Der Spätstarter

Von Stefan Rommel
Freitag, 12.12.2008 | 16:29 Uhr
Mats Hummels (M.) erzielte gegen Bremen sein bisher einziges Bundesligator für den BVB
© Getty
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Borussia Dortmund hat unter Jürgen Klopp aus der schlechtesten die zweitbeste Abwehr der Liga geformt. Wichtiger Bestandteil der Verwandlung ist Innenverteidiger Mats Hummels. Dabei hatte Hummels in letzter Zeit einige Hindernisse zu umgehen - und klopft jetzt vorsichtig an die Tür zur Nationalmannschaft.

Es ist noch gar nicht so lange her, da musste Thomas Doll ganz furchtbar wüten. Doll war noch Trainer von Borussia Dortmund, was per se schon keine leichte Aufgabe ist.

Und wie es der Zufall so wollte, stand Doll als Verantwortlicher einer Mannschaft vor, die partout nicht das umsetzte, was er als Vorgesetzter von ihr verlangte.

Um es kurz zu machen: Dortmund spielte erschreckend, dümpelte im hinteren Mittelfeld der Tabelle und Doll entglitten auf einer Pressekonferenz alle Gemüter. Sich "den Arsch ablachen" wurde zum geflügelten Wort.

Schlechteste Abwehr der Liga

Eins der Charakteristika unter Doll war die miserable Defensivarbeit. Nach 34 Spieltagen standen 62 Gegentore, Dortmund war damit die Schießbude der Liga. Noch vor den Absteigern Nürnberg, Duisburg und Rostock oder den wankelmütigen Cottbusern.

Doll musste am Saisonende gehen. Und wo er schon dabei war, nahm er offenbar auch einen ganzen Sack voller Abwehrprobleme mit. Das wäre aber eine zu einfache Erklärung. Denn ein halbes Jahr später ist vom anarchischen Defensivverhalten und seinen Protagonisten Robert Kovac und Christian Wörns fast nichts mehr übrig geblieben.

Der neue Trainer Jürgen Klopp hat offenbar ein ausgeklügeltes Defensivkonzept und er hat zwei mutige Personentscheidungen getroffen. Er hat vom ersten Spieltag an auf eine blutjunge Innenverteidigung gebaut, mit Neven Subotic und Mats Hummels.

Während Subotic durch seine Torgefahr beeindruckt, hat Hummels seine Stärken eindeutig im Kerngebiet seiner Stellenbeschreibung: Im Verteidigen.

Mit Ruhe und Übersicht

Wenn man Spieler als solide bezeichnet, schwingt unterschwellig stets ein Geruch von Mittelmäßigkeit mit. Bei der besonderen Spezies der Verteidiger dagegen darf es durchaus als veritables Kompliment gelten. Trainer verwenden es gerne als Parabel dafür, dass die Abwehr steht und der Gegner wenig Torchancen bekommt.

Mats Hummels ist einer der soliden Arbeiter. Im Spiel eher unscheinbar und ruhig, nicht so spektakulär wie Aushilfs-Stürmer Subotic. Aber mindestens genau so wertvoll.

"Es ist immer schwierig, sich selbst einzuschätzen. Bei meinem Debüt in der U 21 wurde ich von den Mitspielern für meine Ruhe am Ball gelobt und dass ich selbst in schwierigen Phasen nie den Überblick verloren habe. Den meisten hat es sehr gut gefallen, dass wir in der Abwehr immer eine gewisse Sicherheit ausgestrahlt haben", sagt Hummels im Gespräch mit SPOX.

Spätstarter bei den Bayern

Wie auf dem Feld wirkt er auch im Gespräch ruhig und besonnen und erstaunlich reif für sein Alter. In wenigen Tagen wird er 20. Ein Alter, in dem viele aus seiner Jahrgangsstufe noch in den zweiten Mannschaften nach Anschluss suchen - er aber schon Stammspieler bei einem Verein wie Borussia Dortmund ist.

"Dabei wurde ich nie in eine der U-Nationalmannschaften eingeladen, noch nicht mal in die Bayern-Auswahl. Da waren andere immer früher dran als ich. Ich bin also in der Beziehung eher ein Spätentwickler."

Als er sieben war, zog seine Familie von Mainz nach München, Vater Herman hatte eine Anstellung als Jugendtrainer beim FC Bayern gefunden. Praktischerweise war auch Mats schnell dem Fußball erlegen und durchlief - mit dem Talent des Vaters ausgestattet - alle Jugendmannschaften beim Rekordmeister.

