Schalke in der Winterpause

Die Könige der Inkonsequenz

Von Haruka Gruber
Montag, 26.01.2009 | 10:14 Uhr
Unter Druck: Trainer Fred Rutten (l.) und Manager Andreas Müller
© Getty
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Der FC Schalke 04 vor dem Pokal-Achtelfinale in Jena (18.45 Uhr im LIVE-TICKER und Internet TV): Ärger, Streit und etliche Fäkalwörter. Dem Team fehlt die Disziplin, dem Management die harte Hand und ein Stück Glaubwürdigkeit. Doch durchgegriffen wird nur in der Presseabteilung...

Christian Pander war vermutlich selbst erschrocken, als er vergangene Woche die Überschrift las: "Pander droht Saison-Aus!"

Eine niederschmetternde Nachricht - die jedoch einzig auf eine offenbar unbedarfte Äußerung seines Schalker Trainers Fred Rutten gründete.

"Ich mache mir große Sorgen um Christian. Es tut mir so leid für ihn. Er fängt immer wieder neu an und denkt, er ist fit. Aber dann ist er doch wieder verletzt", sagte Rutten. "Ich kann momentan nicht sagen, wann Christian wieder auf dem Platz stehen wird."

Nur: Am Tag nach Ruttens Äußerung absolvierte Pander beschwerdefrei Intervall-Läufe. "Ich habe keine Erklärung für die Aussagen des Trainers. Wir haben das Thema ja gar nicht ausführlich besprochen", sagte Pander. Sein verletzungsanfälliges Knie sei zwar gereizt, aber "Anfang dieser Woche kann ich wieder ins Training einsteigen".

Schwache Vorbereitung - in allen Belangen

Eine im Grunde nebensächliche Episode vor dem Pokal-Achtelfinale in Jena (18.45 Uhr im LIVE-TICKER und Internet TV). Wenn diese nur nicht so symbolisch für die mannigfaltigen Probleme der Schalker stehen würde.

Einerseits: der enttäuschende siebte Bundesliga-Rang, das Verpassen der Champions League, das frühe Ausscheiden im UEFA-Cup und die durchwachsene Rückrunden-Vorbereitung mit lediglich einem Sieg.

Andererseits eine Öffentlichkeitsarbeit, die derzeit einem PR-Desaster gleicht - wodurch noch mehr Unruhe in den Verein getragen wird.

Kritik an Mitspieler und sportliche Führung

Das unnötige Missverständnis zwischen Rutten und Pander ist nur der vorläufige Schlusspunkt einer Entwicklung, die sich wie ein roter Faden durch die Winterpause zog.

Begonnen hatte es am 3. Januar, als zehn Spieler - hauptsächlich aus Südamerika - mit Erlaubnis des Trainers nicht zum Trainingsauftakt erschienen waren, weil diese mehr Reisestrapazen hätten als andere. Unverständlicherweise verzichtete der Verein jedoch darauf, dies im Vorfeld an die Medien zu kommunizieren und löste damit Spekulationen über eine "Meuterei" gegen Rutten aus.

Während des Trainingslagers im spanischen Valencia wiederum meldeten sich Gerald Asamoah und Jermaine Jones mit Kritik an Mitspielern und der sportlichen Führung zu Wort. Der eine fast schon dezidiert (Asamoah: "Vielleicht sind wir insgesamt als Mannschaft zu lieb. Uns fehlt ein Arschloch in der Kabine"), der andere mit einem Rundumschlag, der keine Fragen offen ließ.

Wirrwarr um Jones-Rüffel

Jones' Vorwürfe: Fehlende Einsatzbereitschaft der Mitspieler ("Es müssen sich endlich alle den Arsch aufreißen"), fehlende Härte des Trainers ("Hier ist zu viel durchgegangen"), eine ungerechte Sonderstellung für Stars wie Kevin Kuranyi ("Er kommt zu spät und spielt trotzdem. Wäre ein Asamoah zu spät gekommen, würde er bei den Amateuren spielen") und eine sich daraus ergebende "Zwei-Klassen-Gesellschaft, in der sich die Nicht-Stammspieler verarscht fühlen".

Die Reaktion der sportlichen Führung auf den in dem Ausmaß bemerkenswerten Affront war jedoch - gelinde gesagt - seicht.

Keine Geldstrafe, keine Suspendierung, selbst vom "ordentlichen Rüffel", den Jones laut Manager Andreas Müller bekommen hätte, blieb nicht viel übrig. Jones: "Ich hätte meine Kritik besser intern angesprochen. Aber ich hatte nicht das Gefühl, einen Rüffel bekommen zu haben. Von wem denn?"

