"Wir brauchen einen Chef"

Von Interview: Stefan Rommel
Montag, 17.12.2007 | 12:41 Uhr
Ribery, Klose, van Bommel
© Imago
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München - Franck Ribery hat in seinen ersten sechs Monaten in Deutschland schon viel erlebt. Erst der Sturm des FC Bayern an die Tabellenspitze, dann den starken Leistungsabfall und zuletzt hausgemachte Probleme an der Säbener Straße en masse.

Nach 17 Spielen steht zwar immerhin der inoffizielle Herbstmeistertitel, doch wer die Geschehnisse rund um die Bayern in den letzten Wochen verfolgt hat, der weiß, dass den Spielern alles andere als ein geruhsames Weihnachtsfest ins Haus steht.

Im ersten Teil des Interview mit SPOX.com lässt der 24-jährige Franzose die Bundesliga-Hinrunde Revue passieren und spricht über zu Kopf gestiegenen Ruhm, führungslose Bayern, die Kritik von Oliver Kahn und welche Spieler ihm imponiert haben.

SPOX: Herr Ribery, herzlichen Glückwunsch zur Herbstmeisterschaft. Trotzdem kann man mit der Hinrunde nicht zufrieden sein. Woran liegt es, dass Bayern nicht mehr so zaubert wie zu Saisonbeginn?

Franck Ribery: Zu Beginn der Saison kamen doch immer wieder die gleichen Fragen: Mit wie vielen Punkten Vorsprung werden wir Meister? Werden wir hundert Tore schießen? Man hat ständig über uns gesprochen, als wären wir schon Meister. Wir haben daran geglaubt und mit der Zeit immer mehr Schwierigkeiten bekommen. Und nach der Niederlage in Stuttgart wussten wir nicht mehr, wie wir reagieren sollen. Zwar haben wir danach noch ein paar Begegnungen für uns entschieden, aber wirklich geglänzt haben wir nicht mehr.

SPOX: Haben manche Spieler nach dem guten Saisonstart vielleicht schon gedacht, dass es ein Spaziergang zum Titel wird?

Ribery: Das glaube ich schon. Wir waren nicht mehr so konzentriert bei der Sache und auch nicht mehr so aggressiv.

SPOX: Wie ist das auf dem Platz bei den Bayern - gibt es einen Chef, auf den alle hören? Von wem lassen Sie sich was sagen?

Ribery: Ich sehe zur Zeit keinen Spieler, der die Mannschaft dirigiert oder der auf den Tisch haut, wenn es schlecht läuft. Wir brauchen aber einen. Denn wenn wir in einem Tief stecken, wissen wir nicht, wie wir reagieren sollen.

SPOX: Ist Ottmar Hitzfeld der beste Trainer, unter dem Sie je trainiert haben?

Ribery: Ich mag es nicht, meine verschiedenen Trainer zu vergleichen. Aber mit Ottmar Hitzfeld verstehe ich mich sehr gut und ich schätze es, wie er mit mir umgeht. Mit ihm kann man offen reden. Er ist immer für mich da. Ich mag es, mit ihm Gespräche zu führen. Es ist mir wichtig, sein Vertrauen zu spüren.

SPOX: Oliver Kahn hat Sie zuletzt in einem Interview indirekt kritisiert und ist unter anderem dafür für ein Spiel suspendiert worden. Wie haben Sie die Kritik aufgefasst?

Ribery: Ich war überrascht. Ich hätte mir eigentlich gewünscht, dass er das mit mir unter vier Augen bespricht. Ich denke, dass ich bisher konstant gute Leistungen geboten habe und dass ich die Erwartungen in der Hinrunde damit erfüllt habe.

SPOX: Ihre Landsmänner Willy Sagnol und Valerien Ismael wollen weg bzw. haben Bayern verlassen. Wissen Sie, warum?

Ribery: Was Valerien betrifft, weiß ich, dass er unter Hitzfeld keine Chance mehr hatte. Ich freue mich für ihn, dass er mit Hannover 96 einen guten Verein gefunden hat. Mit Willy konnte ich bis heute nur zwanzig Minuten beim FC Bayern zusammen spielen (beim 0:0 gegen Duisburg, Anm. d. Red.). Aber Willy ist ein wichtiger Bestandteil dieses Vereins - er steht nicht zufällig seit acht Jahren hier unter Vertrag. Er ist ein großartiger Spieler. Ich weiß nicht, ob ich ohne ihn überhaupt beim FC Bayern gelandet wäre. Ob er bleibt? Ich denke die Chancen dafür stehen 50:50.

SPOX: Beim Voting von SPOX.com und Premiere wurde Diego zum Spieler der Hinrunde gewählt. Sie wurden Zweiter. Geht für Sie diese Wahl in Ordnung?

Ribery: Ich hätte gerne gewonnen, aber ich denke, dass Diego Sieger wurde, weil er mehr Tore erzielt hat als ich. Bevor ich in die Bundesliga kam, kannte ich ihn nicht. Diego ist ein guter Spieler, der mit dem Ball alles kann. Er ist technisch extrem stark und schießt viele Tore. Neben ihm haben mir in der Hinrunde noch zwei Spieler richtig gut gefallen: Der Rechtsverteidiger vom HSV (Jerome Boateng, Anm. d. Red.) und Jermaine Jones von Schalke 04.

SPOX: Sie haben ja jetzt einen gewissen Einblick bekommen - wie würden Sie den deutschen Fußball charakterisieren?

Ribery: Die Spielweise in der Bundesliga gefällt mir richtig gut. Die passt einfach zu mir. Es wird offensiv gespielt, ohne groß zu rechnen. Nur die Gastmannschaften in der Allianz-Arena mauern sehr viel. Außerdem hat Deutschland die schönsten und größten Stadien. Alle Spiele sind immer ausverkauft. Die Deutschen lieben den Fußball. Ich habe wieder erlebt, was ich bereits während der letzten WM gesehen hatte - insbesondere die Freude mit der die Zuschauer ins Stadion gehen.

SPOX: Wo steht der deutsche Fußball in Europa aus Ihrer Sicht?

Ribery: Klar sind die Ligen aus England, Spanien und Italien einen Tick besser, doch die Bundesliga ist sicherlich stärker als die französische Meisterschaft. In Frankreich wird eher auf Unentschieden gespielt, und hier dagegen mehr auf Sieg. Diese Mentalität gefällt mir besser.

Hier geht es zu Teil II: Ribery über seinen fiesesten Gegenspieler, seine Fortschritte in Deutsch und Thierry Henry in der Bundesliga 

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