Alternative Liste - 11. Spieltag

"Wir wollten richtig eklig sein"

Von Stefan Moser
Montag, 03.11.2008 | 17:17 Uhr
TSG Hoffenheim, Karlsruher SC, 11. Spieltag
© Getty
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Magere sechs Törchen hat Energie Cottbus nach elf Spieltagen erzielt. Nur eine Mannschaft war in den vergangenen zwölf Jahren schlechter: Energie Cottbus. Und überhaupt war die Bundesliga am Wochenende in der Stimmung für Rekorde.

Schalke erzielte den 2000. Treffer der Vereinsgeschichte, Kölns Petit machte auf Vorarbeit von Stuttgarts Roberto Hilbert das 300. Saisontor (gab's zuletzt vor acht Jahren so früh in der Saison) und der KSC führte sich auch ohne Maik Franz so richtig eklig auf - und das auch noch vorsätzlich. Noch mehr harte Fakten? In der Alternativen Liste!

1. Comic-Helden: Walt-Disney denkt darüber nach, die Bundesliga-Rechte einzukaufen. Wie das dann künftig aussieht, durfte Wolfsburg schon am Freitag demonstrieren. Mit seinem fürchterlichen linken Huf donnerte Marcel Schäfer einen Freistoß - KAWUMM! -  direkt in die Leverkusener Abwehr: BONG! Die Mauer ("UFFZ!") hielt, der Ball ("PENG!") nicht. Mit einem lauten Knall zerplatzte er - und zwar direkt vor den Füßen von Ashkan Dejagah. Der wiederum krönte die Szene mit einem etwas mädchenhaften HUCH!!

2. DING-DONG: Hannover brauchte gegen Hamburg dringend einen Sieg, das wusste auch Abwehrspieler Steven Cherundolo. Also warf er sich zwecks Torverhinderung in einen Volleyschuss von Dennis Aogo. Entfernung: drei Meter. Schusstechnik: 1a. Ort des Einschlags: voll in der Fresse.

Cherundolos Gehirn war kurz in einem Zustand wie Dresden 1945, benommen kippte er nach hinten weg. Dass er die Synapsen wieder ordnen konnte und wenig später weiterspielen, grenzt fast an ein Wunder. Hannovers 3:0-Sieg eigentlich auch.

3. Trapattonis Erbe: "Gott schießt keine Tore", sagte Albert Einstein einst, bevor er die Bananenflanke erfand. "Völlig richtig", erinnerte sich Bojan Prasnikar am Donnerstag und begann eine legendäre Brandrede just mit diesem Zitat: "Liebä Gott nix schieße Torää", verteidigte er sich gegen böse Zweifler, die seine Trainingsmethoden glatt in Frage stellten. Es folgte gestenreich ein wenig "bin-i-lange-Tränär" und ein bisschen "wisse-sälbst-was-gut-für-Mannschaft", und als Prasnikar fertig hatte, zog er sich in sein Gemach zurück und fasste folgenden Entschluss: "Gegen Schalke gehe ich aufs Ganze!"

In der Tat: Beim Stand von 0:1 wechselte er in der  83. Minute Branko Jelic ein - und zum ersten Mal seit Anbeginn der Raum-Zeit spielte Cottbus mit drei Stürmern. Leider war das Trio Jelic, Jula, Sörensen genauso harmlos wie der liebe Gott - Schalke gewann mit 2:0.

4. Geheimrezept: "Beißen, kratzen, spucken: Wir wollten heute richtig eklig sein", sagte Karlsruhes Christian Eichner nach dem Spiel gegen Hoffenheim. Waren sie auch - wir haben mitgezählt: Viermal biss sich Torwart Miller auf die Lippen, um nicht tierisch seine Vorderleute anzukacken. Der Rest der Mannschaft kratzte sich exakt 107 Mal im Schritt, spuckte 54 Mal auf den Rasen und sieben Mal versehentlich aufs eigene Trikot. Das ist weder elegant, noch fördert es den Ruhm des Vaterlands - und erfolgreich ist es auch nicht: 4:1 für Hoffenheim.

5. Geschichte schreiben: Trotz Beißenkratzenspucken erzielte Hoffenheim also die Saisontore 28 bis 31. Unglaublich! Die letzte Mannschaft, die nach elf Spieltagen schon derart fette Beute gemacht hatte, war Mönchengladbach. Und zwar schon 1984. Daran kann sich aus der Rangnick-Elf natürlich niemand mehr erinnern. Die Jungspunde waren damals ja fast alle noch tot.

