Fussball

Das perfekte Fußball-Hirn

Von Haruka Gruber
Auch sie bauen auf Soccerlab: Kölns Manager Meier, Cheftrainer Soldo und Assistent Henke
© Getty

Fast wie beim PC-Spiel: Mit dem hochmodernen Klubmanagementsystem Soccerlab will der 1. FC Köln das nächste Level erreichen. Doch was ist dieses Soccerlab, an dem auch Hoffenheim oder Hannover interessiert sind? SPOX stellt es exklusiv vor.

Nur ein kurzes Telefonat genügte, um Peter Neururers Arbeit von Monaten und Jahren zu zerstören. Es war abends, an einem Herbsttag 1989. Neururer saß in seinem Arbeitszimmer an seinem PC und pflegte wie üblich seine Fußballer-Datenbank.

3000 Spieler umfasste sie, mit Informationen über deren Stärken, Schwächen, das Zweikampfverhalten oder das Kopfballspiel. Alles mühselig eingetippt per Zweifinger-Suchverfahren. Es sei ein wahnsinniger Aufwand gewesen, "aber einige ahnten, dass ich meiner Zeit weit voraus war, und zeigten sich durchaus interessiert an meinem einzigartigen Wissensschatz", erzählt Neururer bei "11Freunde".

Als jedoch das Telefon klingelte und Neururer kurz den Rechner unbeaufsichtigt ließ, kletterte sein dreijähriger Sohn Jörn auf den Schreibtischstuhl, drückte wahllos auf die Tastatur - und löschte über die Hälfte der Profile. "Einfach futsch! Natürlich hatte ich keine Sicherheitskopie, ich wusste ja noch nicht einmal, was das ist", ereifert sich Neururer, der auf etwas Mitleid von seinem damaligen Verein gehofft hatte. "Aber bei Schalke konnte kein Mensch ermessen, was das bedeutete."

Köln Vorreiter - auch bei Soccerlab

20 Jahre sind seitdem vergangen. 20 Jahre, in denen die meisten deutschen Profiklubs frei nach Neururer die Bedeutung von technischen Hilfsmitteln erkannten und Schritt für Schritt ihre Abteilungen aufrüsteten. Sei es im Scouting, in der Spielanalyse oder der medizinischen Betreuung.

Der 1. FC Köln gilt hierbei als einer der fortschrittlichsten Vereine in Deutschland. Mit dem am Milan Lab angelehnten Konzept, den Fußball mit den neuesten Errungenschaften aus Wissenschaft und Technik zu vernetzen, unterzog sich der FC vor zwei Jahren einer Rundumerneuerung und gründete das Hightech-Labor Sportslab.

Eine Vorreiterrolle, die der FC gewillt ist, weiter zu festigen, in dem die Kölner eine bisher wenig beachtete Kooperation mit Soccerlab einging. Dabei bietet Soccerlab ein Vereinsmanagement-System an, das die Art und Weise, wie ein Fußball-Klub geführt wird, auf ein neues Niveau heben soll.

"Das Rad neu erfunden"

"Soccerlab mag keine kostengünstige Lösung sein, aber auf Jahre gesehen wird es sich rentieren", erklärt Kölns Sportslab-Leiter Boris Notzon. "Es gibt nichts Moderneres auf dem Markt. Immer wieder das Rad neu zu erfinden, ist eine Kunst. Soccerlab ist es gelungen."

Doch was ist dieses Soccerlab?

Der Grundgedanke ist folgender: Anders als bei den meisten modern geführten mittelständischen Unternehmen gibt es bei vielen Profiklubs kein schlüssiges Wissensmanagement-Konzept.

Das nicht vergessende Langzeitgedächtnis

Überspitz formuliert: Der Trainer kritzelt seine Erkenntnisse auf einen Zettel, der Manager koordiniert seine Termine per Blackberry, der Teamarzt trägt die Befunde in die Patientenakte ein und der Scout bewertet mögliche Zugänge mithilfe seiner bevorzugten Scouting-Datenbank oder seines Video-Analyseprogramms.

Vieles läuft nebeneinander her. Für jeden Einzelnen mag die Arbeitsweise effizient sein, doch das Fehlen eines technischen und organisatorischen Überbaus hat negative Folgen für einen Klub. Etwa dann, wenn ein Trainer/Manager/Chefscout den Klub verlässt und ein beträchtliches Maß an Knowhow mitnimmt. Keine Seltenheit in der Bundesliga - und einer der Hauptgründe dafür, dass Kontinuität im Fußball selten ist.

Und hier setzt Soccerlab an. Einerseits sollen durch die Vernetzung und Bündelung aller relevanten Informationen Reibungsverluste im Alltag vermieden werden. Andererseits kann Soccerlab "eine Art Langzeitgedächtnis sein. Personenunabhängig und nicht vergessend", erklärt Notzon.

Um in Notzons Analogie zu bleiben: Ein Fußball-Klub bekommt mit Soccerlab ein Gehirn, in das alle Daten gespeist und gespeichert werden, egal ob der Input vom Trainer, Manager, Scout, Spielanalysten, Arzt oder Physiotherapeuten stammt.

Rundumpaket für Michael Meier und Co.

Was heißt das konkret? Soccerlab ähnelt von der Funktionalität und der Bedienung einem Fußball-Manager-Spiel auf dem PC. Kölns Manager Michael Meier beispielsweise macht das Programm auf und bekommt auf die Schnelle einen Überblick: Wie sieht Lukas Podolskis Trainingsplan aus? Wie wurde er von der Physioabteilung behandelt? Was meint der Doktor? Was sagt der vereinsinterne Scoutingbogen?

Zusätzlich stehen noch weitere Features zur Verfügung. Durch die Zusammenarbeit von Soccerlab mit führenden Dienstleistern für Datenbanken ("Heim:Spiel"), statistische Erhebungen ("Impire") und Videoanalysen ("SportVAS") kann Meier bei der Suche nach Verstärkungen die Profilseite eines möglichen Neuzugangs mit Einsätzen, Toren oder persönlichen Daten einsehen.

Genauso Scouting-Sheets und TV-Mitschnitte aus aller Welt über den Spieler abrufen, die die Kölner Scoutingabteilung mithilfe der integrierten Videoanalysesoftware zusammengeschnitten hat.

Und das alles mit wenigen Mausklicks.

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Auch Hoffenheim und Hannover interessiert

"Das Schlagwort ist Wissensmanagement. Im Fußball mag es noch nicht so durchgedrungen sein, aber es ist für jedes Unternehmen von immenser Bedeutung, dass systematisch Wissen gesammelt, gespeichert und über Jahre hinaus zugreifbar gemacht wird. Egal welcher Trainer, Manager oder Chefscout gerade im Amt ist", sagt Michael Pauls von Soccerlab.

Dementsprechend neugierig sind die Vereine. Neben Köln haben sich bereits Hoffenheim oder Hannover intensiv mit Soccerlab beschäftigt, zudem sollen drei der vier letztjährigen Champions-League-Halbfinalisten mit der Implementierung von Soccerlab liebäugeln.

"Wir möchten aber nicht nur Spitzenvereine ansprechen", sagt Pauls. "Die Highend-Lösung kostet zwar einen sechsstelligen Betrag, aber wir bieten auch abgespeckte Versionen für Zweit- oder Drittligisten an, wo es im vierstelligen Bereich anfängt."

Eine Sicherungsautomatik ist übrigens bei allen Varianten inklusive. Nur für den Fall. Peter Neururer hätte sie durchaus behilflich sein können.

Hightech-Labor am Rhein: Köln auf Milans Spuren

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