Fussball

Blutdoping in der Bundesliga?

Von Stefan Moser / Florian Bogner / Oliver Kucharski
Perücke, Koteletten, Körpersprache: perfekt! Bobbycar Sanogo als Kuranyi-Imitator
© Getty

Anatomische Gehässigkeiten, verkorkste Urinproben, ein unzurechnungsfähiger Kaiser und jede Menge Risiken und Nebenwirkungen: Liebe Liga, das war gar nicht schlecht an diesem Wochenende!

Für Geschmacklosigkeiten sorgte einzig und allein die Presse. Und da wollen wir nicht hinten anstehen - mit der Alternativen Liste des 28. Spieltags:

1. Das Beste vorweg: The artist formerly known as "dieses Arschloch" ist wieder da! Nach einem halben Jahr Verletzungspause gab Iron Maik Franz gegen Hoffenheim sein Comeback im KSC-Trikot. Eingewechselt in der 77. Minute, Gelbe Karte in der 82., seine fünfte - und damit nächste Woche gleich wieder gesperrt. Rockt.

2. Was Nachdenkliches: Wo ist sie nur geblieben, ach, die gute alte Zeit: Als das Klima noch Wetter hieß, und die größten Sorgen der Menschheit noch "Bauch, Beine, Po" waren; als Bayern noch ein Kaiserreich war - mit Beckenbauer, der Lichtgestalt, als stolzer Majestät. Und heute? Not und Elend, Chaos und Anarchie, die Welt lacht über die Bayern - und die Bayern lachen über Franz: den Schattenkönig, die Plaudertasche, das Vereinsmaskottchen! "Wenn der Franz was sagt, weiß man nie so genau, wie er es meint", sagte etwa Ulrich Hoeneß milde lächelnd, konfrontiert mit der Beckenbauerschen Aussage, die Münchner müssten doch, ja gut äh, gar nicht unbedingt Meister werden. Schon traurig, wie der FC Bayern mittlerweile seinen eigenen Präsidenten öffentlich für unzurechnungsfähig erklärt. Als hätte der etwa Breno gekauft, oder Tim Borowski geholt - oder Christian Lell zum Fußballspielen überredet...

3. Neue Mode: Dass die gute alte Zeit vorbei ist, erkennt man auch daran, dass es keine Elvis-Doubles mehr gibt. Stattdessen schießen nun überall die Kuranyi-Imitatoren aus dem Rasen.

Immer mehr Bundesligaprofis kleben sich samstags Schmalspur-Koteletten in die Visagen, lispeln affektiert und ballern aus zwei Metern übers leere Tor. Jula, Hilbert, Kießling - allesamt auf den Spuren von King Kevin. Der Kuranyi der Woche aber geht an Bobbycar Sanogo.

Der sorgte nämlich dafür, dass Hoffenheim selbst beim KSC zum zehnten Mal in Folge sieglos blieb - und Rangnick zum neunten Mal in Folge sagen musste: "Wir haben keine Krise!"

4. Läuft nicht: Das Tor der Woche dagegen erzielte Dortmunds Nelson Valdez beim 2:0-Sieg der Borussen in Bochum: Aus der Zona Del Piero lässig in den rechten Giebel gewichst. Dass Valdez so abgezockt den Ball versenkt, war freilich den Dopingkontrolleuren nicht geheuer: Sie schickten ihn zur Pinkelprobe. Doch der Ärmste war so aufgeregt, dass fast zwei Stunden lang kein Tröpfchen tropfte. Die Erlösung kam, so Valdez, nach drei Flaschen Wasser, drei Radler und zwei Bier. Profis bei der Arbeit!

5. Kleine Geschmacklosigkeit unsererseits: Wer ständig krumme Gedanken hat und sich nicht scheut, diese auch penetrant mit seiner Umwelt zu teilen, den nennt man häufig einen "-isten". Also: Kreationist, Nudist oder Johannes Baptist. Zum Beispiel. Oder auch der Journalist: Der von der taz etwa, der auf den leicht krummen Gedanken kam, Jürgen Klinsmann zu Ostern per Fotomontage an ein Kruzifix zu heften. Der Lohn seiner Mühen: ein Schreiben vom Anwalt, Geschmacklosigkeit, Gefühle verletzt, Würde versehrt, Wiedersehen mit Klinsi vor Gericht. "Moralist!" und "Exorzist!", hört man es nun rufen, allerdings: Man hätte es auch vorher wissen können. Der Amerikaner klagt halt gerne, wenn es irgendwo nach Gürtellinie riecht. Ob das bei Schweizern wohl genauso ist? Ob Ludovic Magnin uns wohl verklagte, wenn wir seine Einwurftechnik in Gesichtsausdruck und Körpersprache als "anatomische Gehässigkeit" bezeichneten? Und dazu folgende Bilderstrecke veröffentlichten? Wir werden sehen! Film ab!

