Bremen nach der Duisburg-Pleite

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Von Alexander Mey
Samstag, 29.03.2008 | 22:28 Uhr
bremen, diego, trauer
© Getty
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München - Wer wissen wollte, wie Frust und Ratlosigkeit aussehen, der musste nach der 1:2-Heimpleite von Bremen gegen den MSV Duisburg nur in die Gesichter der Werder-Verantwortlichen blicken.

"Ich habe keine Erklärung. Wenn man gesehen hat, wie wir in der ersten Halbzeit gespielt haben, dann ist das indiskutabel. Wir werden hart mit uns ins Gericht gehen, keine Frage", sagte Trainer Thomas Schaaf im Premiere-Interview.

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Abwehrchef Per Mertesacker schaute ebenso ratlos aus der Wäsche: "In der ersten Halbzeit haben wir total leblos gespielt. Wir haben nicht umgesetzt, was wir uns vorgenommen haben."

Harte Kritik von Allofs

Und dann war da noch Sportdirektor Klaus Allofs. Er war schon zur Halbzeit komplett bedient, als dann die Niederlage besiegelt war, tat auch er sich im Ringen um Erklärungen sehr schwer.

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"Es ist schon verwunderlich, dass wir momentan in einer so schlechten Form sind. Wir hatten genügend Zeit, das Champions-League-Aus abzuhaken und uns auf das letzte Drittel der Saison in der Bundesliga zu konzentrieren. Das ist uns bisher nicht gelungen", sagte Allofs.

Doch warum ist das so? Wo liegen die Ursachen für Bremens Talfahrt und welche Folgen drohen dem erfolgsverwöhnten Klub?

Vier Thesen zur momentanen Lage von Werder Bremen:

These 1: Das System Thomas Schaaf droht sich nach neun Jahren abzunutzen.

In Bremen herrscht unter Schaaf ein Gesetz: Es wird 4-4-2 gespielt, und zwar mit Raute im Mittelfeld, um Diego hinter den Spitzen so viel Raum wie möglich zu geben. Das funktioniert gut, solange vor allem die Mittelfeldspieler in Top-Form sind.

Sind sie es nicht, so wie bei Bremen seit Monaten der Fall, werden die Schwächen der offensiven Raute offensichtlich. Denn dann gibt es bei nur einem defensiven Mittelfeldspieler riesige Lücken in der Abwehr, ein Haufen Gegentore ist die Folge. Bei Bremen sind es in dieser Saison schon 38, 23 mehr als beim FC Bayern, 19 mehr als beim HSV.

Und warum? Frings lange verletzt und noch nicht wieder in Form, Borowski neben sich, Fritz verletzt und erst wieder auf dem Weg zur Top-Form, Baumann unauffällig. Die Raute kann bei Bremen im Moment gar nicht funktionieren.

Doch anstatt das einzusehen, hält Schaaf stur an seinem System fest, es scheint, als falle ihm auch nach Rückständen nichts anderes ein. Sogar als Diego gesperrt war, änderte Schaaf nicht sein System, sondern suchte krampfhaft nach einem Ersatz auf der 10er-Position. Dass das nicht funktionierte, zeigen Platz 13 in der Rückrunden-Tabelle und fünf Pleiten in neun Spielen.

These 2: Kommt Bremen nicht in die Champions-League-Quali, ist Diego weg.

Schon jetzt stehen die Interessenten für den Brasilianer Schlange. Juventus Turin ist ein Dauerbrenner, Real Madrid kam erst vor kurzem wieder ins Spiel. Natürlich wurden alle Gerüchte bisher vehement dementiert, aber mal ehrlich: Gegen einen europäischen Spitzenklub hat Bremen nur Argumente, wenn man Diego internationale Einsätze auf höchster Ebene garantieren kann.

Bremen hat eben trotz aller Erfolge der letzten Jahre nicht das Renommee eines FC Bayern München. Der schafft es, einen Ribery, Toni oder Klose auch ohne CL-Teilnahme an den Verein zu binden. Ob Bremen das mit Diego auch gelingen kann, ist sehr fraglich.

These 3: Bremen droht, seinen Nummer-zwei-Status in Deutschland zu verlieren.

Warum konnte Bremen überhaupt Spieler wie Diego oder Mertesacker verpflichten? Sie wuchern immer mit ihrer Kombination aus familiärer Atmosphäre und sportlichem Erfolg. Doch was wird aus familiärer Atmosphäre, wenn der Erfolg einmal ausbleibt? Dann verfliegt der Reiz für namhafte Spieler ganz schnell.

Die gehen dann lieber nach Schalke oder Hamburg, zu Klubs, die ein schöneres Stadion und größere finanzielle Möglichkeiten haben.

Natürlich wird ein Jahr UEFA-Cup - sollte nicht auch noch der verspielt werden - Bremen finanziell nicht umwerfen, aber dennoch droht ein Teufelskreis. Während Hamburg und vielleicht auch Schalke in der Champions League Geld verdienen und damit ihre Kader aufstocken, muss Bremen ein wenig kürzertreten, investiert nicht ganz so intensiv in die Mannschaft und hat dann Schwierigkeiten, mit dem Entwicklungstempo der Spitzenklubs mitzuhalten. Folge: Eine Rückkehr in die CL-Regionen wird umso schwieriger, je länger man nicht dabei ist. Fragen Sie mal bei Borussia Dortmund nach.

These 4: Bremen hat keineswegs ein goldenes Händchen bei Transfers.

Diego, Per Mertesacker, Clemens Fritz: Transfers, die sich für Bremen ohne Frage gelohnt haben. Vor allem natürlich Diego, ein absoluter Glücksgriff. Bremen hat eben ein Händchen für die richtigen Einkäufe, heißt es. Doch ist das wirklich so?

Was ist mit Carlos Alberto, Dusko Tosic, Leon Andreasen, Pekka Lagerblom, Peter Niemeyer? Die Liste ließe sich noch fortsetzen. Der Bremer Kader hat kaum Tiefe, sobald einige Stammspieler verletzt sind, wird es eng.

Auch im Sturm waren die Nachfolger von Miroslav Klose trotz vorhandenen Potenzials nur kleine Stürme im Wasserglas. Boubacar Sanogo fing überraschend stark an, bringt aber seit dem Afrika-Cup gar nichts mehr, Hugo Almeida ist viel zu unkonstant und saß gegen Duisburg sogar nur auf der Tribüne. Markus Rosenberg hat trotz einiger Treffer eine zu schlechte Quote, Ivan Klasnic kann nach seiner schweren Krankheit noch nicht wieder topfit sein und auch Aaron Hunt ist weit davon entfernt, der Retter von Bremens Angriff zu sein.

Die Folgen sind Woche für Woche zu bewundern. Bremen spielt in allen Mannschaftsteilen unkonzentriert, bekommt oft den Ball nicht ins Tor und begeht hinten haarsträubende Fehler, die zu Gegentoren führen.

"Irgendwann wird in Bremen der Rauch aufgehen"

Noch ist es zu früh, um einen Abgesang auf Bremen zu verfassen, schließlich ist von Platz zwei bis acht noch alles möglich. "Wir haben alles noch selbst in der Hand", sagte Mertesacker nach der Duisburg-Pleite.

Aber das Thesenpapier macht klar, dass es völlig unangebracht wäre, den Ernst der Lage zu unterschätzen. "Irgendwann wird auch in Bremen mal der Rauch aufgehen", sagte Premiere-Experte Franz Beckenbauer.

Und wer will dem Kaiser schon widersprechen?

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