Fussball

"In Hoffenheim entsteht Großes"

Von Interview: Benjamin Sehring
Ernst Tanner war seit 2002 Nachwuchsleiter von 1860 München
© Imago

Einer der Besten, wenn nicht der Beste: Ernst Tanner gehört zu den herausragenden Jugendtrainern Deutschlands und hat etliche Toptalente wie Savio Nsereko oder die beiden deutschen Nationalspieler Marcel Schäfer und Christian Träsch entdeckt und gefördert. 1994 fing Tanner bei 1860 München als Trainer der C-Junioren an, bevor er 2003 Leiter des Nachwuchsleistungszentrums der Löwen wurde. In gleicher Funktion wechselte er im Sommer zu 1899 Hoffenheim.

Im Interview mit SPOX spricht Ernst Tanner (42) über die neue Herausforderung, Fehler bei der deutschen Jugendausbildung und die niederländische Schule in Barcelona.

SPOX: Der 30. Mai in diesem Jahr muss ein ganz besonderer Tag für Sie gewesen sein.

Ernst Tanner: Das stimmt. Diesen Tag habe ich mit sehr gemischten Gefühlen erlebt.

SPOX: Es war das letzte Saison-Heimspiel der U 23 der Löwen gegen Freiburg II und gleichzeitig war es auch ihr Abschied nach 15 Jahren bei 1860 München.

Tanner: Zum einen freue ich mich natürlich auf die neue Aufgabe in Hoffenheim. Zum anderen habe ich an dem Tag schon auf die Zeit bei den Löwen zurückgeblickt und die Fans haben mir ja auch deutlich gemacht, was die letzten 15 Jahre bei Sechzig auch für mich bedeutet haben.

SPOX: Die Fans haben unter anderem ein Transparent aufgerollt mit der Aufschrift: "Wenn ein Großer geht, bleibt Großes zurück".

Tanner: Das macht mich natürlich stolz. Denn gerade in den letzten Jahren habe ich bei Sechzig wenige Leute den Verein verlassen sehen, die so einen Abschied bekommen haben wie ich.

SPOX: In München hinterlassen Sie eine der besten Jugendabteilungen in Deutschland. Was reizt Sie, in Hoffenheim zu arbeiten?

Tanner: Vor allen Dingen reizt es mich, mit Leuten wie Bernhard Peters, Ralf Rangnick, Jan Schindelmeiser sowie den beiden Scouts Helmut Groß und Christian Möckel zusammenzuarbeiten. Ich kenne viele von ihnen schon seit längerem. Aber abgesehen davon, entsteht in Hoffenheim im Moment auch wirklich Großes.

SPOX: Das heißt konkret?

Tanner: Bis zum Winter wird hier ein Leistungszentrum für die Profis und die U-23-Mannschaften fertig gestellt. Konzeptionell ist das eine sehr gute Sache, denn so haben die Profis und die U 23 einen ganz engen Kontakt. Zudem entsteht in Hoffenheim auch noch ein Nachwuchsleistungszentrum und ein Internat für die Mannschaften U 16 bis U 19.

SPOX: Was sind Ihre Aufgaben?

Tanner: Ich lasse bei der Entwicklung der Zentren und des Internats meine Ideen mit einfließen und gestalte diese zusammen mit Bernhard Peters, sodass die Qualität der Jugendförderung in Hoffenheim weiter verbessert wird. Daneben geht es auch darum, die Umsetzung der Philosophien des Klubs weiter zu kontrollieren und umzusetzen.

SPOX: Zur Philosophie Hoffenheims gehört es, Spieler aus der eigenen Jugend in das Profiteam mit einzubauen. Andererseits wurden in der Sommerpause wieder überwiegend Spieler aus dem Ausland verpflichtet. Passt das zusammen?

