Keine Zeit für Visionen

Die Krise schlägt erst später zu

Von Andreas Lehner
Donnerstag, 08.01.2009 | 11:16 Uhr
Noch gelassen? Schalke-Manager Müller, Leverkusens Völler und Hoeneß von den Bayern (v.l.)
© Getty
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Im europäischen Fußball geht die Angst um. Die Finanzkrise macht auch vor dem Sport nicht halt und bedroht die Existenzen der Vereine. Von Seiten der Bundesliga wird immer wieder betont, man sei gerüstet und gut aufgestellt. Aber ist das wirklich so?

Los ging alles in den nicht gerade Soccer-verrückten USA. Selbstverständlich auf einem anderem Gebiet, dem Immobilienmarkt. Die Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac standen unmittelbar vor dem Konkurs.

Durch Hilfe der US-Regierung wurde der drohende Kollaps abgewendet, die daraus resultierende Entwicklung konnte allerdings nicht aufgehalten werden. Reihenweise fielen diverse Finanzunternehmen quasi in sich zusammen.

Die Finanzkrise war nicht mehr aufzuhalten und fraß ihre Kinder. Den Höhepunkt markierte der Konkurs der Investmentbank Lehman Brothers.

Horrorvisionen für den Fußball

Schnell griff die Krise auf Europa über und hat mittlerweile alle Systeme der modernen Welt erreicht. Und damit auch den Fußball.

Wegbrechende Investoren, notgedrungene Spielerverkäufe und sogar der totale Zusammenbruch von Vereinen wurden international diskutiert.

Doch wo genau steht die Bundesliga, welche Konsequenzen muss die deutsche Eliteliga befürchten und was spüren die Vereine bereits jetzt?

Magerere Jahre stehen bevor

"Stand jetzt, ist sie nicht hier", sagt HSV-Vorstandschef Bernd Hoffmann zu SPOX. Und auch Martin Kind, Präsident von Hannover 96, befürchtet keine kurzfristigen Auswirkungen.

Dennoch ist man sich in der Liga sicher, dass ein paar "etwas magerere Jahre" auf die Vereine zukommen werden, wie Dortmunds Hans-Joachim Watzke prophezeit.

Allerdings müssen die Vereine in Zukunft mit verschiedenen Arten von Einnahmeeinbrüchen rechnen. Denn ganz unberührt wird auch die Bundesliga nicht der Finanzkrise entwischen.

Auswirkungen direkter und indirekter Art

Dabei muss man allerdings zwei Arten von Auswirkungen unterscheiden: Auswirkungen direkter und indirekter Art.

Besonders die Sponsoren und das "Restrisiko beim TV-Vertrag" (Kind) fallen auf der Seite der direkten Auswirkungen ins Gewicht. Falls Unternehmen, die im Sportsponsoring aktiv sind, von der Krise betroffen sind, kann es sein, dass sie daraufhin ihre Budgets kürzen und somit den Vereinen weniger Geld zur Verfügung stellen.

Wird die Finanzkrise zur Konsumkrise?

Einen großen Rückschlag würde die Bundesliga erleben, "falls die Refinanzierung der TV-Vermarktungsrechte nicht funktioniert und neu verhandelt werden müsste. Aufgrund der angespannten Lage auf dem Finanzmarkt würde sicher weniger Geld generiert werden", sagt Prof. Dr. Tobias Kollmann, Inhaber des Lehrstuhls für BWL und Wirtschaftsinformatik an der Universität Duisburg-Essen, im Gespräch mit SPOX.

Falls sich die Finanzkrise zur Konsumkrise entwickelt, kommen auch die indirekten Auswirkungen zum Tragen. Denn sobald der Fan von den wirtschaftlichen Einschnitten betroffen ist und anfängt zu sparen, kann sich das im Merchandising und dem Ticketverkauf niederschlagen.

