Bis die Halsschlagader platzt

Von Daniel Paczulla
Samstag, 09.02.2008 | 21:26 Uhr
© Imago
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München - Die Unzufriedenheit war Frank Rost (im Bild) mal wieder deutlich anzusehen. Immer wieder schwoll dem Hamburger Keeper die Halsschlagader an. Der  34-Jährige schimpfte wie ein Rohrspatz mit seinen Vorderleuten.

Das Faß zum Überlaufen brachte in der 81. Spielminute eine Chance für Stefan Kießling, wenngleich der Leverkusener die Kugel aus fünf Metern über den Querbalken drosch. Hamburgs Keeper war so wütend, dass er sich wie ein Kind auf die Knie fallen ließ und mit beiden Fäusten auf den Boden schlug.

Irgendwie waren Rosts Ausbrüche symptomatisch für die aktuelle Situation beim Hamburger SV. Es läuft nicht rund bei den Hanseaten, man kann zurzeit einfach nicht zufrieden sein beim HSV.

Das 1:1 bei Bayer Leverkusen war das fünfte sieglose Spiel (davon vier Remis) in Folge. Dabei konnten sie sich bei Rost bedanken, dass es immerhin noch zum Pünktchen reichte. "Seine Paraden und Sicherheit hat uns den wichtigen Punkt gerettet", betonte Bastian Reinhardt.

"Die Defensive vernachlässigt"

Tranquillo Barnetta (5., 15.), Arturo Vidal (17.), Bernd Schneider (44.) und Paul Freier (76.) brachte Rost regelrecht zur Weißglut. Der Retter sprach aber lieber über andere Dinge: "Nach der glücklichen Führung haben wir es leider versäumt, das zweite Tor zu machen."

Es folgte die perfekte Analyse, die das Dilemma des HSV widerspiegelt: "Wir versuchen sehr viel spielerisch zu lösen, das ist auch gut so. Nur Leverkusen hatte einfach zu viele Chancen und wir haben dabei unsere Stärke, die Defensive vernachlässigt."

Hallo? Ist das nicht mehr der HSV der Vorrunde? Doch! Die Hamburger spielen keineswegs einen anderen Fußball als in der Hinrunde. Der ist gekennzeichnet vom starken Abwehrverhalten und das schnelle Konterspiel - ein monotones System, aber bislang erfolgreich. Nur reicht plötzlich ein 1:0 nicht mehr zum Sieg.

Die alte Schwäche: Chancenauswertung  

In Leverkusen nutzten die Hamburger in der Offensive einen tollen Angriff zur 1:0-Führung (27., Das Tor im SPOX-Replay) durch Rafael van der Vaart. Danach vergaben sie aber gute Chancen durch van der Vaart (35.), Paolo Guerrero (51.) und Ivica Olic (52.).

"Wenn wir auswärts so viele Tormöglichkeiten herausspielen, dann sollten wir auch mehr daraus machen", erklärte Trainer Huub Stevens. Aber es ist nichts Neues, wenn man auf die Statistik schaut. Nur knapp 20 Prozent ihrer Möglichkeiten verwerten die Hamburger, was Platz 16 in der Liga bedeutet.

Trotz der fehlenden Kaltschnäuzigkeit vor dem gegnerischen Gehäuse hatten die Rothosen bis Ende November neun Siege eingefahren und hatten Rang drei - punktgleich mit Bremen und einen Zähler hinter den Bayern - inne.

Erst ohne Leidenschaft, nun unkonzentriert

Doch danach war Schluss mit dem Minimalismus, der zum Erfolg führte. Vor allem die Abwehr hat an Souveränität verloren, weil ihr die letzte Entschlossenheit fehlt. Leverkusens Manuel Friedrich war einen Schritt schneller als Bastian Reinhardt und nutzte eine kleine Unachtsamkeit zum 1:1 (60., Das Tor im SPOX-Replay). 

Von der Stevens-Philiosophie "die-Null-muss-stehen" ist nicht mehr viel zu sehen. "Für mich hatte das Spiel viele Gesichter. Mal schnell und temporeich, mal unkonzentriert", meinte Stevens.

Diesmal war es unkonzentriert. In der letzten Woche, beim 1:1 gegen Hannover, hatte dem Niederländer Leidenschaft gefehlt. Gerade in dieser wichtigen Phase, wo es um die Champions-League-Qualifikation geht.

"Uns fehlt das nötige Glück" 

Kommen da wieder die ersten Symptome des "alten" HSV zum Vorschein, von denen man dachte, dass Stevens sie ausgetrieben hat? Der Ansatz von Schlampigkeit macht sich wieder breit. Aber warum?

Festzuhalten bleibt: Seitdem der Trainer seinen Abschied aus Hamburg bekannt gegeben hat, holte das Team nur einen Dreier aus sieben Spielen. "Uns fehlt im Moment auch manchmal das nötige Glück vor dem Tor", sagte van der Vaart. Und Rost ergänzte: "Ich bin mir sicher, dass unser Trainer daran arbeiten wird und wir schon bald wieder ein anderes Gesicht zeigen."

Schalter wieder umlegen 

Aber vielleicht geht auch so langsam im Hinterkopf die Ehrfurcht vor Stevens verloren und der alte Schlendrian kommt zurück. Noch hat der HSV genug Zeit, um wieder auf die Erfolgsspur zurückzufinden.

In der Tabelle stehen die Hamburger mit 34 Zählern noch immer auf Rang vier - punktgleich mit Leverkusen. Es wird Zeit, den Schalter wieder umzulegen. Denn dass der HSV noch unter Strom steht, hat Rost mit seinen Wutausbrüchen ja deutlich gezeigt.    

Statistik und Tore im SPOX-Replay

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