Ralf Rangnick im Interview

"Ich will nicht in Schönheit sterben"

Von Für SPOX in Leogang: Christian Bernhard
Sonntag, 19.07.2009 | 12:59 Uhr
Ralf Rangnick beim Taktiktraining. Timo Hildebrand (r.) lauscht aufmerksam
© Getty
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1899 Hoffenheim bereitet sich derzeit auf das zweite Bundesliga-Jahr der Vereingeschichte vor. Im Trainingslager in Leogang sprach Trainer Ralf Rangnick über den eigenen Nachwuchs, die Neuzugänge, Demba Ba und erklärt, warum Neven Subotic und Lewis Holtby nicht nach Hoffenheim kamen und die Bundesliga die beste Liga Europas ist. SPOX war mit dabei.

Frage: Herr Rangnick, 1899 Hoffenheim geht in die zweite Bundesliga-Saison der Vereinsgeschichte. Was hat sich im Vergleich zum Vorjahr in Hoffenheim geändert?

Ralf Rangnick: In erster Linie haben wir nun ein Jahr Bundesliga-Erfahrung. Was außerdem sehr wichtig ist: Die erfahrenen Spieler im Kader fühlen sich als Paten für die Neuzugänge. Es ist wirkungsvoller, wenn sich die Spieler gegenseitig Tipps geben. So nehmen die Neuen mehr an, als wenn es vom Trainerteam kommt.

Frage: In der Hinrunde der letzten Saison begeisterte Hoffenheim ganz Fußball-Deutschland, in der Rückrunde gab es dann aber einen Einbruch. Macht die Mannschaft jetzt den nächsten Schritt nach vorne?

Rangnick: Ich sehe die Möglichkeit, dass es so kommt. Durch die Neuen wird der Konkurrenzkampf härter, das ist gut. Einige junge Spieler haben mir beim 1:0-Sieg gegen Panathinaikos Athen viel Spaß gemacht. Obwohl vier Spieler gefehlt haben, konnten wir zwei komplette Teams aufbieten. Kurzum: Wir sind auf einem guten Weg.

Frage: Die Jungen wie Marco Terrazzino und Boris Vukcevic dürfen sich also berechtigte Hoffnungen machen, auch in der Liga zum Zug zu kommen?

Rangnick: Das liegt an jedem einzelnen. Allerdings werden sie nicht spielen, nur weil sie jung sind und zudem aus der eigenen Jugend kommen. Das Leistungsprinzip gilt für alle. Boris hat in den vergangenen zwei bis drei Monaten einen deutlichen Schritt nach vorn gemacht. Er hat ein gesundes Selbstvertrauen, man muss ihn nicht mehr in jedem Training darauf hinweisen, dass er was drauf hat.

Frage: Die jungen Spieler aus dem eigenen Nachwuchs sind die eine Seite, auf der anderen Seite hat sich Hoffenheim mit einigen viel versprechenden und erfahrenen Leuten verstärkt. Stichwort Josip Simunic.

Rangnick: Seine Erfahrung war einer der Gründe, wieso er für uns so interessant war und ist. Er ist ein absoluter Teamplayer, der in keinster Weise im Mittelpunkt stehen muss. Er geht jetzt schon viel auf die Jungen zu, gibt ihnen Ratschläge und ist teamintern bereits sehr akzeptiert. Allerdings ist es auch für ihn neu, wie wir die Viererkette spielen.

Frage: Das müssen Sie erklären.

Rangnick: Das könnte ich, möchte ich aber nicht.

Frage: Schade. Auch neu, allerdings noch ohne Bundesliga-Erfahrung ist Maicosuel. Was darf man von ihm erwarten?

Rangnick: Wir hatten ihn schon vor einem Jahr auf dem Zettel, haben uns damals aber entschieden, ihn noch ein Jahr in Brasilien zu lassen. Vielleicht wäre er damals etwas billiger gewesen, aber er wurde in der letzten Saison zum Stammspieler. Das hat ihm sehr gut getan.

Frage: Wodurch hat er Sie überzeugt?

Rangnick: Was mir besonders an ihm gefällt, ist seine Einsatzbereitschaft. Er zieht immer voll mit, wir müssen ihn sogar manchmal bremsen. Er müsste ideal zu uns passen. Allerdings sollten wir den Ball flach halten, schließlich hat er noch keine Sekunde in der Bundesliga gespielt. Wir werden ihn ans Team heranführen. Nur weil er Applaus beim Training erhält, heißt das noch nichts. Und so wie ich ihn bei seinen ersten Kraftübungen gesehen habe, hat er wohl noch nie Krafttraining gemacht. Zumindest ganz sicher nicht in dieser Art. (schmunzelt)

Frage: Was bei den Verstärkungen auffällt: Für Sturm und Mittelfeld wurden mit Zuculini, Maicosuel oder Tagoe bislang noch eher unbekannte Spieler verpflichtet, für die Abwehr dagegen mit Simunic und Eichner etablierte Bundesliga-Profis. Zufall oder System?

