Strittige Elfmeter

Gegen jede Regel

Von Stefan Moser
Dienstag, 19.08.2008 | 17:58 Uhr
© Getty
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München - Die Geschichte begann bereits im April 1986. Werder Bremen brauchte gegen Bayern einen Sieg, um zwei Spieltage vor Schluss die Meisterschaft perfekt zu machen.

In der 90. Minute stand es noch immer 0:0, als Volker Roth, damals Deutschlands bester Schiedsrichter, überraschend auf den Punkt zeigte: Elfmeter für Bremen! Zwar traf Michael Kutzop nur den Pfosten, die Bayern wurden schließlich Meister - doch Roths eigenwilliger und mutiger Pfiff sorgte für Diskussionen.

Es war Roths letztes Ligaspiel, heute ist er Vorsitzender des deutschen Schiedsrichterausschusses. Dort sorgt er nun wieder für Gesprächsstoff, wieder geht es um Elfmeter.

Jahr für Jahr setzt der Verband nämlich ein Schwerpunktthema auf die Agenda, in dieser Saison ist es das branchenüble Gezupfe und Gezerre im Strafraum bei Ecken und Freistößen. Bislang galt das allenfalls als Kavaliersdelikt, doch künftig soll es dafür häufiger Elfmeter geben.

Kinhöfer setzt sich zur Wehr

Vortuner der deutschen Schiedsrichtergilde war in diesem Jahr Thorsten Kinhöfer, der die neue Leitlinie zur Saisoneröffnung in München auch TV-trächtig in die Tat umsetzte. Er gab zwei recht umstrittene Elfmeter - einen für Bayern und einen für Hamburg - und musste sich später dafür erklären.

"Halten, Klammern und Ziehen im Strafraum ist in diesem Jahr der Schwerpunkt", rechtfertigte sich Kinhöfer, "deshalb gab es am Freitag keine zwei Meinungen: Strafstoß."

Immerhin seien die Schiris im Sommer extra durch die Republik getingelt, um den Vereinen eine DVD mit 36 Beispielszenen vorzuspielen, die die neue Order demonstrieren sollte.

Zwei Meinungen gab es natürlich trotzdem. Die Beteiligten nämlich waren sich zum Großteil einig: Beide Szenen waren nicht elfmeterwürdig.

Hoeneß gegen alle

Gegen diesen Konsens stellte sich alleine Uli Hoeneß. "Irgendwann muss es sogar fünf Elfmeter in einem Spiel geben. Das Trikotziehen muss aufhören, dann können wir endlich wieder Kopfballtore sehen", so der Bayern-Manager. In der Tat brachte er damit auch den Kerngedanken der neuen Leitlinie auf den Punkt: Mehr Freiheit für die Stürmer durch Umerziehung der Abwehrspieler per Elfmeterpfiff.

"Die Spieler müssen lernen, dass Halten und Stoßen jetzt geahndet wird, das ist reine Erziehungssache", argumentierte auch Kinhöfer. Allerdings: Seine Kollegen ließen ihn am Wochenende dann im Regen stehen: Zwei Elfmeter im ersten Spiel - in den übrigen acht Partien: kein einziger. Obwohl es an vergleichbaren Situation im Strafraum nicht mangelte.

Lernen von der Super Nanny

Seit Super Nanny Katia Saalfrank jedoch weiß der RTL-Zuschauer: Erziehung funktioniert nur über Konsequenz. Fehlt die einheitliche Linie, führt das unweigerlich zu Irritationen. Die Unparteiischen werden so nur noch angreifbarer, als sie es ohnehin schon sind.

Das pädagogische Konzept hat aber mindestens noch eine zweite Lücke: Denn im gleichen Maß, mit dem das Zupfen der Verteidiger bestraft wird, werden Stürmer umgekehrt dafür belohnt, wenn sie zu Boden sinken.

"Wir müssen darauf achten, dass das nicht ausgenutzt wird und die Angreifer nun das Halten suchen, um sich fallen zu lassen", räumte auch FIFA-Schiri Dr. Felix Brych ein.

Gegen die allgemeine Tendenz

Insgesamt widerspricht die neue Ansage in merkwürdiger Weise der jüngeren Tendenz: Deutsche Schiedsrichter seien im europäischen Vergleich zu kleinlich, das Spiel sollte schneller und aggressiver werden, die Unparteiischen sollten mehr laufen lassen.

Tatsächlich könnte sich das pädagogische Konzept zum Nachteil für die Bundesliga entwickeln. Dann nämlich, wenn die "umerzogenen" Abwehrspieler auch in internationalen Spielen zahm die Hände hinterm Rücken kreuzen, während ihre Kollegen aus England, Spanien und Italien weiterhin beherzt zupacken. 

Und schließlich müssen auch die deutschen Top-Schiedsrichter selbst einen Spagat im Kopf bewältigen, wenn sie nach der pingeligen Linie, der sie Samstag für Samstag in der Bundesliga folgen sollen, plötzlich den Schalter für die internationalen Wettbewerbe wieder umlegen müssen und Textilvergehen im Strafraum ignorieren.

Denn die neue Order ist keineswegs ein allgemeiner Kurs von FIFA und UEFA. Letztlich ist sie ein Alleingang des deutschen Schiedsrichterausschusses. Für eigenwillige Elfmeterentscheidungen ist sein Vorsitzender Volker Roth bereits bekannt.

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