HSV zerstört sich selbst

Von Daniel Börlein
Donnerstag, 17.04.2008 | 12:55 Uhr
stevens, van der vaart
© Getty
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München - Die Strafe folgte auf dem Fuße. Unmittelbar nachdem HSV-Stürmer Ivica Olic beim 0:0 in Berlin einen Foulelfmeter links am Tor vorbei geschossen hatte, ersetzte Trainer Huub Stevens den Kroaten durch Paolo Guerrero.

Olic' Fehlversuch setzte der sportlichen Krise der Hamburger die Krone auf. Der HSV bemüht sich eifrig, die Saison auf der Zielgeraden kaputt zu machen.

Auch außerhalb des Platzes läuft vieles in die falsche Richtung. Jüngstes Beispiel: Rafael van der Vaarts erneute Ankündigung in der "Sport-Bild", den Verein am Saisonende verlassen zu wollen und seine Kritik an Stevens' Maßnahme, Vincent Kompany wegen schlechter Leistungen für das Berlin-Spiel zu suspendieren.

"Wir haben alle schlecht gespielt"

"Ich habe die Maßnahme nicht verstanden. Es kann nicht sein, dass man einmal schlecht spielt und deshalb im nächsetn Spiel nicht dabei ist. Natürlich hat Vincent schlecht gespielt, aber das haben wir alle", sagte van der Vaart.

Doch die prekäre Lage des HSV beinhaltet weit mehr als einen meckernden Kapitän. SPOX.com sucht nach Ursachen und Eklärungen für die aktuelle Situation

Noch immer gibt es keinen neuen Trainer:

Die Zahlen sprechen für sich: Seit Huub Stevens am 19. November 2007 seinen Wechsel zum PSV Eindhoven bekannt gab, gewann der HSV in der Liga lediglich vier Partien. Noch immer steht der Nachfolger des Niederländers nicht fest, vielmehr kursieren fast täglich neue Namen.

Ruhe im und um den Verein kann daher nicht einkehren und das Wesentliche, nämlich die Qualifikation fürs internationale Geschäft, rückt mehr und mehr in den Hintergrund. Offensichtlich auch bei den Spielern.

Kompetenzgerangel in der Führungsebene:

Bilic, van Gaal, Klopp, Rutten - die Liste der Kandidaten ließe sich fast endlos fortsetzen. Das Problem: Beim HSV ist nicht festgelegt, wer den neuen Trainer aussucht. Sportdirektor Dietmar Beiersdorfer stellte immer wieder Namen vor, die allerdings bislang weder bei Vorstands-Boss Bernd Hoffmann noch im Aufsichtsrat auf Gegenliebe stießen.

Noch scheint man sich nicht einig, ob der neue Mann ein harter Trainer a la Stevens oder doch eher der lockere Kumpeltyp a la Klopp sein soll. Der sportliche Bereich scheint derzeit mit Ausnahme von Noch-Trainer Stevens völlig verwaist und unterbesetzt. Weder von Beiersdorfer noch von Hoffmann war in den vergangenen Wochen, ein Machtwort in Richtung Mannschaft zu hören.

Fehlende Planungssicherheit:

Der HSV hängt derzeit in der Luft, und das nicht nur, weil noch kein neuer Trainer präsentiert wurde. Von Platz zwei bis Rang acht scheint im Moment noch alles möglich. Die Planungen für die kommende Saison lassen sich daher nur schwer vorantreiben. Die Situation erinnert an die Saison 200/2006 unter Trainer Thomas Doll.

Schon damals verpassten es die Hamburger, frühzeitig die Weichen für die neue Saison zu stellen. Bislang hat der HSV nämlich weder einen Trainer für die kommende Spielzeit, noch ist geklärt, was mit van der Vaart passiert.

Probleme innerhalb der Mannschaft

Disziplin:

Dass ein Nigel de Jong gerne mal hinlangt, ist ja nichts Neues. Auch die Aussetzer von Timothee Atouba hat man beim HSV irgendwie auf der Rechnung. Dass sich nun allerdings David Jarolim, Vincent Kompany und Joris Mathijsen ebenfalls Rote Karten abholten, spricht für schlechte Nerven und eine Undiszipliniertheit, die sich die anderen Top-Teams in dieser Häufigkeit nicht erlauben.

Und auch abseits des Feldes wirkt die Mannschaft nicht voll bei der Sache. "Wir haben das Gefühl, dass es ihm im Moment sehr schwer fällt, sich nur auf den Fußball zu konzentrieren", sagte Co-Trainer Markus Schupp über die Suspendierung von Kompany vor dem Spiel in Berlin.

Tore:

Erst 37 Treffer hat der HSV bislang erzielt, sogar Bochum und Hannover waren da erfolgreicher. Allein 20 davon gingen auf das Konto von Rafael van der Vaart und Ivica Olic. Fällt einer der beiden aus (aktuell Olic) und ist der andere außer Form (van der Vaart) sind die Hamburger vorne harmlos und nicht mal in der Lage gegen einen Abstiegskandidaten wie den MSV Duisburg, ein Tor zu erzielen.

Zudem ist die momentane Krise von van der Vaart, nicht nur wegen dessen Torgefahr, nicht zu verschmerzen. Da der Niederländer derzeit auch kaum Ideen kreiert oder wahlweise in der Defensive rackert, spielten die Norddeutschen zuletzt teilweise quasi zu zehnt.

Spielsystem:

Huub Stevens hat seiner Mannschaft ein System beigebracht, das die Hamburger zwischenzeitlich sogar perfektionierten. Heißt überspitzt formuliert: Diszipliniertes Abwehrverhalten, Defensive geht vor Offensive, und wenn denn vorne eine Treffer gelingt, wird die Führung mit allen Mitteln verteidigt. Ging auch oft genug gut, zuletzt allerdings nicht mehr.

Denn: Fängt sich der HSV mal ein Gegentor ein, ist maximal noch ein Remis drin. Noch nie in dieser Saison konnte die Stevens-Elf einen Rückstand noch in einen Sieg drehen. Die Mannschaft ist nicht schnell genug in der Lage, auf eine offensivere Spielweise umzuschalten, Stevens nicht, die nötigen Impulse von der Bank aus zu geben.

Fehlende Hierarchie:

Wer hat eigentlich das Sagen in der Mannschaft? Klar, van der Vaart ist der Kapitän, die Ansprache im Spielerkreis vor den Partien hält allerdings Frank Rost. Der Keeper ist der einzige, der seine Mitspieler auch mal lautstark wachrüttelt.

"Es ist viel schöner, in Barcelona als in Chisinau zu spielen. Die Chancen, bei solchen großen Vereinen zu spielen und nicht irgendwo auf dem Dorf zu kicken, sollte jeder verinnerlichen", sagte Rost der "Hamburger Morgenpost". Doch Rost steht eben ganz hinten im Tor. Auf dem Platz fehlt eine klare Hierarchie und Anführer, die in schwierigen Phasen die Richtung vorgeben.

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