Fussball

Ernst: "Wir haben die Weichen neu gestellt"

Von Interview: Daniel Paczulla
Ist vom Klassenerhalt des VfL Bochum überzeugt: Vorstandsmitglied Thomas Ernst (l.)
© Imago

Der VfL Bochum steckt nach einer schwachen Hinrunde mit nur einem Sieg mittendrin im Abstiegskampf. Zum Rückrunden-Auftakt kommt es für den VfL im Heimspiel gegen den Karlsruher SC (16.45 Uhr im LIVE-TICKER und bei Premiere) gleich zu einem Abstiegsduell.

Seit dem 1. Juli 2008 arbeitet Thomas Ernst als Nachfolger von Stefan Kuntz im Vorstand des VfL Bochum im Bereich Sport und Medien. Das erste halbe Jahr hat sich der 41-Jährige allerdings anders vorgestellt - vor allem: weniger turbulent.

Im SPOX-Interview erklärt Ernst, was in der Hinrunde falsch lief, warum Marcel Koller noch der richtige Trainer ist, Thomas Zdebel keine Zukunft mehr beim VfL hatte und wie man gegen den KSC spielen muss.

SPOX: Herr Ernst, nach ihrem Karriere-Ende 2006 haben Sie zunächst das Fernstudium zum Sportmanager beendet. Ein eher ungewöhnlicher Vorgang, zuerst vom Platz auf die Schulbank und dann wieder zurück auf die Fußball-Bühne zu gehen...

Thomas Ernst: Ich finde es eher ungewöhnlich, wie es Stuttgarts Horst Heldt passiert ist. Er wurde direkt vom Spieler zum Manager - und das im eigenen Verein.

SPOX: Also war es Absicht, sich erst mal vom Fußball zurückzuziehen, um dann im Juli 2007 als Teammanager beim FSV Frankfurt einzusteigen?

Ernst: Es war alles so geplant. Ich wollte erst ein Jahr Abstand gewinnen, mich aber während dieser Zeit fortbilden. Und dann hat es mit Frankfurt geklappt. Allerdings bin ich nicht ganz von der Bildfläche verschwunden. Ich habe auf Honorarbasis als Torwarttrainer bei der Nationalmannschaft gearbeitet, im Sommer 2007 meinen Trainerschein gemacht, sowie beim FCK drei Monate im Marketing- und Merchandisingbereich gearbeitet.

SPOX: Welche Rolle spielte während des Studiums das Krisenmanagement?

Ernst: (lacht) Eigentlich keine. Man stellt sich einfach den Herausforderungen: Das war in der Anfangszeit in Frankfurt so und ist hier beim VfL nicht anders.

SPOX: Wie lautet ihr Fazit nach einem halben Jahr?

Ernst: Für mich war es turbulenter, als ich es erwartet habe. Doch darin liegt ein gewisser Reiz. Denn es stellt eine Möglichkeit dar, persönlich zu reifen, Erfahrungen zu sammeln und das eigene Profil zu schärfen.

SPOX: Mit nur einem Sieg aus 17 Partien steht der VfL auf einem Abstiegsplatz. Haben Sie die schwache Hinrunde verdaut?

Ernst: Natürlich. Nach der Hinrunde haben wir die Weichen neu gestellt.

SPOX: Nach dem letzten Vorrundenspiel haben Sie gesagt, Sie wollen erst einmal alles in Ruhe analysieren. Was ist dabei herausgekommen?

Ernst: Wir sind ziemlich schnell überein gekommen, dass Marcel Koller auch weiter der richtige Trainer für den VfL Bochum ist.

SPOX: Wie konnte Sie der Trainer überzeugen, dass er die Mannschaft wieder auf Kurs bringt?

Ernst: Der Hauptpunkt ist sein souveräner Umgang mit der Situation. Sein Verhalten und sein Auftreten in den letzten sechs Monaten haben uns überzeugt. Er hat es zu 99 Prozent geschafft, den Spielern Woche für Woche neuen Mut zu vermitteln. Das unterm Strich zu wenig Punkte dabei herauskamen, ist nicht wegzudiskutieren. Jedoch ist das Team meist konkurrenzfähig aufgetreten, in einigen Spielen waren wir sogar besser.

SPOX: Allerdings hat Koller einen schweren Stand bei den Fans in Bochum, die ihre Wut auch mit "Koller raus"-Rufen kund tun.

Ernst: Natürlich gibt es diese Stimmen. Auch die Grundhaltung ist ihm gegenüber nicht euphorisch. Jedoch sind es etwa 15 Leute auf der Haupttribüne und 20 in der Kurve von insgesamt über 2000 wie beim letzten Test gegen Zilina. Ich will das Thema nicht wegdiskutieren. Es ist verständlich, dass die Leute mit den Ergebnissen der Hinrunde nicht zufrieden sind. Allerdings weigere ich mich gegen die Darstellung, dass die Masse gegen den Trainer ist. Das habe ich nicht zuletzt durch viele Gespräche mit Fans im Trainingslager erfahren.

SPOX: Was haben Sie bei der Analyse der Hinrunde noch festgestellt? 