Tanner: Es ist ja so: Die Jugendförderung im Leistungsbereich gibt es in Hoffenheim nicht schon seit zehn Jahren. Der Verein ist innerhalb kürzester Zeit sehr schnell gewachsen und ist dann über die zweite Liga durchmarschiert. Wir müssen in Hoffenheim jetzt eine gewisse Zeit ins Land gehen lassen, um die Spieler entwickeln zu können. Man kann nicht innerhalb von zwei, drei Jahren Bundesliga-Spieler hervorbringen. Das geht nicht.

SPOX: Also müssen Spieler dazugekauft werden.

Tanner: Genau. In dieser Zeit muss man externe Spieler dazuholen. Das bleibt nicht aus und gehört auch immer zu einem gut funktionierenden Jugendkonzept. Das haben wir bei Sechzig auch nicht anders gemacht. Was Hoffenheim aber auszeichnet, ist, dass wir fast ausnahmslos junge Spieler verpflichten. Das gehört zur Grundphilosophie.

SPOX: Nur junge Spieler sind aber selten konstant erfolgreich. Bestes Beispiel war der Leistungsabfall der Hoffenheimer in der Rückrunde.

Tanner: Das lag aber nicht unbedingt an den jungen Spielern. Es war ein entscheidender Faktor, dass der Kader sehr klein war und dahinter sehr viele junge und unerfahrene Spieler standen. Und wenn man das Verletzungspech in dieser ausgeprägten Form hat, dann kann es passieren, dass man eine längere Durststrecke überwinden muss.

SPOX: Ab wann ist Hoffenheim nun aber so weit, ein Team à la Barcelona aufzustellen, in dem fünf, sechs Spieler aus der eigenen Jugend in der Startelf stehen?

Tanner: Es gibt in Hoffenheim schon fünf, sechs Jungs, mit denen in Zukunft zu rechnen ist. Wenn wir jetzt weiter junge Spieler nachführen und die Mannschaften aus dem Unterbau entsprechend gut zusammenstellen und trainieren, dann ist es nur eine Frage der Zeit. Ob uns allerdings das gelingt, was Barca im Moment hat, das wage ich zu bezweifeln. Barca ist eben ein Top-Verein, der über eine Top-Nachwuchsförderung verfügt, die bestimmt schon 20, 30 Jahre läuft. Diese Zeit und diese Erfahrung sind von unschätzbarem Wert. Gepaart mit der Strahlkraft eines Weltvereins, dank der man auch einen Messi entsprechend kriegen kann, ist das natürlich ein ideale Voraussetzung.

SPOX: Gute Jugendspieler brauchen eine gute Ausbildung im Verein. Auf welche Ausbildungsschwerpunkte setzen Sie?

Tanner: Wir versuchen, Spielern in den jungen Jahren das technische Rüstzeug mitzugeben. Im etwas älteren Leistungsbereich muss man sehr stark im taktischen und athletischen Bereich arbeiten. Und natürlich müssen die Jungs, was die Persönlichkeit anbelangt, entsprechend geführt werden. Im Schnitt kommt ein relativ gut ausgebildeter Spieler raus. Wenn man es schließlich auch noch schafft, über das individuelle Training ein signifikantes Merkmal beim Spieler herauszubilden, wurde bereits viel erreicht. Denn ein Spieler braucht einfach auch eine Waffe, um aufzufallen.

SPOX: Das heißt, vor allem die Stärken wie eine starke Schusstechnik sollen gefördert werden.

Tanner: Ja, aber zum richtigen Zeitpunkt. Eine Frühspezialisierung bringt gar nichts. Da wehren wir uns entschieden dagegen. Nur wir Deutschen neigen manchmal dazu, uns zu sehr auf die Schwächen zu konzentrieren und zu wenig auf die Stärken. Und das ist teilweise ein Kennzeichen unserer Gesellschaft: Wir sehen viel zu wenig das Positive. Aber wenn wir es sehen, müssen wir es auch stärken. Das ist ein wesentlicher Punkt, der auch in der Trainingsarbeit umgesetzt werden muss.

