Das "nervöse Wrack" wehrt sich

Von Thomas Gaber
Mittwoch, 12.12.2007 | 16:01 Uhr
hitzfeld, kahn
© Imago
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München - Hertha BSC Berlin hat derzeit wahrlich nichts zu lachen. Durch drei Pleiten in Folge rutschte die alte Dame auf Platz zwölf der Tabelle ab und hat nur noch fünf Punkte Vorsprung auf den ersten Abstiegsrang. Und zu allem Überfluss kommt am Samstag zum Hinrunden-Kehraus auch noch der FC Bayern München ins Olympiastadion.

Pal Dardai freut sich dennoch tierisch auf die Partie gegen den Spitzenreiter - wegen der Abwesenheit von Bayern-Torhüter Oliver Kahn.

"Kahns Suspendierung ist gut für uns. Vor ihm hat jeder Spieler seit zehn Jahren großen Respekt. Er ist vielleicht noch immer der Beste in der Liga", sagte Berlins Ungar. (Kahn spricht bei Premiere über seine Suspendierung. Jetzt als Video bei SPOX.TV!) 

"Habe lange genug zugeschaut"

Ottmar Hitzfeld verfolgte mit seiner Maßnahme, Kahn aus "disziplinarischen Gründen" aus dem Kader zu werfen, sicherlich nicht die Absicht, die angeschlagene Hertha vorab aufzumuntern. Es ist ihm andererseits aber auch ziemlich egal. Er wollte nur einen Beweis dafür liefern, dass er sich nicht alles gefallen und von den Spielern nicht auf der Nase rumtanzen lässt.

"Ich habe lange zugeschaut und musste ein Zeichen setzen. Es war vor allem ein Zeichen nach innen, dass jeder Spieler weiß, wir müssen eine verschworene Truppe sein. Sonst haben wir bald ein Irrenhaus", begründete Hitzfeld seine Entscheidung.

Die Mannschaft sei noch in der Entwicklungsphase und daher könne man sich keine Nebenkriegsschauplätze leisten, so der Coach.

Innenleben der Bayern-Familie gestört

Doch was Hitzfeld in Krisenzeiten auch unternimmt - es geht nach hinten los. Niemand hätte sich für die Vorkommnisse auf der Bayern-Weihnachtsfeier am letzten Sonntag interessiert, wenn Kahn nicht wegen seiner vorzeitigen Flucht (irgendwann zwischen 21 Uhr und 22.45 Uhr) intern bestraft worden wäre.

Infolgedessen wurde Kahn natürlich befragt und legte in der Münchner "Abendzeitung" das zerrüttete Verhältnis innerhalb der Bayern-Familie offen. "Ich bin einen Tick zu früh gegangen, das war ein Fehler von mir. Ich hatte mir da keine großen Gedanken gemacht, hätte vielleicht noch ein, zwei Stunden ausharren müssen."

Ausharren müssen. Klingt nach einer Folterveranstaltung. Dabei wurde nicht in Guantanamo, sondern im edlen "Palazzo" von Sterne-Koch Alfons Schubeck gefeiert.

Schweinsteiger spricht von schlechter Stimmung

Einige Bayern-Spieler gehen ihre eigenen Wege. Bastian Schweinsteiger bemängelte in der "Sport-Bild" die schlechte Stimmung in der Kabine. "Es ist ärgerlich, dass wir mit Bayern nicht da stehen, wo wir eigentlich stehen wollen. Ich bin nicht der einzige, der negativ denkt", sagte Schweinsteiger.

Die negativen Gedanken verbreiten sich beim FC Bayern mittlerweile ähnlich schnell wie ein Grippe- oder Magen-Darm-Virus.

Auch Hitzfelds Maßnahme, Maradonas legitimen Nachfolger Toni Kroos ab und an in die erste Elf zu nehmen, wird ihm negativ ausgelegt. So soll sich Bayerns Jugendtrainerstab über Hitzfelds Umgang mit Kroos beschwert haben, der mit dem abgemachten behutsamen Aufbau des Supertalents konterkariere.

Sagnol will zu Milan

Willy Sagnol fühlte sich von Hitzfeld schlecht behandelt und will im Winter weg, was Hitzfeld und Manager Uli Hoeneß wiederum nicht wollen. Doch Sagnol ist fest entschlossen und hat sich nach Informationen der italienischen Zeitung "Corriere dello Sport" für den AC Milan entschieden, der Sagnol 2,5 Millionen Euro Gehalt im Jahr zahlen will. 

Begonnen hatte der ganze Knatsch mit der Kopfwäsche von Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigges  ("Fußball ist keine Mathematik") nach Hitzfelds Rotation im UEFA-Cup-Spiel gegen Bolton (2:2) Anfang November.

Seitdem ist viel Porzellan zerschlagen worden und Hitzfeld macht einen extrem angeschlagenen Eindruck. Meint sogar der Kaiser. "Ottmar Hitzfeld steht der Frust der letzten Zeit ins Gesicht geschrieben. Ich kenne keinen Menschen, bei dem man den Gefühlszustand so ablesen kann", sagte Franz Beckenbauer der "Bild".

Schweizer Zeitung greift Bayern an

Ob Hitzfeld in der kommenden Saison in München bleibt oder sich als Schweizer Nationaltrainer versuchen wird, soll in der Winterpause geklärt werden. "So ist es abgemacht. Es ist klar, dass jetzt Spekulationen aufkommen", sagte Hitzfeld. Und die deuten nicht unbedingt auf ein verlängertes Engagement in München hin. Hitzfeld benötigt für erfolgreiche Arbeit Unterstützung von allen Seiten.

"Ich habe den Vorstand über Kahns Suspendierung informiert. Ich brauche Rückendeckung. Insofern war das abgesegnet", so Hitzfeld. Was er zuletzt bekam, waren allerdings ausnahmslos Peitschenhiebe.

Die Schweizer Boulevardzeitung "Blick" fährt im Kampf um Hitzfeld mittlerweile eine despektierliche Anti-Bayern-Kampagne. "Die Millionaros aus der Weißwurst-Metropole (und ihre Spielerfrauen respektive -freundinnen) haben noch jeden schneidigen Trainer in ein nervöses Wrack verwandelt. Hitzfeld ist unsere Rolls-Royce-Lösung. Die Lösung, der wir uns immer mehr nähern", schreibt das Blatt.

So polemisch der erste Satz ist, so viel Wahrheit steckt im letzten.

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