Born & Kind exklusiv, Teil 1

"Was soll an Abramowitsch falsch sein?"

Von Interview: Haruka Gruber / Stefan Rommel
Donnerstag, 24.01.2008 | 00:01 Uhr
Abramowitsch, Chelsea
© Imago
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München - Die 50+1-Regelung spaltet die Bundesliga. Soll es in Deutschland weiterhin verboten bleiben, dass ein Investor mehr als die Hälfte der Anteile - sprich 50 Prozent plus eine Stimme - eines Vereins übernehmen kann? Oder ist die Regelung antiquiert?

Im Doppelinterview von SPOX.com diskutieren Hannovers Geschäftsführer Martin Kind, vehementer Gegner der 50+1-Lösung, und Jürgen L. Born, Bremens Vorsitzender der Geschäftsführung, über das Für und Wider einer möglichen Abschaffung der Regelung.

SPOX: Eine Aufhebung der 50+1-Regelung soll Investoren in die Bundesliga locken. Ist es so denkbar, dass in einigen Jahren ein Superstar wie Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo aus Spanien oder England nach Deutschland wechselt?

Jürgen L. Born: Wir haben mit Diego bereits einen solchen Spieler, auch wenn er günstiger war als die genannten Namen. Bremen ist organisch sehr gut gewachsen, aber in der Preiskategorie eines Messis oder Ronaldos werden wir uns auch in der Zukunft nicht bewegen. Da ist es egal, ob Großinvestoren zugelassen werden oder nicht.

Martin Kind: Solche Superstars werden mit Sicherheit nicht zu Hannover 96 wechseln. Und das ist auch gar nicht unser Ziel. Mir ist es vielmehr ein Anliegen, dass Grundsatzentscheidungen getroffen werden, indem einem Verein wie Hannover die Möglichkeit gegeben wird, frisches Geld zu akquirieren - nicht um absolute Topspieler zu holen, sondern um mittel- und langfristig etwas aufzubauen.

SPOX: Was heißt "etwas aufbauen"?

Kind: Der FC Bayern oder Bremen sind so stark, dass sie selber die Spielregeln bestimmen können. Andere Vereine wie wir sind dafür aber zu schwach, daher müssen wir einen anderen Weg der Kapitalbeschaffung gehen. Während 96 keinen Gewinn verbucht, erwirtschafteten die Bayern knapp 20 Millionen. Daher ist klar, dass Hannover nicht konkurrenzfähig ist und Geld braucht, um den nächsten Schritt einzuleiten. Wenn nicht, stagnieren wir. Und Stagnation bedeutet Rückschritt.

SPOX: Herr Born, Bremen ist einer der deutschen Vorzeigeklubs. Warum kommt ein Kauf eines Superstars dennoch nicht in Frage, wenn die 50+1-Regelung kippen sollte?

Born: Sollte uns frisches Kapital zufließen, würde ich es lieber sehen, wenn wir zum Beispiel die 50 Prozent des Weser-Stadions, die der Stadt gehören, ihr abkaufen, um zukünftig die Miete zu sparen. Dadurch würden wir nachhaltig einen Finanzierungsvorteil schaffen.

SPOX: Herr Kind, polemisch formuliert könnte man sagen: Sie wollen mit einem Fingerschnipp eines Investors das aufholen, was Uli Hoeneß oder Werder Bremen in den letzten Jahrzehnten aufgebaut haben.

Kind: Nein. Das wäre auch absolut unrealistisch. Kein Investor wird kommen und uns einfach mal so 100 Millionen zur Verfügung stellen, um es mit dem FC Bayern aufzunehmen. Die Realität ist eine ganz andere: Die Spitzenvereine sind eine andere Liga und die Entwicklung von Hannover 96 wird noch eine Zeit dauern, bis wir in deren Nähe kommen.

SPOX: Herr Kind, können Sie als Gegner der 50+1-Regelung erklären, warum nicht nur Ihr Verein, sondern die Liga davon profitieren wird, wenn die Regelung aufgehoben wird?

Kind: Das ist ganz einfach: Die Vereine werden wettbewerbsfähiger. International tritt die Bundesliga auf der Stelle. Die 50+1-Regelung ist typisch deutsch, kein anderes Land, egal ob England, Spanien, Italien oder Frankreich, hat etwas Vergleichbares. Deutschland ist einen Sonderweg gegangen. Ein Sonderweg, der einen Nachteil im Wettbewerb darstellt.

