Visionen statt Millionen

Von Stefan Moser
Donnerstag, 17.07.2008 | 13:08 Uhr
schlaudraff, hannover, bundesliga
© Imago
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München - Wer Visionen hat, sollte zum Augenarzt gehen. Helmut Schmidt prägte einst die Devise des politischen Pragmatismus der 70er Jahre. Leider spricht der Altkanzler nur selten über Fußball, sonst würde er heute vielleicht sagen: Wer Visionen hat, sollte zu Hannover 96 gehen.

Denn an der Leine entwickelt sich seit knapp zwei Jahren eines der spannendsten Projekte der Bundesliga.

Mit Platz acht gelang in der letzten Saison die beste Platzierung seit 40 Jahren. Nach sieben Jahren Ligazugehörigkeit hat sich Hannover etabliert, der Abstiegskampf ist von der Tagesordnung verschwunden.

Stattdessen sorgen neuerdings namhafte Transfers für allgemeines Erstaunen. Mike Hanke, Valerien Ismael, Mario Eggimann, Mikael Forssell und Jan Schlaudraff: Allesamt gestandene Profis, die bis vor kurzem noch die Nase über 96 gerümpft hätten - und heute in Hannover spielen.

Wie lockt man Stars nach Hannover?

Die sportliche Verantwortung für diesen Aufschwung tragen vor allem Trainer Dieter Hecking und Christian Hochstätter, der im Januar 2007 das Amt des Sportdirektors übernahm.

"Hecking und ich haben uns ganz bewusst das Ziel gesetzt, hier etwas richtig Großes zu entwickeln. Dementsprechend haben wir unsere Transferpolitik ausgerichtet", sagt Hochstätter im Gespräch mit SPOX.com.

Hört sich einfach an. Und sicher haben viele der genannten Namen auch schon schlechte Tage erlebt, aber dennoch: Wie erklärt man Spielern, die bereits bei Chelsea oder in München unter Vertrag standen, dass ihre Zukunft ausgerechnet in Hannover liegt? Bei einem Verein also, der wenig Geld und noch weniger Prestige mitbringt.

"Sicher nicht wegen des Geldes"

"Wegen des Geldes sind Spieler wie Schlaudraff oder Forssell sicher nicht zu uns gekommen", weiß auch Hochstätter, "vielmehr konnten wir sie von unseren Visionen überzeugen und für das Projekt begeistern."

Zudem habe sich die Wahrnehmung von Hannover vor allem im Kollegenkreis mittlerweile deutlich gewandelt: "Die Leute merken, dass hier keine Lautsprecher und Profilneurotiker am Werk sind. Das schafft Sympathien und Vertrauen. Und die Kompetenz unseres Trainers ist ebenso unbestritten wie die sportliche Entwicklung der letzten zwei Jahre."

Trotzdem spielen die neuen Stars natürlich nicht allein für gute Worte. Auch die nagelneue Ausstattung des Fitnessbereichs, die Verpflichtung eines Leistungsdiagnostikers oder die Installation von computerüberwachten Pulsmessungen reichen als Argument kaum aus.

Und so musste der Verein auch finanziell ein gewisses Risiko eingehen. "Im letzten Jahr haben wir mit 10 Millionen Euro die höchste Summe der Vereinshistorie investiert",  so Hochstätter.

Das finanzielle Risiko

Dank des neuen Stadions und neuer Vermarkterverträge ist der Etat zwar gewachsen. Doch mit knapp 50 Millionen Euro erreichen die Niedersachsen gerade einmal die Hälfte des Umsatzes der meisten Mitkonkurrenten.

"Wenn wir mithalten wollen, müssen wir finanziell ein gewisses Risiko gehen", räumt Hochstätter ein. Allerdings: "Wir werden nicht das ganze Projekt aufs Spiel setzen. Das Risiko muss überschaubar sein."

Damit dieses Risiko sich letztlich auszahlt, soll die Mannschaft mittelfristig die Lücke zu den Top-Sechs-Vereinen der Liga schließen. Den UEFA-Cup-Platz, den Hecking am letzten Spieltag den Fans noch versprochen hatte, will Hochstätter jedoch nicht öffentlich als Saisonziel formulieren.

"Für die Mannschaft ist es vielleicht noch zu früh, um mit dem Erwartungsdruck von außen umzugehen", glaubt der 44-Jährige. Innerhalb des Teams dagegen wollen er und Hecking ganz bewusst den "Konkurrenzdruck" schüren. Deshalb wurden fast alle Positionen mindestens doppelt besetzt.

Das Ende der grauen Maus

"Hannover lebte zuletzt von der Harmonie. Das wollen wir grundsätzlich beibehalten, wollen aber auch neue Reize setzen. An Herausforderungen wächst man, deshalb haben wir den Druck auf den Einzelnen erhöht", sagt der Sportdirektor.

Eine seiner größten Herausforderungen ist indes die öffentliche Wahrnehmung des Klubs: "In den nationalen Medien findet Hannover doch gar nicht statt. Leider Gottes klebt an uns immer noch das Image der grauen Maus. Davon wollen wir weg."

Wichtig dafür sind nicht zuletzt die Neuverpflichtungen: "Wir brauchen Typen wie Schlaudraff oder Forssell. Sie sollen die Gesichter von Hannover werden", hofft Hochstätter.

Bundesliga zu gemächlich

Neben der Grundvoraussetzung, dem sportlichen Erfolg, soll aber auch die Spielweise zur Popularität der Niedersachsen beitragen. Auch dabei scheitert es zumindest nicht am Konzept.

"In der Bundesliga wird oft noch sehr gemächlich in der eigenen Hälfte aufgebaut", sagt Hochstätter, "viele Teams sind es nicht gewöhnt, früh attackiert zu werden. Das werden wir ändern. Wir wollen aktiv und mutig spielen, das Heft selbst in die Hand nehmen, geschlossen angreifen und offensiv verteidigen."

Dass das nicht in jedem Spiel gelingen wird, weiß der gebürtige Augsburger selbst. Eine attraktive Vision aber ist es allemal.

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