Müller: "Wir haben die richtigen Maßnahmen getroffen"

Es ist eine seltsame Politik, die Rutten und Müller verfolgen. Leistungsträger und Publikumslieblinge wie Jones und Asamoah kommen mit ihren Interviews ungeschoren davon, ebenso wie ein Rafinha, der nach dem Olympia-Streik mit Alkohol- und Party-Eskapaden von sich reden machte.

"Wir haben keine undisziplinierte Mannschaft", sagt Müller - und beschränkt sich darauf, nur die Spieler abzustrafen, von denen er sich sportlich nichts mehr verspricht. Albert Streit und Peter Lövenkrands wurden in die zweite Mannschaft degradiert, Letzterer wechselte ablösefrei zu Newcastle United.

Müller verdonnerte zudem Drei-Millionen-Flop Ze Roberto II, der auf Leihbasis an Flamengo abgegeben wurde, zu einer Geldstrafe über 58.000 Euro, weil der Brasilianer mehrmals nicht zum Training erschienen war.

"Wir haben innerhalb der Kabine die richtigen Maßnahmen getroffen, damit es in die richtige Richtung geht und die Mannschaft nicht mehr durch zu viele Unzufriedene blockiert wird", sagt Müller.

"Es muss richtig durchgegriffen werden"

Aber doch beschleicht dem Außenstehenden das Gefühl, dass sich Müller lediglich die Schwächsten im Glied aussucht, um eine gewisse Autorität auszustrahlen. An die Unantastbaren im Kader jedoch trauen sich weder er, noch Rutten heran.

Eine mögliche Erklärung: Müller, von Aufsichtsrats-Boss Clemens Tönnies unter Druck gesetzt und bei den Fans ohne Kredit, ist in der Rückrunde zum Erfolg verdammt. Die Qualifikation für den UEFA-Cup ist das Mindeste, aber selbst dies wäre nur schwer zu erreichen, wenn beispielsweise mit Jones eine Stütze des Teams nur auf der Bank sitzen würde.

"Bei einer Mannschaft sollte die Disziplin stimmen. Da muss man einfach dafür sorgen, dass es in die richtige Richtung geht. Ich glaube, dass noch nicht richtig durchgegriffen wurde", sagt Schalke-Legende Klaus Fichtel gegenüber SPOX.

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Peters als PR-Special-Force

Durchgegriffen wurde bei Schalke in der Winterpause jedoch nur an einer Stelle: der Presseabteilung. Der langjährige Pressesprecher Gerd Voss erhielt aus "persönlichen Gründen" eine zeitlich unbestimmte Auszeit. Für den "Kicker" das "groteske i-Tüpfelchen auf die vielen klubschädigenden Ungereimtheiten".

Geschäftsführer Peter Peters übernimmt zu seinen bisherigen Aufgaben auch Voss' Zuständigkeit für die Öffentlichkeitsabteilung.

"Der Aufsichtsrat hat mich darum gebeten. Das ist mit dem Trainer, dem Manager und dem Vorstand so besprochen worden. Wir wollen die Vorgänge transparenter machen und werden unser Handeln genauer erläutern", sagte Peters, ein ausgebildeter Sport-Journalist, im Interview mit der "Westfälischen Rundschau".

Demnach werden seit diesem Monat selbst wenig konkrete Gerüchte wie ein Schalker Interesse an Laryea Kingston auf der offiziellen Website dementiert, denn "wir werden uns nicht mehr alles gefallen lassen". Peters: "Wir verschließen nicht die Augen davor, dass bei der Außendarstellung einiges nicht so gelaufen ist, wie wir uns das vorstellen. Deswegen haben wir einige Dinge korrigiert."

Die nächste Negativ-Meldung

Doch ausgerechnet Peters sorgte gleich mal für einen Fauxpas. So klärte Peters bereits am 20. Januar in einem Mediengespräch die lokalen Pressevertreter über seine neue Funktion auf, aber bat die Journalisten um absolutes Stillschweigen.

Ein Abkommen, woran sich alle Beteiligten hielten - bis auf Peters, der vier Tage später der ihm nahe stehenden "Westfälischen Rundschau", bei der er sein Volontariat absolviert hatte, das erwähnte Interview gewährte. Peters, so Rundschau-Konkurrent "WAZ", hat sich mittlerweile für diesen Vorfall entschuldigt.

Eine im Grunde nebensächliche Episode. Wenn diese nur nicht so symbolisch für die mannigfaltigen Probleme der Schalker stehen würde.

Der Kader des FC Schalke 04 im Überblick

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