Ernst: Wir haben im Sturm zu viele Chancen ausgelassen, obwohl wir viele Möglichkeiten herausgespielt haben. Das soll in der Rückrunde der Vergangenheit angehören. In diesem Zusammenhang setzen wir auch auf Diego Klimowicz, der aus Dortmund gekommen ist. So einen Stürmertyp hat die Mannschaft bisher nicht gehabt.

SPOX: Gab es weitere Probleme?

Ernst: In den letzten zwei Jahren hat das Team die Klasse relativ sicher gehalten. Dazu haben wir uns im Sommer mit einigen Spielern noch augenscheinlich verstärkt. Unterstützt wurde das durch die Aussagen vom Trainer und von mir.

SPOX: Als Sie sagten, dass es der stärkste Bochumer Kader aller Zeiten sei.

Ernst: Wir haben gesagt: Das ist der spielerisch stärkste Kader in der Amtszeit von Marcel Koller. Und zu dem Satz stehen wir noch heute. Es sollte ein gewisses Selbstvertrauen bewirken. Leider ist das Gegenteil eingetreten. Im Unterbewusstsein haben sich Selbstzufriedenheit und Selbstgefälligkeit eingeschlichen. Das sind wir dann zu schleifend angegangen. Jedoch ist jetzt jeder Einzelne in der Pflicht, die paar Prozent herauszuholen, die uns in der Hinrunde gefehlt haben.

SPOX: Gibt es noch weitere Punkte?

Ernst: Wir waren uns einig, dass wir eine intakte Mannschaft brauchen. In dieser schweren Situation müssen alle mit hundert Prozent an einem Strang ziehen. Vor diesem Hintergrund haben wir uns entschlossen, Thomas Zdebel freizugeben. Was natürlich für viele ein Paukenschlag war.

SPOX: War diese Trennung unumgänglich?

Ernst: Wir haben zu viel Konfliktpotenzial gesehen. Ich habe bei ihm nicht die Bereitschaft gesehen, dass er unseren eingeschlagenen Weg mitgehen will. Er hat seine Zweifel geäußert und war der Meinung, dass es die falsche Entscheidung ist, am Trainer festzuhalten. Thomas war ein Führungsspieler und der Kapitän der Mannschaft, deswegen war es im Sinne des Erfolges die richtige Entscheidung, jetzt getrennte Wege zu gehen.

SPOX: Mit Klimowicz haben Sie nur einen neuen Spieler verpflichtet. Für Zdebel haben Sie kein Ersatz geholt, obwohl so ein Mann wie Marc-Andre Kruska auf dem Markt war. Warum?

Ernst: Wir haben nicht die Notwendigkeit gesehen, unbedingt was zu machen. Mit Daniel Imhof, Oliver Schröder oder Christoph Dabrowski haben wir genügend Spieler, die im defensiven Mittelfeld spielen können. Dazu sind wir taktisch flexibel und könnten auch mit einer Raute agiere.

SPOX: Sind Sie so überzeugt vom Kader, dass es für den Klassenerhalt reicht?

Ernst: Ja! Wir wollten nicht einfach jemanden holen, um nach Außen darzustellen, dass wir etwas gemacht haben. Es muss schon passen und uns auch in Zukunft weiterbringen. Und wir sind der Meinung, auf allen Positionen gut besetzt zu sein.

SPOX: Jetzt liegt die Vorbereitung hinter Ihnen. Nun kommt es zum Abstiegsknaller gegen den Karlsruher SC? Wie optimistisch gehen Sie in das Spiel?

Ernst: Wir gehen hoffnungsfroh in die Rückrunde. Die Mannschaft hat in der Vorbereitung noch bewusster gearbeitet als im Sommer. Zudem sind die Spieler dem Druck gewachsen, da für viele der Abstiegskampf nichts Neues ist.

SPOX: Was erwarten Sie von der Partie?

Ernst: Es wird mit Sicherheit kein Fußball-Fest. Aber wir sind nervenstark genug, um unser Potenzial abzurufen und den nötigen Sieg einzufahren. Dann wird vieles leichter. Ich bin überzeugt, dass wir am Sonntag endgültig die Kurve bekommen.

SPOX: Wenn es nicht positiv läuft, droht direkt wieder Unruhe. Macht man sich schon Gedanken, wie man dem gegensteuern kann?

Ernst: Natürlich macht man sich über so ein mögliches Szenario Gedanken. Aber darüber möchte ich im Vorfeld gar nicht reden, weil ich überzeugt bin, dass wir am Sonntag drei Punkte mehr auf unserem Konto haben.

SPOX: Kurzfristig zählt für den VfL nur der Klassenerhalt. Welche mittelfristigen Ziele verfolgen Sie?

Ernst: Wir wollen dauerhaft erstklassig bleiben und uns im Oberhaus etablieren. Wir können keine größeren Ziele anstreben und sagen: Wir wollen mittel- und langfristig internationale Plätze angreifen. Das ist völlig unrealistisch. Man muss sich nur anschauen, wie viel Geld andere Vereine im Vergleich zu uns in die Hand nehmen und es auch nicht schaffen. Wenn wir uns wieder das Attribut "unabsteigbar" anheften können, hätten wir viel erreicht.

Der aktuelle Kader des VfL Bochum

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