Hannovers Hanno Balitsch im Interview

"Wir haben einen Schritt zurück gemacht"

Von Interview: Torsten Adams
Freitag, 28.11.2008 | 10:00 Uhr
Hannovers Hanno Balitsch warnt vor dem Spiel gegen den KSC: "Wir wissen, was auf uns zukommt"
© Getty
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Hannover 96 steht vor dem Spiel gegen den Karlsruher SC (Sa., 15.15 Uhr im LIVE-TICKER) mit dem Rücken zur Wand. Ersatzkapitän Hanno Balitsch spricht bei SPOX über Trainer Dieter Hecking und nennt Gründe für die aktuelle Misere der Roten.

SPOX: Herr Balitsch, am Samstag spielen Sie mit Hannover ja wieder gegen Ihren Lieblingsgegner. Freuen Sie sich schon?

Hanno Balitsch: Warum Lieblingsgegner? Es geht gegen Karlsruhe.

SPOX: Eben. In den letzten beiden Spielen gegen den KSC haben Sie jeweils getroffen.

Balitsch (lacht): Ja genau. Und das, obwohl ich nicht gerade als Torjäger bekannt bin. Aber mal im Ernst: Nach der Niederlage in Frankfurt wird es für uns ein immens wichtiges Spiel werden.

SPOX: Nach der 0:4-Schlappe gegen die Eintracht gab es eine dreistündige Aussprache zwischen Mannschaft und Trainer. Hat sich das Klima im Team seither spürbar verändert?

Balitsch: Das Spiel gegen Frankfurt hat dahingehend Spuren hinterlassen, dass die Mannschaft weiß, welch wichtige Aufgabe am Samstag gegen Karlsruhe auf sie zukommt. Deshalb erhöht sich im Training natürlich auch die Intensität, Konzentration und Sensibilität.

SPOX: Es gibt also im täglichen Training Unterschiede im Vergleich zu letzter Woche?

Balitsch: Auffällig ist, dass das Team den Ernst der Lage erkannt hat und dementsprechend konzentriert trainiert. Generell hatte ich bei uns nie das Gefühl, dass das Training abgeflacht ist oder dass die Mannschaft sich hat hängen lassen. Wenn man mal vom Ergebnis gegen Frankfurt absieht, das natürlich am Ende mit 0:4 desolat war, hat Hannover ab dem 0:1 die komplette zweite Halbzeit versucht, das Spiel zu machen. Das macht keine Mannschaft, die leblos ist. Von diesem Vorwurf können wir uns freisprechen.

SPOX: Bisher ging es für Hannover unter Dieter Hecking immer nur bergauf. Wie geht der Trainer mit der aktuellen Talfahrt um?

Balitsch: Er stellt sich der Situation. Die Aussprache nach dem Frankfurt-Spiel beispielsweise war ja vom Trainer initiiert. Er hat den Dialog mit der Mannschaft gesucht und auch selbstkritische Töne anklingen lassen. Das macht auch nicht jeder Trainer.

SPOX: Sprechen Sie innerhalb der Mannschaft nun vom Abstiegskampf?

Balitsch: Ganz klar, da machen wir keinen Hehl draus. Selbst der Trainer spricht ja offen von einer Krise und man darf da jetzt auch keine Ausflüchte suchen. Wir konnten in den letzten Wochen gegen Frankfurt, Bochum oder Köln nicht das umsetzen, was wir uns vorgestellt haben. Alles Mannschaften, mit denen wir uns auf Augenhöhe sehen. Deshalb schauen wir momentan nur nach unten, nicht nach oben.

SPOX: Armin Veh musste in Stuttgart anderthalb Jahre nach der Meisterschaft gehen. Hecking ist in Hannover schon seit September 2006 im Amt. Nutzt sich ein Trainer nach einer bestimmten Zeit ab?

Balitsch: Das kann man so nicht verallgemeinern. Allerdings besteht die Gefahr natürlich, wenn man sich vor Augen hält, dass ein Trainer seine Spieler jeden Tag aufs Neue motivieren, einstellen und weiterbringen soll. Dass sich gewisse Dinge abnutzen, weil sich diese Prozesse tagtäglich wiederholen, ist ganz normal. Letztendlich liegt es aber nicht nur am Trainer.

SPOX: Sondern?

Balitsch: Daran, wie der einzelne Spieler mit diesen Abnutzungseffekten umgeht, wie er auf die Ansagen des Trainers reagiert und in welchem Maße er darüber reflektiert.