6. Problembär Bruno: Vier Trainer in der Bundesliga waren schon mal Deutscher Meister - und Bruno Labbadia hat sie nun alle schön mit 2:0 geputzt: Christoph Daum ("Ich habe ein reines Gewissen!"), Thomas Schaaf ("Ruhig, Brauner!"), Armin Veh ("Ich lache nie!") und jetzt auch Felix Magath ("Lauf, du Sau!"). Der Sieg gegen WOB war auch der vierte Zu-Null-Erfolg in Serie. Das gab's in Leverkusen zuletzt 1989. Trainer damals: Jürgen Gelsdorf ("I don't like Mondays").

7. Besuch der Alten Dame: Vier Wochen lang war Werder seinen Gegnern sieg- und planlos hinterhergeprödlt. Da kam die Hertha an die Weser - und nahm Bremen auf die leichte Schulter.

Was die Berliner freilich nicht wussten: Frings' Mama Micha hatte sich inzwischen wieder mit Papa Löw versöhnt, außerdem kehrten die zuletzt maladen Pizarro und Diego in die Anfangsformation zurück. Das beflügelte und führte gegen lustlose Herthaner zu einem logischen Ergebnis: Werder konnte köstlich zaubern und schickte Favres Hauptstadt-Schnösel mit 5:1 vom Feld.

8. Kuhl and the Gäng: Jetzt ginge es ihm "scheiße", sagte also Herthas Christopher Gäng ("Ladies' Night") nach seinem allerersten Bundesligaspiel, in dessen zweifelhaften Genuss er durch die Verletzung der Berliner Stammtorhüter kam. Warum? "Fünf Kisten zu kassieren, ist schon hart." In der Tat - aber noch lange kein Grund, die Handschuhe gleich wieder an den Nagel zu hängen. Kein geringerer als Olli Kahn ("Gollum! Gollum!") nämlich startete seine Karriere ebenfalls mit einem mittleren Debakel: 0:4 in Köln. Und der ist heute immerhin Sidekick von Johannes B. Kerner ("Blablabla")!

9. Praktische Physik: Weil Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann das Scheibenschießen gegen Bielefeld nur als Testspiel für Florenz verstand, setzte er Lukas Podolski ("E = mc²") auch in Abwesenheit von Luca Toni auf die Bank. Klinsi wollte nämlich wissen: Kann man einen Catenaccio auch knacken, wenn man gleich zu fünft im Mittelfeld herumottlt? Kann man nicht. Zur Pause stand's nur 1:1. Effektiv war Poldis Demontage trotzdem. Der kam nämlich zur zweiten Hälfte, bereitete einen Treffer vor, erzielte einen selbst und sagte später durch die Blume: "Schnauze voll! Im Winter will ich weg."

10. Dorfverein: Weil Hoffenheims Trainer Ralf Rangnick sich selbst noch überzeugen wollte, ob Mittelfeld-Mann Tobi Weis  trotz angebrochener Zehe spielen kann, machten sich die beiden auf zum nächsten Bolzplatz, ein paar Torschüsse probieren.

Problem: Die Trainingsbälle waren bereits auf dem Weg ins Stadion, der letzte im Hotel verbliebene war platt. Also fuhren sie schnurstracks zur nächsten Tankstelle, kauften Schokoriegel, Bier und Kippen und pumpten auch den Ball noch auf. Der charmante Ausflug lohnte sich: Weis bestand den Test - und war der überragende Mann im Hoffenheimer Mittelfeld.

11. Früher war alles besser: Frank Rost hat eine spezielle Form der Paranoia, Frank Rost hat Angst vor heute. Deshalb beginnt der HSV-Torwart jeden seiner Sätze mit: "Heutzutage ist es ja so, dass..." Dann kommt meistens irgendein Unsinn, der schon immer so war. Zum Beispiel sagte er zu seinem Patzter vor dem 0:1: "Heutzutage ist es ja so, dass immer einer Schuld ist. Damit muss man leben." Das jedoch fällt schwer. Denn wie schön war doch die Zeit, als alle Menschen blütenweiß vor Unschuld und splitternackt durch Eden hüpften und mit Jehova ein paar Bälle bolzten. Ein Paradies - vor allem für die Torhüter. Gott schießt nämlich keine Tore.

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