SPOX: Warum scheitern viele junge Spieler trotz guter Ausbildung?

Tanner: Das Problem ist, dass der Übergang zu den Profis manchmal viel zu schnell stattfindet und dabei viel zu wenig Rücksicht auf den aktuellen Entwicklungsstand eines Jugendlichen genommen wird. Bei Sechzig musste ich oft die Erfahrung machen, dass Jugendliche, die noch nicht fertig waren, zu früh in den Profibereich kamen. Letztlich konnten sie sich nicht durchsetzen und mussten in die U 23 zurückgeführt werden.

SPOX: Also ein Rückschritt in die zweite Mannschaft.

Tanner: Ja, aber das Konzept mit den zweiten Mannschaften in den Wettbewerbsligen ist ideal. Die Jugendlichen können so über die dritte Liga, die Regionalligen, oder gegebenenfalls auch die Oberliga Erfahrung sammeln. Wenn sie noch sinnvoll trainiert werden, können sie perfekt aufgebaut werden.

SPOX: Auch DFB-Sportdirektor Matthias Sammer sieht vor allem die Übergangszeit zwischen Jugend- und Profifußball als problematisch an. Dort würden bei vielen Klubs die Zuständigkeiten fehlen.

Tanner: Da hat Matthias Sammer schon recht. Denn jeder Verein bräuchte eigentlich jemanden, der sich im Profibereich um die Jugendlichen kümmert. Insbesondere, wenn der Spieler so gut ist, dass er schon in der ersten Mannschaft spielen kann. Die Jugendlichen brauchen einen Ansprechpartner. Sie brauchen jemanden, der die Anzahl der Einsätze kontrolliert, die Spielzeiten überwacht, das Trainingsprogramm entsprechend gestalten kann und der vor allem weiß, wie der Spieler am besten individuell zu trainieren ist.  Ansonsten wird es für einen Jugendlichen sehr schwer. Das sind eben nicht alles Autodidakten, die alles selbst oder durch Trainer und Mitspieler lernen. Da muss man ihnen schon helfen.

SPOX: Dann muss der Trainerstab aber deutlich vergrößert werden.

Tanner: Naja, in einem Profi-Kader ist die Anzahl von jungen Spielern ja recht überschaubar. Aber da muss schon jemand sein, der sich um die jungen Spieler kümmert.

SPOX: Toni Kroos gilt als eines der größten Talente in Deutschland. Warum konnte er sich bisher weder bei den Bayern noch bei Leverkusen richtig durchsetzen?

Tanner: Ich bin da zu weit weg, um konkrete Aussagen zu machen. Aber wenn Sie das, was ich gerade gesagt habe, mit der Entwicklung von Toni Kroos abgleichen, werden sie sicher auch Parallelen finden.

SPOX: Der Sprung zu den Profis kam also zu früh für Kroos?

Tanner: Ja, vielleicht ist der Junge einfach noch nicht so weit. Es ist ja möglich, dass ihm in verschiedenen Bereichen einfach Dinge fehlen, an denen er noch arbeiten muss. Vielleicht geht es auch manchmal zu schnell, wenn man versucht, einen 18-Jährigen in eine Top-Mannschaft der Bundesliga rein zupressen. Aber wie gesagt, das ist hypothetisch. Das müssen die Leute entscheiden, die vor Ort mit ihm arbeiten.

SPOX: Bei Hoffenheim gibt es mit Marco Terrazzino auch ein 18-jähriges Talent, das jetzt sogar einen Profivertrag erhalten hat. Kann er sich bei den Profis durchsetzen?

Tanner: Er hat ja schon bei den Profis gespielt. Und in Zukunft wird es davon abhängen, wie er sich weiter entwickelt. In der Rückrunde wurde er durch das Verletzungspech der arrivierten Spieler sehr begünstigt. Aber ein 18-Jähriger ist eben noch kein gestandener Profi. Und jeder ist irgendwo seines Glückes Schmied und muss entsprechend zulegen. Aber der Marco ist ein außergewöhnliches Talent, dem ich das sicherlich zutraue.

