Jürgen Klopp exklusiv, Teil 2

"Leidenschaft, unglaubliche Laufbereitschaft"

Von Interview: Florian Regelmann / Jochen Tittmar
Montag, 21.07.2008 | 11:01 Uhr
bundesliga, klopp, dortmund, trainer
© Getty
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München - Jürgen Klopp geht in seine vierte Woche als Trainer von Borussia Dortmund und schon scheint beim BVB nichts mehr so zu sein, wie es einmal war. Der 2. Teil des SPOX-Interviews (zurück zu Teil 1).

SPOX: Eines Ihrer Ziele heißt, den Leuten "ein Erlebnis zu verschaffen". Wie soll das aussehen?

Klopp: Fußball muss Erlebnis sein. Es muss. Erlebnis klingt erstmal so, als wäre es nur noch Spektakel, als würden wir vorher ein paar Raketen abfeuern, Luftballons steigen lassen und anschließend, ach ja, wird auch noch gekickt. So soll es gar nicht sein.

SPOX: Wie dann? 

Klopp: Man möchte Zweikämpfe, man möchte extreme Leidenschaft, unglaubliche Laufbereitschaft und eine riesige Stimmung im Stadion. Jeder, der ins Stadion kommt, möchte Tore sehen. Und wenn es geht, vorne drei schießen und hinten drei von der Linie kratzen. Irgendwo in diese Richtung muss man kommen. Das ist der Plan. Dass man, wenn man an das Spiel zurückdenkt, sagt: '2:1 gewonnen. Wow, was ein Spiel. Wie geil', und nicht: '2:1, oh Gott, da haben wir irgendwie einen reingestumpt und Schwamm drüber' (lacht). Das kriegt man zwar nicht jede Woche hin, aber wir werden es jede Woche probieren.

SPOX: Glauben Sie, dass dies die Fans dann auch akzeptieren, wenn die Ergebnisse einige Spiele lang ausbleiben?

Klopp: Manche würden das akzeptieren, manche nicht. Das ist im Fußball so. Ich mache mir keine Gedanken darüber, wie oft ich verlieren darf, bevor irgendetwas passiert. Das interessiert mich im Moment nicht. Ich will überhaupt nicht verlieren. Ich will gewinnen. Wieso soll ich mich mit etwas anderem beschäftigen?

SPOX: 'Überhaupt nicht verlieren'  - Sie scheinen zu wissen, was man in Dortmund hören will. Ihr ehemaliger Präsident Harald Strutz meinte im SPOX-Gespräch, Sie würden ohnehin perfekt nach Dortmund passen.

Klopp: Keine Ahnung, ich kann nicht einschätzen, mit welchen Augen man mich sieht. Aber ich glaube auch, dass es gut passt. Der Unterschied in Mainz war, dass mich die Leute vorher schon gekannt haben, bevor ich Trainer wurde. Sie wussten zumindest, dass ich versuchen würde, das Ganze in die richtigen Bahnen zu lenken. Selbst wenn es nicht direkt geklappt hätte, war klar, dass ich alles dafür tun werde, damit es dem Verein gut geht. Dementsprechend waren die Voraussetzungen sehr günstig.

SPOX: Allerdings hat man Ihre Verpflichtung auch im Umfeld der Borussia sehr wohlwollend aufgenommen. 

Klopp: Ja, ich habe auch in Dortmund das Gefühl, dass sich die Leute gefreut haben, dass ich komme. Sicher auch nicht alle, aber das macht ja nichts. Es geht im Leben nicht darum, es allen recht zu machen. Gefühlsmäßig bin ich in Dortmund angekommen, aber mein Körper ist noch überall, nur nicht in Dortmund. Am Hotel, am Trainingsgelände, ich kenne die Stadt Dortmund noch gar nicht, weil es so viel zu tun gibt. Aber das Gefühl ist da. Es hat sich für mich alles genau so entwickelt, wie ich es mir vorgestellt und für meinen nächsten Schritt gewünscht hatte. Alles okay.  

SPOX: Ihre Extrovertiertheit und Lockerheit zeichnet Sie aus. Wenn man behauptet, dass dies alles nichts mit Kalkül zu tun hat und Sie einfach so sind...

Klopp: ...dann trifft es das definitiv. Ich rasiere mich nicht deshalb manchmal nicht, weil es besser aussieht, sondern weil ich vergesse, mich zu rasieren. Bis es so schlimm ist, dass nicht mal ich es mehr sehen kann. Was gestern der Fall war (lacht).

SPOX: Dennoch entwickelt man sich weiter. Im besten Fall. Zaunsprünge soll es nicht mehr geben. Eine bewusste Veränderung?

Klopp: Absolut, ja. Ich habe auch schon in Mainz zum Schluss gesagt, dass ich da nichts verloren habe. Ich habe aber nach einem guten Spiel oder einem Spiel mit großartiger Unterstützung definitiv das Gefühl, mich bedanken zu wollen. Das ist so. Wenn in Mainz mein Name gerufen wurde, war es mir schon total unangenehm. Ich konnte es aber auch nicht ändern. Die Zaungeschichte habe ich ein paar Mal gemacht, aber auch nicht nach normalen Spielen. Es war immer nur nach großen Siegen. Ich wollte das schon lange nicht mehr. Jetzt bin ich nach dem letzten Spiel dazu aufgefordert worden, und damit ist es gut.   

SPOX: Aber die Gefahr eines Zaunsprungs besteht doch bei Jürgen Klopp immer, oder? 

Klopp: Sagen wir es so: Sollten wir irgendwann einen großen Titel gewinnen und ich würde mich auf dem Zaun wieder finden, hätte ich schon von schlimmeren Dingen gehört.

SPOX: Zum Schluss: In München wird ja gerade viel über Jürgen Klinsmann geredet...

Klopp (schmunzelt): Nein, echt? 

SPOX: Ist tatsächlich so. Viel dreht sich um die Einführung des 8-Stundentages bei den Bayern. Ist das auch in Dortmund vorstellbar?

Klopp: Im Fußball ist auch ganz viel Mythos. Was machen die denn da acht Stunden? Sie sitzen nicht zusammen und stricken Eichhörnchen. Die Spieler ruhen sich zwischen den Einheiten aus. Es gibt Frühstück, Training, Essen, dann wird sich hingelegt. Wenn es am Trainingsgelände quasi ein eigenes Hotel gibt und die Jungs sich da hinlegen können, macht das echt Sinn, weil man 20 bis 25 Minuten Fahrzeit mit dem Auto spart.

SPOX: In Dortmund geht das allerdings nicht. 

Klopp: Nein, diese Möglichkeiten haben wir noch nicht. Wir hätten höchstens die Möglichkeit, die Spieler auf Pritschen oder Trainingsbänken abzulegen. Das hat aber mit Regeneration nichts zu tun. Also fahren die Jungs kurz nach Hause und kommen dann wieder. Das Training ist so intensiv, dass da keiner auf die Idee kommt, in der Stadt herumzulaufen oder irgendwelchen anderen Sachen nachzugehen. Und es ist überall genauso intensiv wie in München. Der Unterschied ist nur, dass ihr Medien-Jungs euch darauf stürzt, wenn einer ankommt und von einem 8-Stundentag spricht. Dabei ist das völlig normal.

Hier geht's zurück zum ersten Teil des Interviews

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