"Die Alternative ist weniger Geld"

Von Interview: Alexander Marx/Stefan Rommel
Donnerstag, 06.12.2007 | 11:20 Uhr
© Getty
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Frankfurt/München - Eigentlich ist die Weihnachtszeit ja eine besinnliche. Im deutschen Fußball aber überschlugen sich in den letzten Tagen die Ereignisse.

Die WM-Qualifikation wurde ausgelost, nur eine Woche später zitterte sich die DFB-Elf bei der Auslosung zur EM-Endrunde in die vermeintlich leichte Gruppe B. "Wir dürfen Österreich, Kroatien und Polen nicht unterschätzen. Wir werden uns durchkämpfen müssen", warnt DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger im SPOX.com-Interview.

Dazu gab es zwischendurch immer wieder Störfeuer aus der Bundesliga. Das beherrschende Thema der letzten Wochen: Die Neugestaltung der Spielpläne. Ein überaus heikles und komplexes Thema.

Zwanziger nimmt dazu ausführlich Stellung und bezieht Position. "Wenn man viel Geld verdienen will - und die Klubs wollen viel Geld verdienen, und die Spieler erst recht - dann muss man spielen. Dann darf man nicht jammern. Die Alternative dazu ist schlicht und einfach weniger Geld."

Desweiteren äußerte sich der DFB-Präsident zu den Jungstars Schweinsteiger und Podolski, seinem glücklichen Händchen in der Bundestrainerfrage und möglichen Gefahren für den deutschen Fußball durch ausländische Großinvestoren.

SPOX: Herr Dr. Zwanziger, Deutschland war am Sonntag offenbar einmal mehr mit Fortuna im Bunde. Wie sehen Sie die deutsche Gruppe B bei der Europameisterschaft im nächsten Jahr?

Dr. Theo Zwanziger: Wir sind mit dieser Gruppe zweifellos zufrieden. Man muss sich nur die Gruppe C anschauen, um das einordnen zu können. Da sind mit den Niederlande, Italien und Frankreich drei potenzielle Halbfinal- oder Finalteilnehmer zusammen. Dennoch dürfen wir Österreich, Kroatien und Polen nicht unterschätzen. Die Mannschaft weiß, dass der Erwartungsdruck groß ist, das Viertel-, Halb- oder sogar das Finale zu erreichen. Aber Kroatien hat immerhin die Engländer überzeugend aus der Qualifikation geworfen. Und die Österreicher bekommen zwar viel Häme ab - was uns in Deutschland vor der WM 2006 nicht anders erging -  doch ich habe keinen Zweifel daran, dass sie eine konkurrenzfähige Mannschaft stellen werden. Wir werden uns durchkämpfen müssen.

SPOX: 2006 hatte Deutschland sein Traumjahr mit dem Sommermärchen. Wie sehen Sie das Jahr 2007 im Rückblick? Hat es Ihre Erwartungen erfüllt?

Zwanziger: Ich kann unserer Mannschaft nur ein Kompliment machen. Denn insgeheim habe ich schon einen Leistungseinbruch befürchtet. Zum Beispiel war der Confed Cup 2005 richtig begeisternd. Die Mannschaft hat damals wieder Anerkennung in der Öffentlichkeit erfahren und Schweinsteiger und Podolski haben stark aufgespielt. Da war das Land voller Begeisterung und Vorfreude - nur in der Zeit danach mussten wir Rückschläge einstecken, mit dem Italien-Spiel als Krönung. Das waren bittere Monate. Deshalb hatte ich nicht unbedingt damit gerechnet, dass wir direkt nach der WM so erfolgreich weiterspielen würden. Aber es hat sich gezeigt, dass die Mannschaft reifer geworden ist und in der Breite stärker. Sie ist stabiler als damals.

