Arne Friedrich erklärt das Favre-Konzept

"Am Schreibtisch tüftelt er Tag und Nacht"

Von Interview: Stefan Moser
Freitag, 14.11.2008 | 09:43 Uhr
Lucien Favre, Arne Friedrich, Hertha BSC, Bundesliga
© Imago
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Bei Hertha BSC Berlin haben sie fast alles schon probiert: Alt-Stars wie Fredi Bobic und Christian Gimenez; oder Brasilianer wie Luizao und Alex Alves. Lokalkoloriertes Hauptstadt-Flair mit Kevin Boateng und Ashkan Dejagah; oder eigener Nachwuchs wie Malik Fathi und Sejad Salihovic. Allein: So richtig funktioniert hat eigentlich nichts, regelmäßig blieb Berlin vor allem hinter den eigenen Erwartungen zurück.

Seit Lucien Favre 2007 als Trainer an die Spree wechselte, heißt der nächste Versuch der Hertha: Fußball mit Konzept. Dafür durfte der Schweizer den gesamten Kader nach seinen Vorstellungen umbauen, er verkaufte Spieler aus der eigenen Jugendakademie gewinnbringend und holte dafür mehr als 30 größtenteils unbekannter Profis, die in sein System passen sollten.

Doch der Erfolg blieb aus. Die Hertha wirkte farblos, fragmentarisch, unfertig. Nach Platz zehn im letzten Jahr und einem schwachen Start in die neue Saison stand Favre - und sein System - ernsthaft in Frage. Der Wendepunkt kam erst am siebten Spieltag: der 1:0-Sieg in Leverkusen. Seither hat Berlin nur noch ein Spiel verloren und unter anderem gegen Stuttgart und Hoffenheim gewonnen.

Favres Konzept scheint zu funktionieren

Und plötzlich scheint auch der momentane Platz fünf kein Zufall mehr. Vielmehr zeichnet sich immer deutlicher Favres Handschrift ab. Sein Konzept wird klarer, und vor allem: Es scheint zu funktionieren. In der Offensive ist Berlin zwar in noch zu sehr von der individuellen Klasse von Marko Pantelic und Andrej Woronin abhängig. Doch die defensive Organisation wirkt griffig und clever.

Die Mannschaft wirkt körperlich topfit, homogen zusammengestellt, taktisch gut geschult und eingespielt, sie kann flexibel mehrere Systeme spielen. Das klingt fast wie ein feuchter Traum von Jürgen Klinsmann - und tatsächlich sind die Parallelen zwischen Favre und dem neuen Bayern-Trainer unverkennbar.

"Man kann Favre mit Klinsmann vergleichen"

"Wir trainieren ähnlich wie die Nationalmannschaft", sagt Hertha-Kapitän Arne Friedrich im Gespräch mit SPOX, "und ähnlich wie Klinsmann versucht auch Favre, die einzelnen Spieler besser zu machen. Er schnappt sich häufig nach dem Training ein, zwei Spieler und geht mit ihnen verschiedene Situationen durch. Er macht viel Einzelarbeit, in der Beziehung kann man ihn mit Klinsmann vergleichen."

In der Tat wirkt es so, als hätten sich etliche Spieler zuletzt einen echten Schritt weiterentwickelt. Torhüter Jaroslav Drobny, Gojko Kacar, Sofian Chahed oder auch Josip Simunic etwa sind zu Schlüsselspielern gereift. Der eigentliche Schlüssel zu den jüngsten Erfolgen aber liegt, da sind sich die Experten plötzlich einig, im Sachverstand von Lucien Favre.

Seine Akribie und sein Pragmatismus passen zwar genauso wenig zur krampfhaft flippigen Urbanität der letzten Jahre wie sein bisweilen etwas tapsiges und weinerliches Auftreten in der Öffentlichkeit.

Hertha einer der unangenehmsten Gegner der Bundesliga

Seine Taktik-Tüfteleien, mit denen er die Hertha zu einem der unangenehmsten Gegner der Bundesliga geformt hat, aber machen Eindruck.

Auch auf Friedrich: "Favre ist ein Taktiker. Er ist in der Öffentlichkeit zwar schwer zu greifen, weil er kein Selbstdarsteller ist, der vor der Kamera große Worte schwingt. Vielmehr ist er jemand, der Tag und Nacht am Schreibtisch sitzt - egal ob zuhause oder am Trainingsgelände. Für das Drumherum ist er sicher etwas verschlossen, manchmal auch ein wenig unsicher. Aber für das Fußball-Spiel gibt er alles."

