Raus aus dem Mikrokosmos

Von Stefan Rommel
Freitag, 08.05.2009 | 12:30 Uhr
Bayern, Ausland, oder doch weiter Stuttgart - wohin führt Mario Gomez' Weg?
© Getty
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Im Spitzenspiel gegen Tabellenführer VfL Wolfsburg kämpft der VfB Stuttgart um die Champions League, vielleicht sogar um den Titel - aber mit Sicherheit um die Zukunft von Torjäger Mario Gomez. Der 23-Jährige entwächst seinem Klub so langsam und muss sich im Sommer ernsthafte Gedanken um seine weitere Karriereplanung machen. Das Ausland reizt. Aber wäre der Schritt dorthin nicht zu groß?

Im Winter war vieles noch ganz anders. Der VfB Stuttgart dümpelte ohne Perspektive und mit einem Trainer-Novizen auf der Bank im tristen Mittelfeld der Tabelle. Platz elf, kaum Chancen auf das internationale Geschäft. Im Prinzip eine verlorene Saison, für den Klub und für Mario Gomez.

Der Anspruch war nach einer durchwachsenen Saison im Jahr davor ein ganz anderer, aber die Mannschaft konnte ihr Potenzial nie abrufen und jagte deshalb aussichtslos den großen Erwartungen hinterher.

8, 16, 28, 28

Die einzige Konstante der Stuttgarter Vorrunde war einmal mehr Stürmer Mario Gomez. Denn selbst in der schlechten Phase der Saison lieferte Gomez. Und lieferte, und lieferte...

Seit drei Jahren bestätigt er nun schon, was er in seiner ersten "echten" Saison unter Giovanni Trapattoni angedeutet hat. 8, 16, 28, 28 lautet die Reihe seiner Pflichtspieltore, wobei die aktuelle Saison noch gar nicht beendet ist.

Hier liegt er bei unglaublichen 42 Scorerpunkten in 41 Spielen. Mehr kann man seine Leistungen nicht bestätigen. Der Durchbruch in der Meister-Saison war nicht - wie bei vielen anderen auch - nur eine Eintagsfliege, sondern erst der Startschuss auf dem Weg zu Deutschlands gefährlichstem Angreifer.

Deutschlands gefährlichster Angreifer

Denn genau auf diesem Weg befindet sich Gomez. Lukas Podolski hat den Durchbruch bei den Bayern in drei Jahren nicht gepackt, Miroslav Klose wird in wenigen Tagen 31 Jahre alt, die WM im nächsten Jahr wird vermutlich sein letztes großes Turnier sein.

Kevin Kuranyi hat mit Schalke einige und beim DFB sehr viele Probleme, Patrick Helmes nach gutem Start in Leverkusen noch längst nicht die nötige Konstanz in seinem Spiel. Also ist Gomez streng genommen jetzt schon Deutschlands Angreifer Nummer eins, mittelfristig gesehen ist er es allemal.

Führungsspieler in jungen Jahren

Aber Gomez spielt - bei allem Respekt - "nur" beim VfB Stuttgart. Nun ist es nicht so, dass der VfB eine x-beliebige Adresse in Deutschland ist, im Gegenteil. Die Schwaben kratzen nach verkorkster Vorrunde vier Spieltage vor Schluss an den Champions-League-Plätzen, vielleicht sogar an der Meisterschaft. Für diese Mannschaft ist Gomez so etwas wie die Lebensversicherung.

Der 23-Jährige hat einen gültigen Vertrag bis 2012 in Stuttgart, gegen Ende jeder Saison gibt es große Spekulationen um seine Zukunft. Bisher wehrte das Eigengewächs alle Verlockungen standhaft ab und hielt seinem VfB die Treue.