SPOX: Stichwort Terminpläne, Stichwort Bayern. Deren Bosse Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß sind die Speerspitze derer, die vehement für eine Reform des Rahmenterminkalenders plädieren. Gibt es Bestrebungen seitens des DFB, diesen Forderungen bei FIFA und UEFA Nachdruck zu verleihen?

Zwanziger: Die Terminpläne erreichen in der Tat langsam ihre Grenzen. Es gibt Vorschläge, etwa von Michel Platini, die Länderspiele künftig Freitag oder Samstag und dann dienstags auszutragen, um den Mittwoch dafür frei zu bekommen. Das würde den Klubs etwas helfen. Aber niemand kann aus 365 Tagen pro Jahr einfach so 400 Tage machen. Und das Grundproblem bleibt auch bestehen: Wenn man viel Geld verdienen will - und die Klubs wollen viel Geld verdienen, und die Spieler erst recht - dann muss man spielen. Dann darf man nicht jammern, dass man mal zwei Tage nach einem Spiel wieder ran muss, selbst wenn das nicht angenehm ist.

SPOX: In anderen Sportarten wird auch nicht gejammert.

Zwanziger: Ich wundere mich, wie die Eishockeyspieler das aushalten, obwohl ich einen Vergleich jedoch nicht für angemessen halte. Die Alternative zu diesem jetzt voll gefüllten Terminplan ist schlicht und einfach weniger Geld. Da muss man dann auch konsequent sein und nicht auf die schimpfen, die sich wirklich bemühen: Die DFL. Dort wird versucht, den Spielplan halbwegs sinnvoll und gerecht zu gestalten und gleichzeitig mit Fernsehverträgen auch möglichst viel Geld einzuspielen. Ich wünsche mir, dass diese Dinge mit ein bisschen mehr Augenmaß betrachtet werden und nicht aus der Einzelsituation eines Klubs, den es jetzt betrifft.

SPOX: Fehlende Einnahmen werden oft auch als Hauptgrund genannt, wenn es um das mäßige Abschneiden der deutschen Klubs auf internationaler Bühne geht. Sehen Sie noch andere Gründe?

Zwanziger: In der Tat wird in einigen anderen Ligen durch das Fernsehen mehr Geld eingenommen - und durch Sponsoren, die sich Klubs kaufen und halten.

SPOX: Eine gefährliche Politik?

Zwanziger: Da müssen wir sehr gut überlegen, ob wir das auch wollen und ob das unser Weg sein kann. Das Ergebnis zum Beispiel bei Arsenal ist dann, dass kein einziger Engländer mehr dort spielt. Also was nützt es, wenn du die Besten der Welt holst und Klubwettbewerbe gewinnst, aber keine starke Nationalmannschaft mehr hast? Es muss alles ausgewogen sein, ich plädiere deshalb immer für Balance. Wir brauchen eine starke Nationalmannschaft und wir brauchen starke Klubs. Wenn eine Seite wegbricht, ist ein Teil des Fußballs beschädigt. Deshalb glaube ich, dass unser System ein sehr ausgewogenes System ist. Sicherlich kann man an der einen oder anderen Stelle noch Verbesserungen machen. Aber im Grunde sind wir in Balance. Oder wollen Sie italienische Verhältnisse?

SPOX: Wie meinen Sie das?

Zwanziger: Dort wurde jahrelang in die Beine der Spieler investiert. Aber nicht in die Stadien und in die Fanprojekte. Das Ergebnis sieht man jetzt. Also wieso sollen wir immer nur auf das schauen, was wir im Moment nicht haben, nämlich einen Champions-League-Sieger? Auch das wird wieder kommen. Am wichtigsten ist jedoch nicht unsere Struktur, die auf dem vernünftigen Ausgleich der unterschiedlichen Interessen aufgebaut ist. Denn wenn man eines schnell gewinnen will, dann musst man etwas anderes dafür aufgeben. Aber ob das klug ist...?

Hier geht's zum zweiten Teil des Interviews

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