Nach Jahren des Zauderns schaffte er in der A-Jugend den Durchbruch und wurde schon mit 17 von Hermann Gerland in die Regionalligamannschaft der Bayern geholt. "Zu einhundert Prozent" habe ihm Gerland von Anfang an vertraut.

Und Hummels zahlte prompt zurück. "Er ist ballsicher, ruhig, spielt ohne Risiko und hat ein gutes Auge", sagte Gerland über seinen Schützling. Zuletzt kamen dem Tiger ähnliche Worte im Zusammenhang mit Philipp Lahm über die Lippen.

Fußball oder Abitur?

Eine Sache aber stand ständig zwischen ihm und der greifbaren Karriere als Profi: Die Schule. "Die Entscheidung zwischen Fußball und Abitur wurde zu einem großen Konflikt", sagt Hummels.

Monatelang wägte er ab, überlegte hin und her und fand doch keinen befriedigenden Ausweg. Seine Leistungen auf dem Platz litten und Hummels Entwicklung stagnierte. Schlechte Voraussetzungen für einen, der gerade seinen ersten Profivertrag abgeschlossen hatte.

Hoeneß löst den Knoten

Den gordischen Knoten löste ausgerechnet die höchste Instanz beim Rekordmeister. "Uli Hoeneß zitierte mich vor einem UEFA-Cup-Spiel ins Mannschaftshotel. Ihm und anderen war aufgefallen, dass mich mein Problem runterzieht. Nach diesem Gespräch war klar, dass ich mich für den Fußball entscheiden würde."

Im letzten Herbst später schmiss Hummels die Schule. Von da an ging es wieder bergauf.

Im Winter bewarb sich Dortmund um ein Ausleihgeschäft, die Bayern hatten neben den gesetzten Martin Demichelis, Lucio und Daniel van Buyten quasi zeitgleich auch noch den Brasilianer Breno als Perspektivspieler für die Innenverteidigung verpflichtet.

Also willigte Hummels ein und traf damit die zweite richtige Entscheidung innerhalb kürzester Zeit. Nach ein paar Einsätzen unter Doll machte ihn Jürgen Klopp beim BVB von Beginn an zu seiner Nummer eins im Abwehrzentrum.

Zweitbeste Abwehr der Liga

16 Spieltage später kann Dortmund bei erst 18 Gegentoren mit der zweitbesten Abwehr der Liga kokettieren und Hummels mit zehn Einsätzen bei der U-21-Nationalmannschaft. Neben der UEFA-Cup-Teilnahme mit dem BVB wartet im Sommer im DFB-Dress ein anderes großes Ziel: die Europameisterschaft.

"Mit der Auslosung bin ich sehr glücklich. Ich spiele immer lieber gegen starke Gegner. Wenn wir gegen England oder Spanien spielen und die schlagen, ist es einfach viel schöner, als in der Qualifikation gegen Luxemburg zu gewinnen. Auch auf die Gefahr hin, dass wir gegen die auch ausscheiden können", sagt Hummels mit einigem Selbstbewusstsein.

Bei seinem ersten Spiel für Deutschland im März 2007 gegen Tschechien war ihm dieses kurzerhand abhanden gekommen.

Nationalhymne vergessen

"Ich habe während der Hymne vor lauter Aufregung den Text vergessen. Da hab ich mir gedacht: ‚Jetzt nicht wie Sarah Connor irgendwas singen, sondern besser ruhig sein, bevor ich etwas Falsches singe.' Zum Glück war der Text nach ein paar Sekunden wieder da."

Zaghaft wird er auch schon mit der A-Nationalmannschaft in Verbindung gebracht. Recht ist Hummels das offenbar nicht. "Mit Joachim Löw hatte ich noch keinen Kontakt, daran denke ich im Moment auch nicht."

Vielmehr denkt er an seine Zukunft im Verein. Im Sommer 2009 läuft das Leihgeschäft mit Dortmund aus, bei den Bayern hätte er einen Anschlusskontrakt bis 2011. Bleibt er beim BVB oder kehrt er zurück nach München? Hummels weiß es noch nicht.

"Im Winter werden wir reden. Dann fange ich an, mir Gedanken zu machen. Wenn es dann etwas zu berichten gibt, werde ich das tun. Aber vorher gebe ich keine Wasserstandsmeldungen ab."

Es wird seine dritte schwierige Entscheidung. Mats Hummels wird auch dann wieder grübeln und am Ende den richtigen Weg einschlagen. So oder so.

Der 17. Spieltag im Überblick

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