6. Fakten: Mike Büskens und Youri Mulder sind die einzigen beiden noch lebenden Schalker, die nicht sofort und unweigerlich lebensbedrohlich verunfallen, sobald sie vor ein Mikrofon treten. Logisch, dass die königsblauen Bosse sie nicht haben wollen! Zwischendurch ist schön und gut, aber nach der Saison soll doch bitteschön ein echter Trainer her. Das ist auch unbedingt richtig! Zwar sind die beiden bei Fans und Spielern sehr beliebt und haben mittlerweile eine Interimsbilanz von neun Spielen, acht Siegen und einem Unentschieden - doch der wahre Schalker Fachmann liest auch zwischen den Zeilen und erkennt den klaren Abwärtstrend: Im April 2008 sprangen die zwei Ballonseide-Heroen nämlich schon einmal für den damals geschassten Mirko Slomka in die Bresche - und fiedelten Cottbus mit 5:0 vom Platz. Genau ein Jahr später ist der Abnutzungseffekt deutlich an den nackten Zahlen abzulesen. Schalke gegen Cottbus: nur 4:0! Das sind nun mal die Fakten!

7. Danke an die Regie: Alte dramaturgische Regel: Wenn der Zuschauer mehr weiß, als der Held auf der Bühne oder Leinwand, entsteht entweder Spannung oder Komik oder beides. Großes Kino also vor der Samstagskonferenz im Premiere-Studio: Der Moderator nämlich konnte Felix Magath auf dem Monitor vor sich nicht sehen, dahinter auf den Bildschirmen war Wolfsburgs Meistermacher aber bereits live zugeschaltet und übergroß im Bild.

Moderator: "Na, wo ist er denn, der Felix Magath?" Und Magath ganz trocken: "Na hier in Wolfsburg natürlich."

8. Hubschraubereinsatz: Der Lehmann der Woche geht wie immer an Jens Lehmann. Deutschlands Torwart-Hoffnung hat nämlich ein Problem mit ganz besonders renitenten "-isten": Polizisten. Weil er es für richtig hielt, mit 120 Sachen durch die Landshuter Allee zu rauschen, ist Lehmann nämlich seinen Lappen los. Macht aber nix: Zum Training fliegt er sowieso per Hubschrauber...

9. Komparativ: Dass Bielefeld gegen die Bayern verloren hatte, fand Arminen-Trainer Michael Frontzeck schon ziemlich schade. Dass Luca Toni beim Gegentor wohl einen Zehnagel weit im Abseits stand, fand er - Zitat: "fast noch schader." Sein Gegenüber Jürgen Klinsmann hatte für derlei Stilblüten dagegen kaum Gelegenheit. Oder eigentlich fast noch kaumer: Er hatte gar keine Gelegenheit, weil keiner was von ihm wissen wollte. "Die haben mir keine einzige Frage gestellt!", mokierte sich der Bayern-Trainer nach der Pressekonferenz, "hätten wir verloren, wären es Hunderte gewesen." Klang fast so, als wäre ihm das lieber gewesen...

10. Nebenwirkungen: So ein Abstieg ist nicht sonderlich beliebt, er macht einsam, arm und schlechten Teint. Doch er hat auch seine guten Seiten. Rolf Dohmen zum Beispiel steht die Abstiegsangst durchaus hervorragend zu Gesicht. Seit sein Team nämlich fast töter als tot im Tabellenkeller haust, sieht der KSC-Manager beinah so aus, als hätte er Charisma. Leicht ausgezehrt, leicht irre und dazu dieser graumelierte Sieben-Tage-Bart: Wie ein Feuilletonist - mit krummen Gedanken zwar, aber trotzdem einer von der guten Sorte. Keiner, der die Praktikantin angrabscht! Und dass in seinem darbenden Körper noch die Leidenschaft wohnt, zeigte Dohmen in der Nachspielzeit, als er nach Federicos Pfostenschuss in wilden Gesten auf die Erde sank und betend, kniend, robbend die Maulwürfe im Wildpark wach klopfte.

Auf der Pressekonferenz zeigte er später voll kindlichem Stolz die Grasflecken auf seiner Hose und gestand: "Meine Frau hat mir sofort eine SMS geschickt: 'Beruhige dich!'"

11. Aus dem Poesiealbum: Überhaupt ist der KSC, abgesehen von Maik Franz vielleicht, ein recht feuilletonistischer Haufen. Verteidiger Christian Eichner und Torwart Markus Miller etwa teilen sich angeblich eine Studentenbude, kochen dort gemeinsam Kuskus mit Auberginen, lesen Sophies Welt und denken sich sinnschwere Sentenzen aus - die sie dann nach dem Spiel den Journalisten erzählen. Nach den ersten Karlsruher Toren seit 753 (!) Minuten gab Eichner die kämpferisch poetische Parole aus: "Solange nicht der letzte Nagel in den Sarg geschlagen ist, liegen wir nicht im Grab." Kommilitone Miller etwas trockener: "Wir sammeln mühsam Punkte wie ein Eichhörnchen. Am 34. Spieltag wird man sehen, ob es verhungert ist."

Kein Karlsruher dabei: Die Toptorjäger der Bundesliga

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