Jürgen Klopp exklusiv, Teil 1

"Wir müssen nicht durchmarschieren"

Von Interview: Florian Regelmann / Jochen Tittmar
Montag, 21.07.2008 | 11:00 Uhr
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© Imago
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München - Jürgen Klopp geht in seine vierte Woche als Trainer von Borussia Dortmund. Schon jetzt scheint beim BVB nichts mehr so zu sein, wie es einmal war. 

Die Abwehr ist plötzlich jung, Nelson Valdez blüht auf und Grüppchenbildung scheint der Vergangenheit anzugehören.

Im Interview mit SPOX.com spricht Dortmunds neuer Coach über seine Ziele, Erwartungen, Neuzugänge und seinen neuen Kapitän. Und der 41-Jährige erklärt, warum er nicht mehr zu den Fans auf den Zaun klettern wird.

SPOX.com: Herr Klopp, Ihr erstes Trainingslager mit dem BVB ist absolviert. Sie hatten Ihren Spielern schwere Zeiten angekündigt. Mussten Ihre Spieler sehr leiden?

Jürgen Klopp: Wie schwer es wirklich war, muss man die Jungs selbst fragen. Ich weiß, dass wir sehr viel gemacht haben. Arbeiten bedeutet nicht immer nur, sich körperlich zu belasten. In vielen Bereichen ist es auch kognitiv. Darauf mussten sich die Jungs auch extrem einlassen, weil wir da sehr viel einfordern. Es war super intensiv für die Mannschaft, und deshalb bin ich auch so zufrieden, weil sie alles klasse mitgemacht haben.

SPOX: Sie sind nun ein paar Wochen beim BVB: Wo liegen die Unterschiede zwischen Mainz und Dortmund?

Klopp: Im Trainingslager gibt es mehr Termine, die nicht direkt etwas mit trainieren zu tun haben. Das ist der einzige Unterschied, den man tatsächlich sofort festmachen kann. So viele Termine hatten wir in Mainz definitiv nicht. Aber grundsätzlich ist es so, wie ich es vorher auch schon vermutet hatte: Wir haben auch in Mainz sehr professionell gearbeitet. Da ist der Unterschied wirklich nicht so groß. 

SPOX: Und wie sieht es sportlich aus, läuft bislang alles nach Plan?

Klopp: Wenn es etwas zu meckern gäbe, würde ich es tun. Wir wachsen täglich mehr zusammen, und das müssen wir auch tun, weil es Tage geben wird, an denen nicht alles rund läuft. Gerade in diesen Zeiten muss man zeigen, dass man eine besondere Mannschaft ist. Wir sind insgesamt auf einem ordentlichen Weg.

SPOX: Zum jetzigen Zeitpunkt ist man natürlich noch nicht da, wo man hin will...

Klopp: ...stimmt, wäre auch blöd. 

SPOX: Wo gibt es denn noch Nachholbedarf?

Klopp: Ich würde sagen, es läuft alles ordentlich. Nicht perfekt, weil ich relativ hohe Ansprüche habe. Wir müssen jetzt schauen, dass wir da dranbleiben. Im taktischen Bereich haben wir sicher immer noch am meisten Spielraum. Das Defensivverhalten der gesamten Mannschaft hat sich dagegen deutlich verbessert. Der körperliche Bereich gehört natürlich zur Vorbereitung dazu. Es wird die Basis für die gesamte Saison gelegt. Festhalten lässt sich: Wir sind nirgendwo hinten dran. Wir hätten natürlich gerne, dass ein Patrick Owomoyela die ganze Zeit mittrainieren kann. Nuri Sahin konnte auch noch nicht trainieren. Das sind Dinge, die nicht optimal sind, aber keine Vorbereitung läuft perfekt.

SPOX: Welches Zeugnis würden Sie den Neuzugängen ausstellen, wie haben sich die Neuen bislang integriert?

Klopp: Wenn es überhaupt Zeugnisnoten für die Integration geben sollte, dann müsste die die Mannschaft bekommen, beziehungsweise die Spieler, die schon länger da sind. Denn dass die Neuen bemüht sind, gut aufgenommen zu werden und dafür eine Eins verdient hätten, ist normal. Die Mannschaft hat es meiner Meinung nach sehr gut gemacht, die neuen Jungs fühlen sich wohl.