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SPOX: Vor der Saison sprachen alle vom großen Projekt Hannover 96. Jetzt stehen Sie mit dem Verein plötzlich im Abstiegsstrudel. Haben sich das einige aufgrund des Kaders und der Aufbruchstimmung möglicherweise etwas leichter vorgestellt?

Balitsch: Es ist doch so: Bevor es zu einer solchen Krise kommt, potenziert sich ja immer einiges zusammen. Letztes Jahr hat Hannover 96 die beste Saison aller Zeiten gespielt mit Platz acht und 49 Punkten und damit eine große Euphorie im Verein sowie im Umfeld entfacht. Spieler mit klangvollen Namen wie Forssell, Eggimann oder Schlaudraff wurden verpflichtet mit der Erwartung, dass sie mit ihrer individuellen Klasse unseren eh schon starken Kader noch zusätzlich verstärken.

SPOX: Dieser Erwartungshaltung konnte Hannover in dieser Saison bis dato nicht gerecht werden.

Balitsch: Exakt. Dann kommt noch der Druck von außen dazu und zusammen mit dem fehlenden Selbstvertrauen kommt es zu einer Negativspirale, die man in Hannover gerade beobachten kann.

SPOX: Haben die Neuzugänge das Kollektiv gesprengt, das Hannover 96 in der letzten Saison so stark gemacht hat?

Balitsch: So einfach darf man es sich nicht machen. Man kann nicht sagen 'Jetzt kommen drei, vier, fünf Neue, und auf einmal bricht das Kollektiv zusammen'. Denn wenn man als Mannschaft stark ist, dann kann auch der ein oder andere Neuzugang, der sich noch nicht richtig zurecht findet, von der Mannschaft aufgefangen werden.

SPOX: Also ist die Mannschaft doch nicht so stark, wie sie von den Verantwortlichen vor der Saison gemacht wurde?

Balitsch: Dadurch, dass die Mannschaft von Beginn an durch die lange Verletztenliste nicht intakt war, war es für die Neuzugänge schwierig, sich zu integrieren. Wir spielen ständig mit einer veränderten Aufstellung und müssen taktisch variieren, weil wir nie den kompletten Kader zur Verfügung haben.

SPOX: Andere Mannschaften haben auch Verletzungssorgen.

Balitsch: Wenn Leistungsträger wie ein Michael Tarnat, ein Ismael, ein Jan Rosenthal oder ein Robert Enke wegbrechen, dann macht das jedem Team zu schaffen. Ich bin mir sicher: Hätten Mannschaften wie Berlin oder Dortmund solche Verletzungsprobleme gehabt wie wir, würden sie jetzt ähnlich schlecht dastehen.

SPOX: Andere Teams - wie Dortmund oder Berlin - haben aber offenbar mindestens zwei Schritte nach vorne gemacht. Würden Sie mir zustimmen, dass Hannover 96 momentan stagniert?

Balitsch: Man muss ehrlich zugeben, dass wir sogar einen Schritt zurück gemacht haben, was die sportliche Entwicklung betrifft. Im letzten Jahr hatten wir zu diesem Zeitpunkt sicherlich mehr Punkte und man muss kein großer Prophet sein, um zu wissen, dass es diese Saison sehr, sehr schwer wird, noch auf den achten Rang mit 49 Punkten zu kommen.

SPOX: Nach 14 Spieltagen hat 96 13 Zähler auf dem Konto. Präsident Martin Kind forderte 20 Punkte plus X bis zur Winterpause. Welche Punkteanzahl halten Sie für realistisch?

Balitsch: Die neueste Version ist ja 20 Punkte plus minus X. Ich halte es generell für Blödsinn, Punktevorgaben zu setzen, weil man diesen als Mannschaft immer nur hinterher läuft. Für mich als Spieler zählt nur die nächste Partie. Meine Forderung an mich selbst ist, dass in den nächsten drei Spielen bis zur Winterpause jeweils ein Dreier herausspringt, egal gegen wen es geht.

SPOX: Nach dem Spiel gegen Karlsruhe müssen Sie noch nach Wolfsburg und spielen zu Hause gegen Bielefeld, die auch um jedes Pünktchen kämpfen. Keine einfache Forderung an sich selbst.

Balitsch: Das macht ja nichts. Und wenn dann am Ende neun, sieben oder auch nur vier Punkte dabei herausspringen, dann muss man damit leben. Am wichtigsten ist, dass man alles für den Sieg getan hat.

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