Sponsoren als wichtigster Faktor

Doch für die Bundesliga, die im Vergleich der europäischen Top-Ligen das meiste Geld durch Sponsoren verdient, sind besonders die direkten Faktoren von Bedeutung.

Ein Einbruch auf diesem Sektor würde dem deutschen Fußball einen weiteren Schlag versetzen und ihn im internationalen Vergleich weiter nach hinten werfen. Wobei es sich hierbei um mittel- und langfristige Auswirkungen handelt, da die aktuellen Verträge nicht betroffen sein dürften.

Glücklicher HSV

Komplizierter wird es erst bei Neuverhandlungen, wie Kind zugibt. Hannover versucht, dem Ganzen schon frühzeitig entgegenzuwirken und im kommenden Jahr den "Haushalt der Mannschaft", also die Lohnkosten, zu senken.

Dass der HSV seinen Vertrag mit Hauptsponsor Emirates zu besseren Konditionen um drei Jahre verlängern konnte, führt Kollmann darauf zurück, dass alles, was mit den Emiraten und den Ölgeschäften zu tun hat, im Moment offenbar noch nicht betroffen ist.

Hoeneß sieht Bundesliga als Gewinner

Generell steht die Bundesliga aber auf soliden Beinen, während ausländische Vereine wie West Ham United, dessen Besitzer Björgulfur Gudmundsson durch den Finanzkollaps in Island insolvent wurde, ums Überleben kämpfen.

Deshalb glaubt Bayern-Manager Uli Hoeneß, die Bundesliga könnte langfristig von der eingebrochenen Wirtschaft profitieren. "Den Investoren geht das Geld aus. Ich bin ziemlich sicher, dass es in den ausländischen Ligen für die Vereine ab Platz drei, vier schwierig werden wird, große Transfers zu tätigen. Das trifft besonders die englischen Vereine."

Regularien sorgen für robuste Liga

Deutschlands größter Vorteil besteht demnach in der Unabhängigkeit von großen Investoren, die Mehrheiten an einem Klub halten. Das strikte Lizenzierungsverfahren wirkt hier als eine Art Netz und doppelter Boden, allerdings ohne Sicherheitsgarantie.

"Die vorhandenen Regularien sorgen dafür, dass die Vereine an sich robuster aufgestellt sind. Aber das heißt nicht, dass die Klubs nicht davon betroffen sein können. Denn durch die Krise wird die Quelle angegriffen und die Quelle ist die Wirtschaft. Und die wiederum ist für alle gleich", so Kollmann.

Global statt lokal

Da die Finanzkrise keine lokale, sondern eine globale Erscheinung ist, scheinen die Prophezeiungen von Bastian Schweinsteiger, der FC Bayern könnte im europäischen Spitzenfußball als großer Gewinner der Finanzkrise hervorgehen, auch im besten Fall mutig.

"Gerade bei den Vereinen, die sehr viel Geld durch Sponsoring akquirieren, ist es natürlich vorstellbar, dass Unternehmen über diese Position in ihrem Marketingansatz nachdenken und diesen reduzieren. Dass Bayern davon profitiert, ist daher eine gewagte These", so Kind.

Gesund, verlässlich, planbar

Noch muss sich allerdings kein deutscher Klub mit ernsthaften Existenzängsten herumplagen. Auch weil die Bundesliga "weniger glamourös ist als andere Ligen, aber dafür ganz sicher gesünder, verlässlicher, planbarer", wie DFL-Geschäftsführer Christian Seifert nur zu gerne betont.

Die bisherigen Transferausgaben im Winter lassen aber zumindest auf eine vorsichtigere Herangehensweise und eine von der Vernunft geleitete Personalpolitik schließen.

Damit hat der Realismus zumindest bei den deutschen Klubs Einzug gehalten. Die Zeit für große Visionen ist vorerst vorbei. Nachzufragen auch bei den Lehman Brothers. Deren Slogan lautete : "Where vision gets built."

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