Der schmale Grat

Von Haruka Gruber
Dienstag, 30.10.2007 | 12:04 Uhr
© Imago
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München - Es war ein überraschend ehrliches Geständnis. Keine Ausflüchte im Stile eines "Ich wollte ihn schonen" oder "Ich habe 18 gleichwertige Spieler im Kader", stattdessen brachte es Ottmar Hitzfeld auf den Punkt.

"Ich habe nicht den Mut gehabt, den jungen Toni Kroos in der Phase, in der nicht viel gelaufen ist, zu bringen", sagte der Trainer des FC Bayern nach dem 0:0 in Dortmund. "Wäre es beim BVB doch schief gegangen und wir hätten verloren, wäre am Ende noch er Schuld gewesen."

Nichts desto Trotz weiß Hitzfeld um die Qualitäten seines Nachwuchsspielers. Kroos ist ohne Zweifel "the next big thing" des deutschen Fußballs.

Bei der U-17-WM wurde Kroos mit dem "Goldenen Schuh" für den besten Spieler des Turniers ausgezeichnet. Bei seinem Bundesliga-Debüt - als jüngster Bayern-Spieler der Vereinsgeschichte - hat er zwei Tore aufgelegt, bei Roter Stern den 2:2-Ausgleich vorbereitet und das Siegtor selbst erzielt. 37 Pflichtspielminuten, vier Scorerpunkte.

"Es ist ein Witz" 

Die "Süddeutsche Zeitung" nennt ihn schon den "Bayerischen Raul", die "Bild" fragt gewohnt plakativ: "Wird er der Beste seit Beckenbauer?"

Uli Hoeneß würde bei solchen Schlagzeilen am liebsten wegsehen. "Es ist ein Witz, was mit Kroos gemacht wird. Zum Beispiel wollte er das Freistoßtor in Belgrad so doch gar nicht. Für diesen Treffer muss man den Belgrader Torwart nach Sibirien schicken", sagte der Bayern-Manager. Der Rummel wäre nun mal kontraproduktiv für einen derart jungen Spieler, so Hoeneß' Philosophie.

Die Parallelen von Schwimmen und Fußball

Eine Einschätzung, die so gar nicht zur öffentlichen Wahrnehmung passen will. Deutschland hat endlich ein Supertalent, lautet des Volkes Meinung. Endlich einer, der es auch mal mit 17 schaffen könnte, so wie Arsenals Cesc Fabregas oder Wayne Rooney von Manchester United.

Während hierzulande Talente mit 19, 20 oder 21 die ersten Schritte im Profibereich wagen, ist es vor allem in England und Spanien kein seltenes Phänomen, dass bereits 16- oder 17-Jähriger ins kalte Erstliga-Gewässer geschmissen werden.

Ähnlich handhabt es Georgiens Nationaltrainer Klaus Toppmöller, der beim 2:0-Überraschungssieg gegen Schottland mit Torwart George Makaridze, Stürmer Levan Mchedlidze und Mittelfeldspieler Levan Kenia zwei 17- und einen 16-Jährigen in der Startelf aufbot. "Im Schwimmen sind 15- bis 17-Jährige Weltspitze. Warum dann nicht auch im Fußball?", so Toppmöller zu SPOX.com.

Wengers Philosophie

Besonders beim FC Arsenal wird unter Trainer Arsene Wenger der Jugendstil kultiviert. Fabregas debütierte mit 17, drei Jahre später ist er der derzeit vielleicht beste Mittelfeldspieler Europas mit über 150 Pflichtspieleinsätzen.

Die gleiche Philosophie verfolgt der FC Barcelona: Bei seinem Einstand in der Primera Division war Lionel Messi 17 Jahre alt, mit 20 gehört er nun zum Feinsten, was der Fußball bietet. Diese Saison schicken sich der Mexikaner Giovani dos Santos (18) und der Serbo-Spanier Bojan Krkic (17) an, in die noch frischen Fußstapfen Messis zu treten.

Egal ob Thierry Henry, Ronaldo, Raul oder Michael Owen: Etliche Weltstars machten mit 17 die ersten Gehversuche in einer der europäischen Topligen. Warum also packt der FCB Kroos derart in Watte?

Das imaginäre Mahnschild

"Wir müssen alle miteinander aufpassen, dass wir die Jungen im Zaum halten", sagt Hoeneß. "Ich habe bei Sebastian Deisler erlebt, was passieren kann, wenn man die Jungs zu sehr hochlobt und ihnen damit zu viel Druck macht."

Das Schicksal des unendlich Talentierten, aber auch unendlich Zweifelnden ist das imaginäre Mahnschild an der Säbener Straße. Mit 18 Bundesliga-Debüt, mit 20 Nationalspieler, mit 22 zu den Bayern - und mit 26 das letzte Profispiel.

Der Fußball bietet ausreichend abschreckende Beispiele: Der Ex-Leverkusener Daniel Addo, bester Spieler der U-17-WM von 1993, spielt mittlerweile in Mazedonien, die Spuren von Jahrhunderttalent Nii Lamptey (ehemals Greuther Fürth) verlieren sich in Südafrika. Beide sind Anfang 30, ihre Karrieren sind irreparabel.

Und wer erinnert sich noch an Namen wie Bashiru Gambo, Ibrahim Tanko oder Nuri Sahin? Alles Dortmunder, die mit 17 oder 16 in der Bundesliga eingesetzt wurden - und mittlerweile in der Regionalliga (Gambo), gar nicht mehr (Tanko) oder in den Niederlanden (Sahin) kicken.

"Der richtige Mittelweg"

"Man muss sich um solche jungen Spieler kümmern. Die Medien jubeln Talente gerne hoch, nach Fehlern sind dann alle zu Tode betrübt. Es ist wichtig, dass ein Verein den richtigen Mittelweg findet", sagt Toppmöller.

Und wie sieht Toppmöllers Art der Fürsorge aus? Immerhin stehen Kenia und Mchedlidze mit ihren Transfers zum FC Schalke bzw. Serie-A-Klub Empoli vor einer Zäsur. "Sicherlich ist das mit einem gewissen Risiko behaftet, aber sie sind wie Kroos charakterlich so stabil, dass ich mir keine großen Sorgen mache", sagt der Nationalcoach, dessen Gedanken sich vielmehr um Torwart Makaridze kreisen.

"Ich schicke ihn in Kürze für zwei Wochen nach München, damit er beim TSV 1860 mittrainieren kann. In Tiflis hat er keine Ruhe, weil alle Topteams und alle Spielerberater vor seiner Haustür stehen. Bei den Löwen kann er in Ruhe trainieren und zur Besinnung kommen."

Das eigene Talent zu den Blauen schicken? Soweit geht die Fürsorge des FC Bayern aber wohl doch nicht.

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