Bayerns Jose Ernesto Sosa im Porträt

Zeit zu dienen

Von Stefan Rommel
Dienstag, 12.05.2009 | 14:58 Uhr
Wie Vater und Sohn: Demichelis (r.) und van Bommel feiern Sosas ersten Treffer gegen den KSC
© Getty
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Vor ein paar Wochen war Jose Ernesto Sosa beim FC Bayern München nichts mehr als ein Überbleibsel und pendelte zwischen Tribüne und Ersatzbank. Durch die Verletztenmisere beim Rekordmeister kommt aber auch der Argentinier endlich in Schwung und könnte für die Bayern noch zu einem ganz wichtigen Spieler im Kampf um die deutsche Meisterschaft werden.

Die Entscheidung zwischen dem Juwel und dem kleinen Prinzen fiel am Ende ziemlich schnell. US Palermo hatte es eilig, es war schon Ende Januar und das Transferfenster nur noch wenige Stunden geöffnet.

Ein paar Tage zuvor hatte sich Stürmer Fabricio Miccoli verletzt, es musste im Kampf um einen UEFA-Cup-Platz also dringend Ersatz her. Also fahndeten die Sizilianer - und wurden beim FC Bayern fündig.

Jose Ernesto Sosa fristete dort ein kümmerliches Dasein auf der Bank, ohne Spielpraxis, ohne Perspektive und ohne die nötige Entschlossenheit, das Ruder doch noch mal herumzureißen.

Hernandez statt Sosa

Also bemühte sich Palermo um den Argentinier. Es sah sehr gut aus, die Verträge wurden schon vorbereitet. Doch plötzlich war der fixe Deal nur noch Makulatur.

Mathias Abel Hernandez wurde zur selben Zeit bei der U-20-Südamerikameisterschaft mit fünf Treffern in sechs Spielen Torschützenkönig - und plötzlich war dessen Spieleragentur ganz heiß darauf, den erst 18-Jährigen ganz schnell nach Europa zu transferieren.

Binnen weniger Stunden wurden sich der Spieler, seine Beraterfirma, die 100 Prozent der Rechte an Hernandez besaß, Palermo und der abgebende Verein CA Penarol einig. "Das Juwel", wie Hernandez in seiner Heimat Uruguay genannt wird, wechselte für 2,5 Millionen Euro und 50 Prozent der Rechte nach Italien.

Das Kontingent an Nicht-EU-Ausländern bei den Rosaneri war damit erschöpft - und Jose Ernesto Sosa und die Bayern schauten in die Röhre.

Grausame Bilanz

Sie wollten ihn unbedingt los werden, ausleihen, ihm Spielpraxis vermitteln. Sosa saß quasi schon mit den Koffern am Flughafen und war abflugbereit. Und dann das.

Seit 18 Monaten war "el principito", der kleine Prinz, schon in München. Seine Bilanz war grausam. Nur sieben Pflichtspiele machte er von Beginn an, erzielte dabei keinen einzigen Treffer.

"Er hat in den letzten anderthalb Jahren nicht wie gewünscht den Durchbruch geschafft", räumte Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge ein, "er muss jetzt spielen". Im Trainingslager in Dubai hatten die Bayern-Bosse und der damalige Trainer Jürgen Klinsmann ihren Standpunkt klar geäußert und Sosa einen Tapetenwechsel verschrieben.

"Die Gespräche waren hart für mich, aber fair. Ich wollte auch endlich wieder spielen, also war ich mit einem Ausleihgeschäft einverstanden. Jetzt kann ich glücklich sein, dass es damals nicht geklappt hat", sagt Sosa rückblickend.

Selbst Hoeneß irrte

Selbst Manager Uli Hoeneß muss das eingestehen. "Wir haben einen Spieler zurückgekriegt, den wir gar nicht mehr auf der Rechnung hatten." Was für ein komischer Zufall. Nur ein paar Wochen zuvor, kurz nach dem geplatzten Geschäft mit Palermo, hatte Hoeneß noch sehr enttäuscht geklungen: "Er bleibt jetzt doch da - leider. Es wäre besser gewesen, er hätte dort Spielpraxis bekommen."

Wie auch allwissende Manager doch manchmal irren können. Denn nicht in Rosa-Schwarz, sondern im rot-weißen Bayern-Dress bekommt der Argentinier jetzt die gewünschte Spielpraxis. Dabei war die Geschichte des Jose Ernesto Sosa beim deutschen Rekordmeister lange ein großes Missverständnis.

