Die lange Mängelliste der Bayern

Von Thomas Gaber
Mittwoch, 14.11.2007 | 12:04 Uhr
© Imago
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München - Mitte Oktober sprach Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge im SPOX.com-Interview Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld "vollstes Vertrauen und absolute Loyalität" aus.

Zum damaligen Zeitpunkt thronten die Bayern nach einem 3:0 gegen Nürnberg an der Tabellenspitze der Bundesliga mit fünf Punkten Vorsprung und 25:3 Toren.  

Vor und nach dem 1:3 in Stuttgart letzten Samstag trieb Rummenigge Hitzfeld verbal aber vor sich her. Die abgemachte Vertragsverlängerung steht plötzlich im Nirgendwo, Hitzfeld wirkte hart getroffen, eine Trennung zum Saisonende ist nicht mehr ausgeschlossen.

Zumal Rummenigge in der "Sport-Bild" erklärte, für den Fall der Fälle vorbereitet zu sein.

 

In den fünf Wochen zwischen Nürnberg und Stuttgart ist viel passiert an der Säbener Straße. Die Ergebnisse wurden schlechter, weil die Mannschaft schlechter spielt als zu Beginn der Saison. 

Die "Luxuskrise" (Hitzfeld) hat freilich ihre Ursachen.

Starre Taktik

Seit Saisonbeginn lässt Hitzfeld ein 4-4-2-System mit zwei defensiven Mittelfeldakteuren (Doppel-6) spielen, meist positioniert mit Ze Roberto und Mark van Bommel. Ein anfangs gut funktionierendes Modell, weil die Bayern das von Hitzfeld angeordnete geradlinige Passspiel über die Außenpositionen bis zur Grundlinie mit dem überragenden Franck Ribery auf links erfolgreich praktizierten.

Bei den lockeren Siegen gegen Rostock, Bremen und Hannover fiel kaum auf, dass Bastian Schweinsteiger, Riberys Pendant auf rechts, leistungsmäßig schon damals abfiel.

Nach dem Nürnberg-Spiel erlitten die Bayern allerdings einen Rückfall in ihr schlimmes Phlegma aus der Magath-Ära. Harmlose Flanken en masse aus dem Halbfeld infolge massiver Einfallslosigkeit, meist vorgetragen durch die Außenverteidiger Philipp Lahm, Christian Lell und Marcell Jansen.

Beim 0:0 gegen Frankfurt tropften die Bälle reihenweise von der Gummikopfballwand der Eintracht in die Zentrale, wo van Bommel eine zweistellige Anzahl Fernschüsse abgab. So erklärt sich auch die Zahl der 38 Torschüsse.

Mehr Einsatzzeit für Kroos 

Wenn das Spiel über die Außen nicht funktioniert, ist das System mit der Doppel-6 wirkungslos und eine Umstellung auf die Mittelfeld-Raute mit einem klassischen Spielmacher hinter den Angreifern ratsam, wie es Bremen seit Jahren erfolgreich praktiziert. Werders Nummer zehn Diego (6 Tore, 7 Vorlagen) hielt die Bremer trotz einer elenden Verletzungsseuche am Leben.

Bayern hat auch eine Nummer zehn: Toni Kroos. Doch der wird selten eingesetzt. Bayern will den 17-Jährigen behutsam aufbauen, obwohl ihm Hitzfeld nach Kurzeinsätzen schon mehrfach Weltklasse-Status bescheinigte.

Für die Entwicklung von Lionel Messi oder Cesc Fabregas waren regelmäßige Spielpraxis förderlich. Messi spielte mit 17 für die argentinische Nationalmannschaft. Fabregas zählt mit 20 zu den besten Spielern der Premier League, weil ihm Arsenal-Coach Arsene Wenger Einsatzzeit ohne Ende gewährte. Hitzfelds Entscheidung, Kroos in Stuttgart in die Anfangself zu nehmen, war der richtige Ansatz.

Harmlose Ecken und Freistöße

Schon alleine deshalb, um auf Dauer die gravierenden Mängel bei Standards abzustellen. Nur eine von 93 Ecken in der Bundesliga führte zum Torerfolg. Luca Toni traf nach Ze Roberto-Ecke gegen Nürnberg. Tore durch direkte Freistöße? Fehlanzeige. Variation der Bayern-Standards? Doppel-Null. Ein Unding im modernen Fußball, wo erfolgreiche Standards Titel garantieren. Andrea Pirlo verwandelte in der letzten Champions-League-Saison drei Freistöße, einen davon im Finale gegen Liverpool.

Kroos bereitete bei seinen Kurzeinsätzen gegen Cottbus (5:0) und im UEFA-Cup in Belgrad (3:2) zwei Tore nach ruhenden Bällen vor und verwandelte einen direkten Freistoß.

Schwache Bank 

Außer Kroos empfahl sich allerdings kein Spieler aus der zweiten Reihe für höhere Aufgaben. Lukas Podolski kommt auf 9 Bundesliga-Einsätze. Gebracht hat's nichts: Tore 0, Vorlagen 0. Jose Ernesto Sosa, immerhin ein 10-Millionen-Euro-Transfer, ist nach Rummenigges Aussage "sehr introvertiert und daher noch nicht richtig integriert".

Jan Schlaudraff plagt sich mit Verletzungen herum, Andreas Ottl blieb bislang den Beweis einer Alternative zu van Bommel schuldig und Hamit Altintop ist im Leistungsloch.

Abhängigkeit von den Leistungsträgern 

Doch auch die Stammspieler unterliegen Formschwankungen. Miroslav Klose wirkte gegen Frankfurt, Bolton und Stuttgart wie ein Fremdkörper. Franck Ribery hat ein wenig die Lust verloren. "Bayern ist von Ribery abhängig. Er hat bei uns neuen Schwung gebracht. Die anderen mussten mitziehen", sagt Franz Beckenbauer.

In Stuttgart stellte Ribery die Defensivarbeit auf der ungewohnten rechten Seite komplett ein, Verteidiger Lell war gegen die überfallartigen Angriffe des VfB machtlos.

Wenn Mannschaften wie Stuttgart dagegenhalten, bekommen die Münchner Probleme. Schon gegen den HSV (1:1), Schalke (1:1) und Dortmund (0:0) war Bayerns Zweikampfbilanz negativ. 

Für die letzten Spiele bis zur Winterpause hat Hitzfeld Besserung in allen Bereichen angekündigt. Es liegt viel Arbeit vor ihm.

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