Kuranyi, der Sündenbock

Schalkes Problemfall

Von Daniel Paczulla / Markus Hoffmann
Samstag, 20.09.2008 | 21:54 Uhr
Kevin Kuranyi
© Getty
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Der FC Schalke 04 steht wieder an der Tabellenspitze der Bundesliga. Der 1:0-Heimerfolg gegen Eintracht Frankfurt gehörte zwar nicht zur Kategorie Fußball-Leckerbissen, aber Heiko Westermann brachte es auf den Punkt: "Man muss auch mal ein dreckiges Spiel gewinnen."

Das taten die Schalker und fuhren drei Punkte ein. Eigentlich müsste eitel Sonnenschein herrschen. Eigentlich, wäre da nicht die 83. Spielminute in der Veltins-Arena.

Schalkes Trainer Fred Rutten wechselte zum zweiten Mal, Albert Streit kam für Kevin Kuranyi. Die Reaktion von den Rängen: Pfiffe gegen 26-jährigen Stürmer bei dessen 200. Bundesligaeinsatz.

Rutten von Fans enttäuscht

"Die haben mich enttäuscht", ärgerte sich Rutten maßlos über die Unmutsäußerungen der eigenen Fans. Angefangen hatten sie bereits in der 52. Minute. Heiko Westermann erkämpfte sich im Strafraum den Ball und legte ihn auf Kuranyi ab. Das Tor war leer und der Angreifer unbedrängt, doch Schalkes Nummer 22 haute den Ball aus 16 Metern unkontrolliert auf die Ränge. Die Schusstechnik: Mangelhaft. Die Reaktion: Pfiffe!

Es sind nicht zuletzt diese technischen Mängel, die das Schalker Fußball-Volk zur Weißglut bringen. Und in dieser Saison sind sie deutlicher zu erkennen als noch in den vergangenen Spielzeiten. Denn neben den technisch versierten Mitspielern wie Jefferson Farfan, Ivan Rakitic oder Vincente Sanchez fällt Kuranyi zu deutlich ab. Immer wieder verspringen ihm die Bälle, er spielt die Doppelpässe unsauber, zerstört den Spielfluss und bringt damit die eigenen Fans auf die Palme.

"Fankurve sieht das anders" 

Andreas Müller versuchte die Reaktionen runterzuspielen. "Unsere Fankurve sieht das ganz anders. Von dort kam demonstrativ Anfeuerung, als zwischenzeitlich Pfiffe zu hören waren", so der S04-Manager.

Allerdings gehört es mittlerweile fast zum Alltag, dass Kuranyi seit seinem Wechsel 2005 von Stuttgart zu den Knappen als personifizierter Sündenbock von den Zuschauern ausgepfiffen wird.

"Über die Pfiffe der Zuschauer brauchen wir nicht zu reden. Ich hab mich daran gewöhnt. Leider", bilanziert Kuranyi selbst nüchtern.

Problem für die Mannschaft

Tatsächlich aber entwickelt sich Kuranyi immer mehr zum Problemfall auf Schalke. Denn die Pfiffe schaden auch dem Team. "Das hilft der Mannschaft nicht und das hilft Kevin nicht", meinte Rutten.

Genauso reagierten die Mitspieler. "Die Pfiffe der Zuschauer gegen Kevin Kuranyi fand ich nicht schön, sie schaden der ganzen Mannschaft. Es ist besser, wenn die Fans ihn unterstützen und ihm Respekt entgegenbringen", sagte etwa Farfan.

Die negativen Reaktionen beeinflussen die Elf und können verunsichern, was am Ende Zähler kosten kann. "Wenn die Fans ihn nicht auspfeifen, falls er mal nicht trifft, dann werden wir als Mannschaft am Ende mehr Punkte haben", wußte Jermaine Jones.

Punkte, die am Ende einer Meisterschaft entscheiden können. Eine Kettenreaktion, die den Fans nicht gefallen kann.

  

Gute Torquote

Dabei ist die Mannschaft auf Kuranyis Treffer angewiesen. Und seine Quote kann sich durchaus sehen lassen. In 101 Bundesliga-Spielen für Schalke erzielte der Stürmer immerhin 42 Tore - jeweils 15 Treffer in den letzten beiden Spielzeiten.

"Er ist ein großer Spieler, der in den letzten Jahren sehr viele Tore geschossen hat", argumentierte Rutten. Dazu kommt, dass er sich mit viel Einsatz für die Mannschaft aufopfert und kämpft. Er ist stark in der Rückwärtsbewegung und sein Kopfballspiel noch immer eine Klasse für sich.

Attribute, die gerade auf Schalke eigentlich angekommen sollten. Eigentlich. Doch nicht bei Kuranyi. Bei ihm überwiegen in der Wahrnehmung die technischen Schwächen, die den Unmut der Fans schüren, die erst raunen und dann pfeifen. Dabei ist es wohl vor allem seine oft etwas aufreizende Art, die den Zuschauern eine Angriffsfläche bietet.

"Eine Unsitte hat sich eingeschlichen"

Pfiffe, die beim Vorsitzenden des Schalker Fanclub Verbands für Kopfschütteln sorgten. "Kritik muss erlaubt sein. Auch an Kuranyi. Aber hier hat sich die Unsitte eingeschlichen, dass viele Fans sich einzelne Spieler rauspicken, um sie dauerhaft zu attackieren", hatte Rolf Rojek bereits vor Wochen erklärt.

Diese Attacken gegen eigene Spieler sind kein Novum in Gelsenkirchen. Auch Nico van Kerckhoven oder Martin Max hatten es schwer, sich in die Herzen der Fans zu spielen.

Erst als Max die Eurofighter 1997 mit seinem Elfmeter zum UEFA-Cup-Sieg geschossen hatte, erhielt er den nötigen Respekt. Und das weiß auch Kuranyi: "Wahrscheinlich helfen mir für die volle Akzeptanz auf Schalke nur Titel."

 

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