Donnerstag, 07.02.2008

Raphael Schäfer in der Kritik

Gefangen in der Schattenwelt

München - Manchmal transportieren kleine, oberflächlich noch so nichtige Szenen mehr Erkenntnis als jedes Ergebnis auf der Anzeigetafel.

© Imago

Raphael Schäfer langte am Sonntag auf Schalke einmal ordentlich vorbei. Kevin Kuranyi bedankte sich und schob ein. Ein dicker Patzer des Schlussmanns, keine Frage.

So etwas kann aber immer mal vorkommen, besonders im harten Luftkampf. Jeder Torhüter kennt diese Situation und jeder hat schon einmal daneben gegriffen.

Raphael Schäfer offenbarte aber viel mehr als dieses eine Missgeschick, das im Spielberichtsbogen unter dem Kürzel 2:0, Kuranyi, 52. Minute, seine Niederschrift fand.

Nicht ruhig, nicht gelassen, nicht souverän

Etwas später in der Partie, der VfB hatte auf 1:2 verkürzt, trudelte ein Rückpass auf Schäfer zu. Der Ball war keiner jener unkontrollierbaren Bastarde von einem Pass, nur ein Schubser.

Ein total verunsicherter Schäfer hatte aber mehr Probleme mit dem Spielgerät als Hans-Peter Briegel es je hatte. Legte sich den Ball von rechts auf links, da schoss auch schon Gerald Asamoah heran. Schäfer erstarrte förmlich und knallte den Ball in einer Art Kurzschlussreaktion auf Höhe des eigenen Sechzehners mit der Pieke ins Seitenaus.

Alle konnten es sehen: Da ist einer mit den Nerven am Ende und hat viel zu viel mit sich selbst zu tun, als dass er seinen Job so ausführen könnte, wie man es von einem Torhüter erwartet. Ruhig und gelassen, souverän und klar in seinen Aktionen.

Qualitätsverlust erkennbar

"Es war keine berauschende Vorrunde für mich. Ich habe gute Spiele gemacht, aber auch schlechte. Und die schlechten bleiben nun mal im Gedächtnis", hatte er sein erstes halbes Jahr beim VfB in der Winterpause durchaus selbstkritisch beschrieben.

Er gelobte Besserung. Aber schon im Pokal deutete sich an, was einige Tage später unangenehme Gewissheit wurde: An seiner Unbeständigkeit haben auch einige Wochen Spielpause nichts geändert.

"Es wäre jetzt ganz schön einfach, alle Schuld auf Raphael Schäfer abzuladen", sagte Manager Horst Heldt nach dem Debakel von Gelsenkirchen. Natürlich hat er damit vollkommen Recht. Der Qualitätsverlust im Tor der Schwaben ist trotzdem unübersehbar.

Viel Aufwand, wenig Ertrag

Was nicht nur an den 29 Gegentoren liegt - nur fünf Teams in der Liga haben bisher mehr kassiert. Es liegt vielmehr an jenem unbestimmten Gefühl, dass da hinten lediglich das letzte Glied einer wackeligen Abwehr im Tor steht. Und kein Riese, vor dem die gegnerischen Sturmspitzen Angst haben.

Wie Meister und Lehrling: Shakehands mit Timo Hildebrand nach dem Pokalfinale
Wie Meister und Lehrling: Shakehands mit Timo Hildebrand nach dem Pokalfinale
© Imago

Was ein starker Torwächter ausmachen kann, ist vor der Haustür beim verhassten KSC zu sehen, wo Markus Miller eine tolle Saison spielt und seine Mannschaft mitreißt. Oder in Leverkusen, wo Rene Adler auf dem Sprung in die Nationalmannschaft steht.

Gefangen in der neuen Welt

Trotz aller Probleme ist Schäfer aber ein überaus sympathischer Zeitgenosse geblieben. Er wurde kurz nach seiner Ankunft in Stuttgart als Neuer in den Mannschaftsrat gewählt. Dennoch stand er von Anfang an im Schatten des in Stuttgart schier übermächtigen Timo Hildebrand. Schäfer ist gefangen in seiner neuen Welt.

Er betreibt während der 90 Minuten unheimlich viel Aufwand, er tobt, er korrigiert, er schreit seine Mitspieler an. Es soll wachrütteln, aber im Endeffekt wirkt es nur wie ungewollte Realsatire oder im besten Fall wie Aktionismus.

"Er muss sich gewaltig steigern"

Seine einstigen Stärken sind verblasst. Was bei Fans und vor allem Mitspielern hängen bleibt, sind seine Aussetzer. Durch seine Unsicherheit und sein zappeliges Auftreten würde er die Mitspieler anstecken, sagen die meisten. Sicherlich ist da was Wahres dran. Aber es ist nicht der Wahrheit letzter Schluss.

Den hatte Trainer Armin Veh eigentlich schon im Spätherbst erkannt. "Er muss sich gewaltig steigern", sagte Veh damals über Schäfer. "Das weiß er. Dazu gehört es auch, einmal ein Spiel zu gewinnen."

Bisher ist ihm das nicht gelungen. Dabei hatte er seine eigenen Erwartungen genau so formuliert. "Jeder will einmal in der Nationalmannschaft spielen, ich auch. Ich denke, dieses Ziel kann ich in Stuttgart eher erreichen als in Nürnberg." Davon ist er im Moment meilenweit entfernt.

Torwartwechsel gefordert

Ganz im Gegenteil. Die kritischen Stimmen mehren sich und werden immer lauter. Nicht wenige fordern vor dem Heimspiel gegen Hertha BSC seinen Kopf. Oder zumindest eine Denkpause, abzusitzen auf der Bank. In letzter Zeit gab es schließlich genügend positive Beispiele, dass sich ein Wechsel im Kasten durchaus fördernd auswirken kann (Manuel Neuer, Rene Adler, Gerhard Tremmel). "Dazu äußere ich mich öffentlich nicht", wiegelte Veh bisher ab.

Vielleicht auch, weil er in der Sache zwar reagieren will, aber es schlicht und ergreifend nicht kann. Im Winter gab der VfB völlig ohne Not seinen zweiten Torhüter nach Freiburg ab. Michael Langer war immerhin Österreichs U-21-Nationalkeeper und durfte letzte Saison sein Können auch schon in der Bundesliga unter Beweis stellen (0:0 gegen Wolfsburg).

Jetzt hat der VfB "nur" noch Nachwuchshoffnung Sven Ulreich in der Hinterhand. Der hat es bisher aber nur auf 29 Regionalligaspiele gebracht und ist mit seinen zarten 19 Jahren noch viel zu unerfahren. Allerdings hat er in der gesamten Hinrunde beim kleinen VfB erst 13 Gegentore kassiert.

Ein hausgemachtes Problem und wenn man so will die Fortsetzung einer gelinde gesagt unglücklichen Transferpolitik des Meisters. Aber dafür kann Raphael Schäfer nun wirklich nichts.

Stefan Rommel

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