SPOX: Der deutsche Nachwuchs ist auf einem Hoch. Die U 17, die U 19 und die U 21 sind amtierende Europameister. Wo liegen die Gründe für diesen Erfolg?

Tanner: Letztendlich ist es nichts anderes, als die Konsequenz der verbesserten Nachwuchsförderung in den letzten zehn Jahren. Ende der 90er Jahre gab es nur vereinzelt Vereine, die gute Nachwuchsarbeit gemacht haben. Mit den Vorschriften für die Leistungszentren für die Lizenzvereine und mit den Zertifizierungsprozessen ist die Qualität der Nachwuchsarbeit sukzessive gesteigert und verbessert worden. Und dass dann mit etwas Nachlauf auch wieder gute Jugendspieler herauskommen, sieht man im Moment in unseren Jugendnationalmannschaften.

SPOX: Haben die deutschen U-Mannschaften inzwischen Länder wie die Niederlande oder Frankreich abgehängt?

Tanner: Abgehängt nicht. Man hat mittlerweile sein eigenes Spiel entwickelt und ist sicherlich an das Niveau der Top-Nationalmannschaften herangekommen. Wenn wir den Weg weiter verfolgen, über den Tellerrand hinausblicken und uns nicht zurücklehnen, dann werden wir uns weiter verbessern, konkurrenzfähig bleiben und unsere Titel einfahren. Das ist eigentlich eine ganz logische Geschichte.

SPOX: Sie selbst blicken auch ganz gerne über den Tellerrand. Im Februar waren Sie in Spanien bei Barca und Espanyol zu Besuch. Was haben Sie dort gemacht?

Tanner: Ich habe bei beiden Klubs hospitiert. Das mache ich alle paar Jahre mal. Letztlich versuche ich immer etwas Neues mitzunehmen und in unserer eigenen Ausbildung umzusetzen.

SPOX: Was hat Sie beim FC Barcelona beeindruckt?

Tanner: Barcelona ist natürlich stark geprägt von Johann Cruyff und Ajax. Beeindruckend ist vor allem, wie die niederländische Schule mit der spanischen Mentalität gepaart wird. Was letztendlich eine sehr erfolgreiche Geschichte ist.

SPOX: Wie sieht das im Training aus?

Tanner: Barca trainiert im Grundlagen- und Aufbaubereich fast ausschließlich mit dem Ball. Es werden also nur sehr, sehr wenige athletische oder koordinative Inhalte ohne Ball geschult.

SPOX: Und bei Espanyol?

Tanner: Bei Espanyol sieht das ein bisschen anders aus. Die sind schon eher zentraleuropäisch geprägt. Sie haben auch einen eigenen Athletik-Trainer und trainieren auch relativ viel im koordinativen Bereich ohne Ball. Unglaublich gut ist aber bei beiden die technische Perfektion, mit der die Spieler ausgebildet werden. Viel Detailarbeit mit relativ viel Drill bei den Übungen. Ausgezeichnet sind auch die Spielformen auf kleinem Raum. Die Engländer würden das "small-sided-areas" nennen. Das ist sehr gut, weil das gepaart mit der hohen technischen Fertigkeit die Spielintelligenz und Handlungsfähigkeit der Spieler extrem fördert. Daneben wird auch viel mit reduzierten Kontakten gespielt.

SPOX: Denken Sie, dass Sie davon auch etwas nach Hoffenheim mitnehmen können?

Tanner: Klar gibt es auch einen regen Austausch über das, was wir als nächstes angreifen wollen. Die Jugend in Hoffenheim - gerade jetzt in den unteren Jahrgängen - ist schon sehr gut aufgebaut. Dennoch können wir uns immer weiter verbessern.

Der Kader von 1899 Hoffenheim

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