Demichelis als Fixpunkt

2006 wurden die Bayern auf den damals 21-Jährigen aufmerksam, als er Estudiantes de la Plata nach 23 Jahren wieder zur Apertura, der argentinischen Meisterschaft, verhalf. Der AC Milan und Juventus Turin klopften an, das Rennen machten ein Jahr später aber die Münchener. Zwischen sechs und zehn Millionen Euro sollen damals über den großen Teich geflossen sein.

Im Herbst 2007 fegten die neuen Bayern über die Konkurrenz aus Deutschland und Europa nur so hinweg. Ribery, Toni und Klose wirbelten. Sosa saß auf der Bank und fror. "Kalt" war eines der ersten Wörter, das er lernte. "Alle haben gesagt, die Sprache und das Wetter werden die größte Umstellung."

Zur besseren Eingewöhnung nahm er Freundin Carolina mit ins neue Land und Yorkshire-Terrier Fidel, er paukte brav Vokabeln. Die Bezugsperson an der Säbener Straße wurde natürlich Landsmann Martin Demichelis. "Micho war von Beginn an mein erster Ansprechpartner innerhalb der Mannschaft."

In der Umkleidekabine haben die beiden die Spinde nebeneinander. "Wenn ich irgendetwas nicht wusste, habe ich ihn angerufen. Micho war Freund, Förderer und manchmal auch Vater in einem."

Gold mit Argentinien

Zum Rest der Mannschaft fehlte aber der Anschluss. Sosa war selbst im Training oft isoliert. Mit Hamit Altintop und Bastian Schweinsteiger war die Konkurrenz auf seiner Position im rechten Mittelfeld zu groß, Sosa kam von Beginn an nicht zurecht und drohte, das nächste sündteure und gescheiterte Südamerika-Experiment der Bayern zu werden. Also verschanzte er sich oft mit Freundin und Hund und einer großen Kanne Mate in seiner Wohnung.

Wenigstens lief es in der Albiceleste noch einigermaßen rund. Der Höhepunkt war das olympische Turnier im letzten Jahr, als Sosa mit Argentinien Gold holte.

"Die Medaille habe ich zuhause, ich sehe sie jeden Tag. Es kann schon sein, dass sie mir Vertrauen gibt und Zuversicht", sagt er. Die übergroße Edelmetallmünze alleine war aber sicherlich nicht der Grund für seine Auferstehung der Rückrunde.

Das Pech der anderen als Glück

Vielmehr war Sosas Glück das Pech einiger Mannschaftskollegen. Als sich gleich vier, fünf Stammspieler verletzten, schlug in Bochum plötzlich die Stunde des Problemfalls. Sosa zeigte endlich eine ansprechende Leistung und machte eine Woche später sein erstes Tor für die Bayern überhaupt.

Beim 1:0 über den KSC zeigte er, warum die Bayern so große Hoffnungen in ihn setzten. Und mittlerweile auch wieder setzen. Großen Anteil daran hat offenbar auch sein Entdecker. "Paul Breitner hilft mir immer. Er versucht mir klar zu machen, dass es nicht immer rund laufen kann und ich meine Kraft und Stärke ausbauen soll." Und jetzt am Ball bleiben soll.

Hoffen auf die Albiceleste

Seit Monaten flatterte Sosa keine Einladung zur Nationalmannschaft mehr ins Haus. "Wie auch, wenn ich bei den Bayern nie spiele", hat er vor ein paar Wochen noch geklagt. Der große Traum der WM 2010 in Südafrika schien in weiter Ferne. Jetzt glimmt wieder ein Funken Hoffnung.

"Bayern ist ein großer Klub, also gehe ich davon aus, dass Diego einige Spiele sehen kann. Und dass er auch mich dann sehen kann", sagt Sosa im Hinblick auf Nationalcoach Diego Maradona. Ihn verehrte er als Kind, jetzt will er seiner Gefolgschaft angehören.

"Er ist der Fußballer schlechthin und Idol unseres Landes. Wenn er in der Kabine spricht, ist das elektrisierend. Ich hoffe, ich darf ihm in Zukunft als Spieler dienen."  

So wie er jetzt den Bayern dient, endlich. US Palermo wird mit ein wenig Argwohn über den Brenner blicken. Die Italiener hätten sich wohl besser für den Prinzen entscheiden sollen.

Das Juwel ist nämlich noch nicht so recht angekommen auf der Insel. Mathias Abel Hernandez wartet immer noch auf seinen ersten Einsatz in der Startelf.

Jose Ernesto Sosa im Steckbrief

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