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Bisher lag er mit seiner Entscheidung pro Stuttgart auch richtig, im ruhigen Umfeld in Cannstatt konnte er sich ohne den ganz großen Trubel verbessern, an seinen Schwächen arbeiten, sich weiterentwickeln. So ist er bei den Schwaben mit seinen zarten 23 längst zum Führungsspieler gereift und schlägt neben Thomas Hitzlsperger, Jens Lehmann und Ludovic Magnin in der Kabine die Gangart an.

Der nächste Schritt muss kommen

Gomez stößt in seinem VfB-Mikrokosmos aber so langsam an Grenzen. Stuttgart wird ihm allmählich zu klein, er wächst schneller, als es der Klub und die Mannschaft tun. Hier hat er sich vom A-Jugendspieler zum Deutschen Meister, Nationalspieler, Fußballer des Jahres und zur Ikone entwickelt. Da gibt es nicht mehr viel, das die Meriten weiter toppen könnte.

Also muss bald der nächste Schritt kommen. Also wird Gomez auch diesen Sommer wieder nachdenken. Das Ausland reizt ihn. Aber die Frage ist, ob er fußballerisch schon so weit ist, um in einer der Top-Ligen Europas auf Anhieb Fuß zu fassen?

Nächsten Sommer findet in Südafrika die Weltmeisterschaft statt. Nach der für ihn schlimmen EM in Österreich und der Schweiz Gomez' zweites großes Turnier und - ganz ohne Zweifel - der perfekte Ort, um sich auf dem Präsentierteller der Weltöffentlichkeit zu zeigen.

Um bei den Welttitelkämpfen aber auch die Möglichkeit zu bekommen, als gesetzter Stammspieler in Erscheinung zu treten, muss er zwingend regelmäßig im Verein zum Zug kommen. In Barcelona, Madrid, Mailand, Manchester, Liverpool, London kein Naturgesetz. Schon gar nicht für potenzielle Neuzugänge. Der Schritt erscheint noch zu groß.

Ideal: Die Bayern?

Ein Haifischbecken wäre ein großes Risiko. Schon ganz andere sind daran zerbrochen, weil sie zu früh zu viel wollten. Also würde ein Zwischenschritt Sinn machen. Ein Becken mit Haifischlein. So wie es zum Beispiel der FC Bayern München bietet. Bei den Bayern wäre Gomez gesetzt, er müsste nicht nach drei, vier schlechteren Spielen sofort um seinen Stammplatz zittern.

Dort könnte Gomez wieder lernen, müsste sich in einer starken, gewachsenen Hierarchie nach oben boxen. In Stuttgart ist er trotz seines jungen Alters schon einer der Erfahrenen und in der Chefrolle. In München könnte er sein Profil weiter schärfen und sich die Ecken und Kanten verschaffen, die es für den rauen Alltag bei einem europäischen Top-Klub braucht.

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Ballack als Vorbild

Im Prinzip könnte er sich Michael Ballacks Karriere als Anschauungsbeispiel nehmen. Der war nach der überragenden Saison 2002 im Alter von 26 Jahren nicht von Bayer Leverkusen zu Real Madrid gewechselt, sondern hat sich für die kleinere Lösung München entschieden.

Dort hat sich Ballack vom vielversprechenden Aufsteiger zu einem Spieler von Weltformat entwickelt, wurde auf Jahre hinaus zum Kopf und Kapitän der Nationalmannschaft. Und erst dann wagte er als komplett ausgebildeter Spieler den Wechsel ins Ausland und verfeinerte sein Spiel dort weiter.

Neulich hat sich Gomez schon vage zu seiner Zukunft geäußert - wobei er offenbar eher noch zu einem weiteren Jahr beim VfB tendierte. Die momentane Euphorie in Stuttgart ist ein echtes Pfund, mit dem der Verein wuchern kann. Die Königsklasse ist nicht unmöglich.

Stuttgarts Saisonabschluss beeinflusst ganz entscheidend die weiteren Planungen von Mario Gomez. Der VfB steht vor den vier wichtigsten Spielen der jüngeren Vergangenheit.

Mario Gomez' Leistungsnachweis

 

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