Wie schlägt sich die Hertha in dieser Saison? Jetzt auch unterwegs top-informiert sein!

Weil nicht nur der Charakter des Trainers sondern auch sein System für Außenstehende schwer zu greifen ist, bat SPOX Arne Friedrich um eine Analyse. Der 63-malige Nationalspieler, der seit 2002 bereits 139 Spiele für Berlin absolviert hat, gibt dabei Einblicke in die Trainingsmethoden, die Philosophie, die Taktik und die Persönlichkeit von Lucien Favre und spricht außerdem über seine eigene persönliche Zukunft.

Arne Friedrich über...

....Favres Philosophie: "Der Trainer achtet sehr auf Organisation und Disziplin: Jeder einzelne muss seine Laufwege genau kennen und natürlich auch umsetzen. Sein Ziel ist es, dass elf Individuen auf dem Platz stehen, von denen aber jeder in jedem Moment weiß, was der andere tut."

...Favres Eigenart bei der Aufstellung: "Er ist einfach ein Taktiker, der sich grundsätzlich in Sachen Aufstellung nicht in die Karten blicken lässt. Er tüftelt lange, hält sich - auch uns gegenüber - lange bedeckt und entscheidet in der Regel erst sehr spät. Aber er scheint dabei ein ganz gutes Händchen zu haben."

...Favre als Typ: "Sehr häufig analysiert er nach dem Spiel noch mal im Einzelgespräch, was gut und was schlecht war. Insgesamt ist er ein extrem freundlicher Mensch, der alle im Verein, vom Therapeuten bis zum Manager, mit großem Respekt behandelt. Das ist ein sehr großes Plus."

...Favres System: "Wir spielen bevorzugt im 4-4-2 mit flachem Mittelfeld. Der Trainer ist aber auch offen, in manchen Spielen das System umzustellen: Wir haben auch schon 4-3-3 oder 3-5-2 gespielt. Was wir spielen, hängt zum einen davon ab, ob Spieler verletzt sind, zum anderen reagiert der Trainer auch auf den Gegner. Wir versuchen grundsätzlich mit der Abwehr sehr weit nach vorne zu schieben, um den Raum zwischen Mittelfeld und Abwehr möglichst klein zu machen. So kommen wir besser in die Zweikämpfe und der Gegner hat weniger Raum zum Spielen."

...Favres Training: "Worauf er sehr speziell achtet und vergleichsweise viel trainieren lässt, ist das Besetzen der Räume auf dem Platz. Wir trainieren sehr viel das richtige Verschieben. Fast in jeder Einheit gibt es entsprechende Trockenübungen. Auch das Ziehharmonika-Prinzip üben wir immer wieder: in der Offensive das Spielfeld breit und lang machen, in der Defensive eng und kurz. Ähnlich, wie das auch die Nationalmannschaft versucht."

...die Entwicklung der Hertha: "Das Spiel gegen Hoffenheim hätten wir vor ein oder zwei Jahren wahrscheinlich nicht gewonnen: Das war ein relativ wichtiges Spiel, um oben dran zu bleiben, und genau da hatten wir sonst mit unserem Phlegma immer unsere Probleme - vor allem da haben wir inzwischen einen Schritt gemacht."

...den Saisonverlauf: "Wir müssen, auch nach so einem Spiel wie gegen Hoffenheim, weiter auf dem Boden bleiben. Wir zeigen immer noch zu oft zwei unterschiedliche Gesichter. Die Spiele in Bremen und München waren wirklich unterirdisch. Auch die Heimspiele gegen Bielefeld oder Cottbus muss man einfach gewinnen. Wir sind noch zu schwankend in unserer Leistung. Trotzdem bin ich der Meinung, dass wir insgesamt einen Schritt nach vorne gemacht haben."

...seine persönliche Zukunft: "Die Gespräche mit Hertha laufen im Moment. In so eine Entscheidung fließen mehrere Faktoren mit ein, natürlich gehört der Trainer da auch mit dazu, genau wie die Mannschaft. Aber die Verhandlungen sind im Gange, noch ist keine Entscheidung gefallen."

Hertha BSC Berlin: Hier geht's zum Kader

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