Born:  Schauen Sie sich die Fünfjahreswertung der UEFA an. Wir haben mittlerweile Probleme, uns gegen Länder wie Rumänien oder Portugal durchzusetzen. Wenn wir international vorwärts kommen wollen, müssen wir uns was einfallen lassen.

SPOX: Herr Born, das klingt fast so, als ob Sie sich mit dem Wegfall der 50+1-Regelung abfinden könnten. Dabei gelten Sie als Gegner der Aufhebung.

Born: Ich bin nicht prinzipiell dagegen. Nur für Bremen kommt es nicht in Frage, dass ein Investor mehr als die Hälfte der Anteile aufkauft. Als der Profibereich mit der Zustimmung der Vereinsmitglieder ausgegliedert wurde, hat man ihnen ein Mitspracherecht bei der Veräußerung von Besitzanteilen zugebilligt. Auch wenn wir damals sehr viel weniger Mitglieder hatten als heute, nehmen wir dieses Abkommen weiterhin ernst.

SPOX: Warum gehen Sie davon aus, dass die Vereinsmitglieder dagegen votieren würden, wenn ein Investor mit Millionen lockt?

Born: Unsere Mitglieder haben eine gewisse, sagen wir hanseatische Mentalität, da findet kein rascher Sinneswandel statt. Wir haben eine über 109 Jahre alte Klubkultur und eine etablierte Marke. Wir können nicht unser Image, unser Wappen, unsere grün-weiße Vereinsfarbe an irgendjemanden verkaufen, von dem wir nicht wissen, was er mit uns vorhat.

Kind: Aber es gibt doch ausreichend Möglichkeiten, die Interessen eines Vereins zu wahren, wenn ein Investor kommt. Wer sagt denn, dass ein Klub die Vereinsfarbe wechseln muss? Darüber hinaus kann, wenn sich ein Investor engagiert, alles vertraglich so geregelt werden, dass die Identität und die Marke des Vereins nicht verloren gehen.

SPOX: Besteht nicht die Gefahr, dass sich ein Investor abseits von Wappen und Klubfarben zu sehr in das Alltagsgeschäft einmischt?

Born: Eine berechtigte Frage. Was passiert denn, wenn ein Investor über die Hälfte der Anteile besitzt, bei der Aktionärsversammlung sein Stimmrecht ausnutzt und die Geschäftsleitung, den Trainer oder die Mannschaft austauscht? Insofern fände ich es gut, wenn nicht nur der Klub den Investor prüfen würde, sondern auch eine neutrale Stelle wie die DFL. Der Klub muss in seinen finanziellen Entscheidungen autonom bleiben.

Kind: Diese Haltung ist natürlich legitim. Bremen hat die letzten Jahrzehnte sehr professionell gearbeitet und so lange Werder wirtschaftlich derart stark ist, haben sie einen Investor sicherlich weniger nötig. Die Situation bei 96 ist aber deutlich anders. Mittlerweile sind wir an einem Punkt angekommen, an dem wir überlegen müssen, wie wir national und mittelfristig auch international konkurrenzfähig sein können.

SPOX: Herr Born, Sie betonen die Bedeutung von Tradition und Geschichte. Ist solch eine Haltung im kommerziellen Fußball noch zeitgemäß?

Born: Ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn wir mehr Geld erwirtschaften würden. Der entscheidende Punkt ist aber, dass Wachstum langfristig anhalten muss. Im Gegensatz zu einem Investor, der einmalig einen Betrag einzahlt, ist mir ein Sponsor lieber, der sich zehn Jahre engagiert, und auf den wir uns verlassen und somit langfristig planen können.

SPOX: Herr Kind, sehen Sie keine Gefahr darin, wenn ein Neureicher aus Russland einen Bundesligisten aufkauft, so wie es Roman Abramowitsch mit dem FC Chelsea tat?

Kind: Die Angst vor den Russen ist eine typisch deutsche Hybris. Warum soll Geld aus Russland schlechter sein als aus anderen Ländern? Und was soll schlimm daran sein, wenn ein Herr Abramowitsch ankommt und den FC Chelsea mit viel Geld von einer grauen Maus in einen Spitzenklub verwandelt? Abramowitsch macht einen guten Job. Punkt. Die in Deutschland gängige Stigmatisierung sollte man schleunigst vergessen.

Born und Kind über Gelder aus Moskau, Probleme beim FC Liverpool und Red Bull als Paradebeispiel: Hier geht es zum zweiten Teil!

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