheims Demba Ba - begleitet von irrwitzigen Zahlen in der Größenordnung 20, 18 oder 15 Millionen - wird immer mehr zu einer unsäglichen Episode, die an den Nerven der Beteiligten zehrt und am aufpolierten Renommee von Heldt.

Heldt und die Zurückhaltung

Die bisher als positiv empfundene unaufgeregte Zurückhaltung Heldts wird ihm immer mehr als Schwäche ausgelegt. Etwas mehr von Trainer Markus Babbels Selbstverständlichkeit in der Außendarstellung wünschen sich die Fans. Der gibt seine Ziele klipp und klar preis und trifft dabei den Mittelweg zwischen Dominanz und gesunder Arroganz.

Mittlerweile hält sich aber hartnäckig der Verdacht, dass Heldt auf der Suche nach einem Stürmer hinter dem Wunschspieler Ba ein Plan B abgeht.

Der Senegalese wird zum Sinnbild für eine zögerliche Transferpolitik und wenn es ganz schlimm läuft, auch zum größten Reinfall seit dem legendären Transfer des Brasilianers Didi vor zehn Jahren. Den leistete sich der VfB für satte 3,5 Millionen D-Mark - und stellte ein paar Wochen später fest, dass der Angreifer auf Grund schwerwiegender Knieprobleme im Prinzip kurz vor der Sportinvalidität stand.

Jovanovic-Deal auf der Kippe

Nun ist Bas Leidensgeschichte weit weniger spektakulär. Aber nach der Entfernung eines Titannagels Ende Mai hat sich die Wunde im operierten Schien- und Wadenbein entzündet. Der VfB hat die Warnsignale erkannt und ist vorsichtig geworden, der an sich sichere Deal hängt plötzlich wieder an den Befunden der Ärzte.

In den letzten Wochen aber hatte sich Heldt zwischen den Zeilen eindeutig auf Ba und den Serben Milan Jovanovic von Standard Lüttich festgelegt. Passiert ist aber bei beiden bis heute nichts.

Im Gegenteil: Am Samstag äußerte sich Lüttichs Manager Dominique D'Onofrio verärgert. "Sie haben uns erneut ein Angebot vorgelegt, das respektlos ist", sagte D'Onofrio der Zeitung "La Meuse" und erklärte den Transfer vorerst für "begraben". Knapp vier Millionen Euro soll der VfB bieten. Viel zu wenig für Standard.

Love-Berater: "Es wird sehr schnell gehen"

Und im Gegenzug ruft das Stuttgarter Zögern die Konkurrenz auf den Plan. Besiktas Istanbul und Panathinaikos Athen wittern ihre Chance bei Jovanovic. Genauso wie der HSV, der jetzt um den ebenfalls schon genannten Vagner Love (ZSKA Moskau) buhlt.

Dessen Berater Hendrik Hoppenworth deutet vielsagend an: "Es wird eine zeitnahe Entscheidung geben. Am Wochenende passiert wohl nichts, doch dann wird es sehr schnell gehen." Allerdings ist nicht ersichtlich, in welche Richtung sich der Brasilianer entscheiden will.

Nur eins ist klar: So lange kein Gomez-Ersatz gefunden ist, herrscht weiter Unruhe um den Verein. Namen kursierten schon viele, von Ba über Roman Pawljutschenko (Tottenham Hotspur) und Dieuxmerci Mbokani (Lüttich) bis Klaas Jan Huntelaar (Real Madrid).

Zu keinem einzigen hat sich Heldt geäußert. An sich nicht das schlechteste Zeichen, um im Hintergrund an den Transfers zu basteln. Nur ohne die erforderlichen Ergebnisse verspielt er damit seine Glaubwürdigkeit. Vielmehr versteckt sich Heldt ein bisschen hinter seinem Kader, den der Sportdirektor nicht müde wird stark zu reden.

Champions League "ein Muss"

Dabei sind die beiden wichtigsten Spiele der jüngeren Vereinsgeschichte gar nicht mehr so weit entfernt. Mitte August geht es in der 3. Qualifikationsrunde zur Champions League darum, eine sehr gute Saison zu versilbern.

"Ich will unbedingt in der Champions League spielen", sagt Kapitän Thomas Hitzlsperger. "Das muss unser Anspruch sein. Insofern ist die Teilnahme ein Muss." Doch die Chancen, die sich aus dem Gomez-Deal ergeben, hat Stuttgart bisher nicht genutzt. Denn mit dem entsprechenden Geld im Rücken lässt sich auch der wichtigste Spieler ersetzen. Oder der Kader sogar noch verstärken und die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilen.

Nur ist der VfB davon im Moment weit entfernt. Das Bild des sprichwörtlich sparsamen Schwaben ist allgegenwärtig. Zu Gute halten muss man allerdings auch, dass der Stadionumbau viel Geld verschlingt - und der Transfermarkt noch bis 31. August geöffnet ist.

Negative Erinnerungen

Und trotzdem kann man besser vorsorgen. Die Bayern zeigen es zu deutlich: Neben Gomez und den schon zur Winterpause feststehenden Anatolj Tymoschtschuk und Ivica Olic zog der Rekordmeister innerhalb von zwei Wochen noch drei weitere Zugänge an Land. Eine kurze, aber beherzte Shopping-Tour mit klarem Ziel und fixen Resultaten.

Das Stuttgarter Klotzen wirkt dagegen wie der verzweifelte Versuch, sich nicht in die Karten schauen zu lassen. Dabei stand die falsche Sparsamkeit dem VfB in jüngster Vergangenheit schon öfter im Weg.

Vor vier Jahren war Piotr Trochowski zu haben. Der VfB zögerte und Troche wechselte für eine schlappe Million Euro zum HSV, wurde dort Stamm- und später auch Nationalspieler.

Ähnlich lief es vor eineinhalb Jahren im Rennen um Mesut Özil. Auch der war Stuttgart zu teuer. Bremen schlug dankbar zu, schickte fünf Millionen Euro nach Gelsenkirchen und hat heute einen Nationalspieler und adäquaten Diego-Ersatz im Kader.

Dem VfB und Heldt läuft langsam die Zeit davon. Die Mannschaft befindet sich schon seit Tagen im ersten Trainingslager, das die konditionellen Grundlagen für die Saison schaffen soll. Der Druck wächst mit jedem Tag, die vielen Millionen bieten zu viel Angriffsfläche.

Horst Heldt muss sich in dieser schwierigen Phase beweisen und zeigen, dass er mit den Gegebenheiten umgehen kann. Er ist momentan der wichtigste Mann im Verein und in der Hauptsache dafür verantwortlich, wie es mit dem VfB Stuttgart in der Post-Gomez-Ära weitergeht. Am 14. Juli ist Mitgliederversammlung. Bis dahin sollte sich Heldt der unangenehmsten Fragen selbst entledigen.

Neuer Ärger um Demba Ba

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