Ex-Hoffenheimer Seitz im Interview

"Es geht nicht um Leistung"

Von Interview: Haruka Gruber
Freitag, 24.04.2009 | 12:24 Uhr
Drei Aussortierte und ein Trainer: Zsolt Löw, Selim Teber, Jochen Seitz und Ralf Rangnick (v.l.)
© Getty
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EXKLUSIVHoffenheim steckt in der Sinnkrise. Der Absturz von Platz eins auf acht, die Flut an Platzverweisen, gegenseitige Schuldzuweisungen auf dem Platz, öffentlich geäußerte Kritik an Mitspielern - und mittendrin Trainer Ralf Rangnick, der zunehmend ratlos wirkt ob der Negativtendenz.

"Der Erfolg in der Vorrunde hat einiges überdeckt", sagt Jochen Seitz. Drei Jahre spielte der 32-Jährige in Hoffenheim und stieg mit dem Verein aus der Regional- in die Bundesliga auf, bevor 1899 keine Verwendung mehr für ihn hatte und Seitz im Winter nach Aachen ging.

Beileibe keine Ausnahme. Mit Francisco Copado (34) und Zsolt Löw (29) ließ der Aufsteiger auch die beiden anderen Routiniers gehen, um den Kader weiter zu verjüngen - was zur Folge hatte, dass im Team die Hierarchie fehlt, wie es Außenstehende vermuten. "Es war nicht unbedingt clever vom Verein", sagt Seitz.

Vor dem Spiel gegen Hertha BSC Berlin (20.15 Uhr im LIVE-TICKER und Premiere) spricht Seitz über Grüppchenbildung in der Mannschaft, Carlos Eduardos schwierige Art und die Qualitäten von Trainer Ralf Rangnick.

SPOX: Herr Seitz, wie eng ist Ihr Kontakt nach Hoffenheim noch?

Jochen Seitz: Ich habe da schon meine Informanten (lacht). Mit ein paar Spielern telefoniere ich regelmäßig und lasse mir von meinem Ex-Klub erzählen.

SPOX: Als Sie Hoffenheim verließen, war der Verein Herbstmeister. Drei Monate später liegt 1899 auf Rang acht. Hätten Sie das für möglich gehalten?

Seitz: Überhaupt nicht. Aber wahrscheinlich kann so ein Negativlauf zustande kommen, wenn eins zum anderen kommt. Das Verletzungspech war sehr groß, zudem haben sich die Gegner besser auf Hoffenheims Spielweise eingestellt und unterschätzen 1899 nicht mehr. Dass das dann am Selbstvertrauen nagt und dadurch ein paar Prozent fehlen, ist klar.

SPOX: Was sich in fehlenden Siegen und angeblich fehlendem Zusammenhalt in der Mannschaft niederschlägt.

Seitz: Der Erfolg in der Vorrunde hat einiges überdeckt. Wenn es läuft, ist alles rosarot. Aber auch als ich noch da war, gab es auf dem Platz schon Gesten wie das Abwinken, wenn anderen etwas nicht gelingt.

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SPOX: Fehlen in der Mannschaft Respektpersonen? Nach den Abgängen von Ihnen, Copado und Löw ist abgesehen von Selim Teber kein Feldspieler älter als 26 Jahre.

Seitz: Es war nicht unbedingt clever vom Klub, uns im Winter gehen zu lassen. Gerade in schwierigen Situationen ist es sinnvoll, auf dem Platz mindestens zwei, drei erfahrene Leute zu haben, die die Richtung vorgeben. Zumal wir den arrivierten Spielern sicherlich auch Druck hätten machen können. Nach den Verletzungen in der Rückrunde, als der erweiterte Stamm auf elf, zwölf Spieler geschrumpft war, hatte ich den Eindruck, dass sich einige zu sicher gefühlt haben.

SPOX: Sind die Entscheidungsträger etwas blauäugig in die Rückrunde gegangen?

Seitz: Auch wenn das Verletzungspech groß war: Die Verantwortlichen haben offenbar nicht berücksichtigt, dass Spieler ausfallen können, nachdem sich in der Hinrunde quasi keiner verletzt hat. Es wurde auf die leichte Schulter genommen.

SPOX: Im Sommer wird auch Teber Hoffenheim verlassen müssen.

