Bremen und das Burnout-Syndrom

Selbstmord auf Rezept

Von Stefan Rommel
Samstag, 08.03.2008 | 22:19 Uhr
© Getty
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München - Vor etwa einem Jahr standen Klaus Allofs und Thomas Schaaf gemeinsam auf dem Rasen des Stuttgarter Gottlieb-Daimler-Stadions und diskutierten.

Es gab einiges zu bereden, ein paar Minuten zuvor hatte Werder Bremen ein Spiel verloren, das so hätte nie verloren gehen dürfen.

Es trug sich damals in etwa so zu: Werder spielte und stürmte im fremden Stadion. Immer nur nach vorne, mit wenig Verstand und Sinn für die lauernden Gefahren. 4:1 siegte der VfB Stuttgart damals.

Werder bezog eine Tracht Prügel und bekam eine Lektion erteilt. Von jedem Klub mit internationalem Format könnte man erwarten, dass die richtigen Lehren daraus gezogen würden.

"Meisterschaft nicht aktuell"

Von Werder Bremen offenbar nicht. Das 3:6 von Stuttgart war eine Zurschaustellung alter Bremer Schwächen und - noch viel schlimmer - wohl das endgültige Aus im Kampf um den Titel.

"Das Thema Meisterschaft ist derzeit nicht aktuell, das müssen wir hinten anstellen. Wir müssen uns auf andere Dinge konzentrieren. Wir müssen jetzt erst mal den zweiten Platz anstreben", sagte ein desillusionierter Klaus Allofs.

Bisher ging das Bremer System bis auf wenige Ausnahmen noch recht gut auf. Trotz endloser Verletztenmisere schaffte es Werder immerhin, im UEFA-Cup ins Achtelfinale einzuziehen und vor allem in der Meisterschaft ganz vorne dabei zu bleiben.

Leistungsträger im Leistungsloch

Die letzten Wochen deuteten aber schon an, was mittlerweile traurige Gewissheit ist. Werder hat das Burnout-Syndrom. Wie eine lange verschleppte Krankheit, die jetzt umso heftiger ausschlägt und die Bremer mit dem Dampfhammer erwischt, kommt das Unheil in diesen Tagen über die Hanseaten.

Etliche Leistungsträger, die beinahe alle der 37 Pflichtspiele bestritten hatten, stecken im Leistungsloch oder nehmen sich durch Undiszipliniertheiten selbst aus dem Spiel.

Per Mertesacker etwa, dessen angeborene Souveränität plötzlich abhanden gekommen scheint oder Naldo oder Diego. Drei Eckpfeiler, drei Rote Karte, drei längere Sperren.

Wo bleibt die Weiterentwicklung?

Das eigentliche Problem aber ist das des Kollektivs. Unter Thomas Schaaf kennt Werder nur ein Rezept, das System Angriff. 41 Stunden nach dem Kräfte zehrenden UEFA-Cup-Spiel in Glasgow und mit einem 1:0 im Rücken aber ein verheerender Plan.

"Von den sechs Gegentreffern waren fünf Kontertore. Das hat weniger mit Taktik zu tun, das ist Naivität", fauchte Allofs. "Wenn man Tore erzielen will, muss man das mit Verstand tun. Das haben wir heute nicht getan."

Immer häufiger werden die Bremer Opfer ihres eigenen Systems. Nach vier Jahren Erfahrung aus der Champions League und einem mit Nationalspielern nur so gespickten Kader muss allerdings die Frage erlaubt sein, wo die Weiterentwicklung der Mannschaft bleibt?

Verschwendung von Talent

"Wir haben uns vor allem in der Defensive sehr naiv in den Zweikämpfen angestellt", sagte Thomas Schaaf nach dem Spiel. Das 2:1 der Stuttgarter war ein Paradebeispiel Bremer Naivität.

Mertesacker und Naldo trieben sich bei einer Ecke vorne rum, ohne jegliche Absicherung in der Defensive.

Aber selbst der zögerlich vorgetragene Stuttgarter Konter überrumpelte die Bremer derart, dass Yildiray Bastürk und Torschütze Mario Gomez quasi alleine auf Tim Wiese zulaufen durften.

Deutlich fehlte hier ein Torsten Frings, der auch mal die verbale Keule auspackt und seine Mitspieler zur Räson bringt. Werder ist im Begriff, sich eine bisher sehr gute Saison zu vermasseln.

Denn so wie im Moment ist der dargebotene Bremer Suizid eine einzige Verschwendung von Talent.

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