SPOX: Wohl auch dank Ihnen. 

Klopp: Ich habe ein bisschen nachgeholfen, indem ich ihnen bei der Zimmerwahl nicht völlig freie Hand gelassen habe. So konnten nicht mal Kleinstgruppen entstehen (lacht). Man musste sich kennenlernen. Ein Beispiel sind Tamas Hajnal und Mladen Petric. Die kannten sich vorher nicht, haben aber beide großen Respekt voreinander, wie ich von Mladen mittlerweile weiß. Er hat mir gesagt: 'Tamas ist ein Riesen-Kicker, der hilft uns weiter.' Bis es los geht, haben wir noch eine ganze Weile Zeit. Und die wollen wir nutzen, um eine ganz, ganz besondere Mannschaft zu werden. Das ist das Ziel.      

SPOX: Eine Entscheidung haben Sie schon getroffen: Sebastian Kehl ist neuer BVB-Kapitän.

Klopp: Mir war wichtig, dass er sich, noch bevor ich ihm gesagt habe, dass er Kapitän sein wird, sensationell eingebracht hat. Gerade im Training. Er ist ein Spieler, der die ganze Entwicklung der letzten Jahre mitgemacht hat. Jetzt ändert sich vieles, beispielsweise in der Defensivarbeit. Und da marschiert Sebastian richtig vorne weg.

SPOX: Hört sich nach dem perfekten Kapitän an.

Klopp: Er versucht, die Mannschaft auf dem Feld in die richtige Richtung zu treiben. Das hat mir sehr imponiert. Deshalb gab es für mich auch keine Frage, dass er der richtige Kapitän ist. Er hat beim BVB vor kurzem einen langfristigen Vertrag unterschrieben, er muss diese Phase des Vertrages in Dortmund jetzt prägen. Er ist mit 28 Jahren außerdem im perfekten Alter. Wenn man Fußballer klonen würde, würde man sagen, pass auf, 28, bleib so (lacht).  

SPOX: In Dortmund sind riesige Erwartungen Standard. Einfach gefragt: Wäre Platz acht ein Erfolg?

Klopp: Platz acht mit zwei Derby-Siegen, plus weit gekommen im UEFA-Cup, plus weit gekommen im DFB-Pokal, vielleicht im Endspiel: Das wäre definitiv ein Erfolg, das kann man nicht anders sagen. Es ist ja nicht so, dass wir sagen: in allen Wettbewerben müssen wir durchmarschieren. Den UEFA-Cup gewinnen, DFB-Pokal-Sieger werden und uns direkt für die Champions League qualifizieren. Die Mannschaft muss sich in Ruhe entwickeln.

SPOX: Das heißt? 

Klopp: In zwei bis drei Jahren wollen wir wieder auf Augenhöhe mit Teams wie Hamburg oder Bremen sein. Aber das bedeutet nicht, dass wir die derzeitigen Spitzenmannschaften an bestimmten Tagen nicht packen könnten. Genau das werden wir versuchen.

SPOX: Einen Tabellenplatz wollen Sie aber nicht als Ziel ausgeben?

Klopp: Wir wollen keinen Tabellenplatz festmachen. Einfach deswegen, weil es sinnlos ist. Wenn ich heute Platz acht ausgeben würde und irgendwann in der Saison merke ich, es könnte besser sein, würde ich mich ja limitieren. Nach dem Motto: Achter reicht ja auch. Man wird sehen, was passiert. Entwicklung bedeutet, sich auch selber Zeit zu geben. Entwicklung ist nicht, einmal mit den Fingern schnippen. Entwicklung ist, an sich arbeiten und den nächsten Schritt machen. Da sind wir dabei. Wenn ich noch eine Million Mal nach einem Tabellenplatz gefragt werde, es würde mir nicht mal einer einfallen, den ich nennen könnte.    

Hier geht's zum zweiten Teil des Interviews

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