Seitz: Hoffenheim will seine Einzigartigkeit beibehalten, und wenn der Erfolg da ist, mag auch alles schön sein. In solchen Momenten fragt man sich eben ohne eine Spur des Zweifels: Wozu braucht ein Klub eigentlich erfahrene Spieler? - und lässt sie gehen.

SPOX: Mit welchen Folgen für die Hierarchie?

Seitz: Zsolt Löw und ich waren ja im Mannschaftsrat und wir haben unsere Standpunkte klar vertreten. Vielleicht fehlt das jetzt. Für einen Trainer ist es normalerweise wichtig, erfahrene Spieler anzuhören und deren Meinung darüber zu kennen, was in der Mannschaft abläuft. Aber das muss jeder Trainer selbst wissen.

SPOX: Haben Löw, Copado und Sie Hoffenheim eigentlich freiwillig verlassen?

Seitz: Es war bekannt, dass wir keine Zukunft in Hoffenheim haben und dass wir dementsprechend zu einem Verein wechseln wollten, wo wir spielen. Wir hätten uns gewünscht, dass wir von Hoffenheim eine gewisse Wertschätzung erfahren hätten und uns versichert worden wäre, dass wir wichtig sind. Aber 1899 hat klar festgelegt, dass man kompromisslos auf junge Spieler baut. Wir konnten im Training leisten, was wir wollten, aber über Leistung alleine hat es nicht gereicht.

SPOX: Demnach zählt in Hoffenheim nicht das Leistungsprinzip?

Seitz: Es geht nicht um Leistung. Das Hauptziel ist es, jungen, entwicklungsfähigen Spielern etwas beizubringen. Hoffenheim plant langfristig und nimmt in Kauf, dass eine junge Mannschaft auch einbrechen kann.

SPOX: Einbrechen ist das eine. Aber wie bewerten Sie die Flut an Roten Karten?

Seitz: Man muss die Vorkommnisse trennen. Luiz Gustavo spielt körperbetont, da ist es fast schon normal, wenn man in der Endphase eines Spiels Gelb-Rot kassiert. Das kann passieren. Anders sieht die Lage bei Carlos Eduardo aus. Die Häufigkeit an Tätlichkeiten ist inakzeptabel. Der Verein muss Carlos endlich in den Griff kriegen.

SPOX: In den ersten eineinhalb Jahren erweckte es den Anschein, dass sich Eduardo gut in Hoffenheim integriert hat. War das nur Fassade?

Seitz: Privat ist Carlos ein sehr ruhiger, umgänglicher Typ. Aber auf dem Platz war er schon zu meiner Zeit ein schwieriger Charakter, wenn er lustlos war oder ihm etwas nicht gepasst hat. Und die Situation wird ja nicht besser. Zukünftig werden die Gegner noch häufiger versuchen, ihn zu provozieren und die Schiedsrichter noch mehr auf ihn aufpassen. Carlos muss endlich zeigen, dass er ein großer Fußballer ist und sich auch so verhalten.

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SPOX: Ein weiterer Vorwurf an Hoffenheim: Im Team hätten sich Fraktionen gebildet.

Seitz: In jedem Verein ist Grüppchenbildung normal, ob es nun die Südamerikaner oder die Afrikaner betrifft. In der Hinrunde haben wir aber Wert darauf gelegt, dass alle vier Wochen die komplette Mannschaft weggeht und ein bisschen feiert. Ich weiß nicht, ob es heute noch in der Häufigkeit vorkommt.

SPOX: Ist Ralf Rangnick der richtige Trainer?

Seitz: Wenn das Konzept so beibehalten wird: auf jeden Fall. Wenn es darum geht, Talente auszubilden und zu formen, gibt es keinen Besseren als Ralf Rangnick.

SPOX: Und wenn das Konzept nicht beibehalten wird? Rangnick sprach zuletzt entgegen des bisherigen Paradigmas davon, im Sommer sechs, sieben neue Spieler zu verpflichten.

Seitz: Mit jungen Spielern kann er gut arbeiten, aber sollten Topstars kommen, wird es keine einfache Situation. Es wird auf den Topstar ankommen, wie er auf Rangnick zugeht.

Über Hoffenheim nach Aachen: Jochen Seitz im Steckbrief

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