Die Worte Gottes

Von Stefan Rommel
Samstag, 12.01.2008 | 09:31 Uhr
© Imago
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München - Am Freitag um 15:56 Uhr musste der Tagungssaal Garmisch im Arabella Sheraton Grand in München ein Inferno aus Blitzlichtern über sich ergehen lassen wie noch nie zuvor.

Schließlich war der Papst noch nie zu Gast im Sheraton und damit kann er auch noch nie im Tagungssaal Garmisch gewesen sein. Und nur der Papst persönlich hätte mehr Hype, mehr Mediengewitter, mehr Wahnsinn erzeugen können.

Dabei wurde nur der neue Trainer eines Fußballklubs vorgestellt. Und kein Heilmittel gegen Darmkrebs. Egal, rund 250 Journalisten und einigen Schaulustigen war es der Stress wert, ihn zu sehen: Jürgen Klinsmann.

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Ihm zu Ehren bestellte der FC Bayern München seine ganze Armada zum Termin. Alle Alphatiere (Uli Hoeneß) waren anwesend und der Rekordmeister bot eine tolle Show.

Konzept oder gar Philosophie 

Aber vor allem bot er eine neue Form der Transparenz. Karl-Heinz Rummenigge, Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß und sogar Karl Hopfner stellten und beantworteten alle wichtigen Fragen selbst. So manch übereifriger Zuhörer musste verkniffen seine listigen Fragen aus den Blöcken streichen.

Es könnte ein kleiner Vorgeschmack auf das gewesen sein, was die Fußballinteressierten erwartet und wie der FC Bayern demnächst in Erscheinung treten wird. Denn in Jürgen Klinsmann haben sich die Bayern nicht nur eine Person eingekauft. Sie haben ein Konzept erstanden und womöglich sogar eine ganze Philosophie.

Bisher bestimmten die Granden das Geschehen an der Säbener Straße, ab Juli 2008 wird Klinsmann der Drehbuchautor sein.

Klinsmann ist der Reformer, er soll derjenige sein, der die Bayern fit macht für den beschwerlichen Weg zurück ganz nach oben in Europa. Zwei Jahre hat er dafür Zeit. "Das ist der Rahmen. Aber das muss dann ja nicht das Ende der Fahnenstange sein", sagte Rummenigge.

Die Granden verzichten auf Macht

Worauf sich die Bayern da einlassen, scheint den Beteiligten nur zu klar. Wo früher noch Klinsmanns Schwächen ausgemacht wurden, liegen nun seine Stärken. Wo er früher "beratungsresistent" war (Beckenbauer) und "stillos" (Hoeneß), geht er jetzt "seinen eigenen Weg" (wieder Beckenbauer) und hat "eine klare Linie" (wieder Hoeneß).

Überhaupt der Manager: Vom wutschnaubenden Kritiker hat sich Hoeneß gewandelt zum Klinsmann-Fan. Auch wenn er nicht müde wurde zu beteuern, dass "das Verhältnis zum Jürgen die ganze Zeit über gut war".

Dabei muss er dem knochenharten Verhandler Klinsmann eine ganz essenzielle Sache abtreten: Macht. Klinsmann wird der 20. Trainer in Bayerns Bundesligageschichte werden. Zugleich wird er der mächtigste Bayern-Trainer aller Zeiten und wohl auch der teuerste. Angeblich verdient er in den zwei Jahren 16 Millionen Euro.

Querdenker, kontrovers und progressiv

Sein Betreuer- und Trainerteam habe er schon im Kopf. Und wohl auch die ein oder andere strukturelle Veränderung für ein Wirtschaftsunternehmen, das jährlich rund 250 Millionen umsetzt, manchmal aber den Anschein erweckt, es würde immer noch geführt wie eine mittelständische - sagen wir, um im Bild zu bleiben - Bäckerei.

Aber die Bayern scheinen genau das zu wollen. Sie wollen lernen von einem, der schon den größten Sportfachverband der Welt auf links gezogen hat. "Den Laden auseinandernehmen", hat Klinsmann das damals beim DFB genannt.

Uli Hoeneß nennt es jetzt fortschrittlich. "Der Jürgen ist ein Querdenker, er ist kontrovers und geht neue Wege. Das brauchen wir beim FC Bayern. Er ist ein progressiver Typ und lässt vielleicht auch so spielen."

Eine neue Epoche

Vor der Saison hatten die Bayern 70 Millionen für eine neue Mannschaft ausgegeben und erstmals "den Irrsinn" des Wettbietens auf dem europäischen Markt zumindest partiell mitgemacht. Nur der Trainer, oberster Angestellter und letztlich verantwortlich für den Erfolg, war noch - bei allem Respekt für Ottmar Hitzfeld - aus einer vorigen Zeitrechnung.

Mit Klinsmanns Amtsantritt drücken die Bayern die Reset-Taste und steuern in eine neue Epoche. Sie sind dabei, sich selbst neu zu erfinden. In großen Unternehmen wird diese Methode alle paar Jahre angewendet.

Das Gesamtkunstwerk wird veredelt. So sieht zumindest der Plan aus. Franz Beckenbauer drückte es moderat aus: "Der Jürgen ist ein moderner Trainer. Er bringt einen neuen Stil mit und neue Praktiken mit. Und alle seine Erfahrungen aus den USA."

Hoeneß saß einige Meter daneben, seine Backen schimmerten rot. Aber dieses Mal musste er sich nicht aufregen über nassforsch-quängelnde Mitglieder oder miese Stimmung. Das Blut schoss ihm in den Kopf, weil er so beseelt war. Beseelt von seiner Führungscrew und sich selbst, endlich wieder einen ganz großen Coup gelandet zu haben.

Ein verschmitztes Lächeln eroberte sein Gesicht, dann zog er den Kopf zur Napoleon-Geste hoch, fast so wie der von ihm wenig geliebte Oskar Lafontaine. "Ha, hab ich's Euch wieder allen gezeigt." Er sagte das natürlich nicht. Aber er dachte es sich.

Annäherung an den DFB

Zumal die Bayern fast schon traditionell mal wieder zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Klinsi ist bald da, und mit ihm dürfte sich auch das teilweise kritische Verhältnis zum DFB nach und nach entspannen.

Der Ex-Bundestrainer freut sich schon darauf, mit dem aktuellen Bundestrainer wieder gemeinsam Ziele zu verfolgen. Allerdings in anderer Funktion.

Davor muss der unerfahrene Klinsmann aber aller Dementis zum Trotz eine zwangsläufig experimentelle Situation in den Griff bekommen. Ein Wagnis ist es nämlich allemal.

Aber Klinsmann ist trotz aller Leidenschaft und Gier auf die neue Herausforderung intelligent genug, alle Szenarien vorher durchgespielt zu haben. Und er verfügt über das nötige Werkzeug, auch bedrohlicher Situationen Herr zu werden.

Energiefelder sollen entstehen

Am Ende der Beinahe-Apokalypse im Sheraton Hotel stellte er dann noch seine Philosophie vor. Sie unterscheidet sich kaum von der aus der Zeit zwischen Sommer 2004 und Sommer 2006 und geht so: "Wir wollen jeden Spieler besser machen, jeden Tag. Zwischen den Spielern und um die Spieler sollen Energiefelder entstehen."

Ganz schön viel Tamtam um eine doch recht schlichte Erkenntnis. Für den FC Bayern im Moment aber so etwas wie die Worte Gottes.

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