Rangnick: Das ist kein Zufall. In der Abwehr haben wir Erfahrung gebraucht. Jetzt sollten wir mit Hildebrand, Simunic, Nilsson und auch Compper genug Routine haben. Vorne haben wir gute Erfahrungen damit gemacht, junge Leute zu holen, von denen wir überzeugt sind. Ich möchte aber betonen, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, dass solche Spieler zu uns kommen. Gott sei Dank haben wir sie bekommen, das ist ein gutes Zeichen.

Frage: Wie ein Neuzugang ist auch Vedad Ibisevic, der nach seinem Kreuzbandriss nun wieder mit dabei ist.

Rangnick: Nach seiner Hinrunde in der vergangenen Saison brauchen wir nicht darüber diskutieren, wie wichtig er für uns ist. Er ist jetzt schon sehr weit und das Tor gegen Panathinaikos wird ihm einen weiteren Schub geben. Jeder gönnt es ihm, das hat man an den Umarmungen seiner Kollegen nach dem Tor gesehen. Vielleicht können wir schon in den ersten Bundesligaspielen wieder auf ihn bauen.

Frage: Immer wieder wird kritisiert, Hoffenheim sei vom Weg, auf junge, deutsche Spieler zu setzen abgekommen. Unter den sechs Neuen ist auch wieder nur ein Deutscher...

Rangnick: Wir sind auf einem Level angekommen, auf dem die Zahl der jungen deutschen Spieler, die uns weiterhelfen, nicht mehr so groß ist. Der Gedanke, dass wir mit acht Deutschen und davon noch womöglich sechs aus der Umgebung spielen, ist utopisch. Bremen beispielsweise zahlt zehn Millionen Euro für Marko Marin.

Frage: Geld, das die TSG ja eigentlich auch hätte.

Rangnick: Wir haben noch nicht einmal einen zweistelligen Betrag rausgehauen. Allerdings war ja der eine oder andere junge Spieler schon fast bei uns.

Frage: Zum Beispiel?

Rangnick: Neven Subotic hatte uns bereits zugesagt, hat dann aber mit seinem Berater das Wort gebrochen und ist nach Dortmund gegangen. Auch Lewis Holtby war schon so gut wie hier. Schalke hat ihn dann davon überzeugt, dass seine Chancen auf einen Stammplatz bei ihnen höher wären. Womit sie ihn wohl noch überzeugt haben?

Frage: Um viel Geld ging es auch im Fall Demba Ba, der nach Stuttgart wollte, nun aber doch weiterhin in Hoffenheim spielt. Bleibt in dieser Sache nicht ein fader Beigeschmack zurück?

Rangnick: Für mich war das überhaupt kein großes Problem. Wichtig war, dass er sich bei der Mannschaft entschuldigt hat. Jetzt versucht er alles, um so schnell wie möglich gesund zu werden. Allen Moralisten sage ich: Denken wir doch zurück, als wir Anfang 20 waren. Da haben wir auch Fehler gemacht.

Frage: Wenn Ba bleibt, stehen Ihnen alle Leistungsträger des vergangenen Jahres plus die sechs Neuzugänge zur Verfügung. Dennoch wollen Sie partout nicht die Europacup-Plätze als Ziel ausgeben.

Rangnick: Es ist klar, dass die Chance, dieses Team zusammenzuhalten, steigt, wenn wir uns im Vergleich zum Vorjahr verbessern. Deshalb haben wir uns auch Simunic geholt. Allerdings erhöhen wir unsere Chance auf einen Europacup-Platz nicht, wenn wir uns hinstellen und Platz fünf als Ziel ausgeben. Wir lassen uns nicht auf einen Platz festnageln, für mich sind andere Ziele wichtiger.

Frage: Und zwar?

Rangnick: Ich will in erster Linie wieder schönen Fußball von uns sehen, dabei allerdings nicht in Schönheit sterben. Ich will das Team so hinkriegen, dass wir zum Auftakt gegen die Bayern gewinnen können. Ob es dann auch klappt, kann ich jetzt nicht sagen.

Frage: Hängt Ihre Zurückhaltung auch mit der Ausgeglichenheit der Liga zusammen?

Rangnick: Auch diese Saison werden wieder zehn Teams um die vordersten Plätze mitspielen. Die Aufsteiger wirken auch nicht unbedingt so, als ob sie gleich wieder absteigen müssen. Das alles bekräftigt mich, dass die Bundesliga die ausgeglichenste Liga der Welt ist.

Frage: Keine Angst vor einer Zweiklassen-Gesellschaft?

Rangnick: Nirgendwo anders werden die TV-Gelder gerechter aufgeteilt als bei uns. Dazu kommt eines der strengsten Lizenzierungsverfahren. Ich möchte nicht wissen, was mit Real Madrid in unserer Liga los wäre, ob das überhaupt klappen würde. Ich finde es nicht schlecht, wie es ist. In der Breite ist die Bundesliga die beste Liga Europas.

Frage: Besser als die Premier League?

Rangnick: Die Top-4 spielen sicher - schon aufgrund ihres Budgets - in einer eigenen Liga. Es geht um die Qualität in der Breite. Ich habe mir einige Spiele von Everton und Aston Villa angeschaut. Ich weiß aber nicht, ob die auch in der Bundesliga Fünfter werden würden. In Deutschland kann auch der Letzte gegen die Topteams gewinnen.

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