Fussball

"Tabus im Fußball" - Thema Rassismus: Ganz Rechts in der Kurve

Rassismus im Fußball ist ein ernstes Problem
© getty

Schon lange vor der Auflösung war die Gruppe Riot kaum noch in der Südtribüne vertreten. Zu Hochzeiten sollen es 15 Prozent gewesen sein, die aber durch martialisches Auftreten für massive Unruhe sorgten. Zuletzt sah man Riot samt Blockfahne nur noch bei Auswärtsspielen.

Durch gezielte gewalttätige Angriffe und Bedrohungen gegen andere Anführer hatten die Riot in der Szene rasche Handlungsfähigkeit erlangt. So wurde etwa der offizielle Fanbeauftragte des BVB, Daniel Lörcher, bereits 2015 mit einem Banner innerhalb des Stadions bedroht, nachdem dieser sich im TV öffentlich gegen Rechts positioniert hatte und regelmäßig Aktionen gegen Rechts durchführte.

"Lörcher halt die Fresse. Lörcher deine Zeit ist um" - stand damals auf einem Plakat in der Südkurve. Seitdem gibt Lörcher keine Interviews mehr.

Was bedeutet die Auflösung einer der gefährlichsten Gruppen nun für die Fanszene? "Auflösungen oder Verbote von rechten Hooligangruppen stellen immer eine Zäsur dar. Es ist dann eine individuelle Entscheidung, ob und wie jemand weitermacht, wer aufhört, wer sich einer anderen Gruppe anschließt oder aber den Fußball Richtung Rockerszene verlässt", erklärt Claus.

Um diese Gruppen besser einordnen zu können, lohnt sich oftmals auch ein Blick in das interne Gefüge. "Es gibt mehrere Ebenen an Mitgliedern - einen Führungszirkel von bis zu fünf, sechs Leuten. Dann gibt es einen härteren Kern von 20 bis 30 Personen und mit dem weiteren Umfeld erzielt so eine Gruppe eine Reichweite von 70, 80 Leuten", so Claus.

Die Erfahrung vergangener Jahrzehnte zeige, dass die Rockerszene ein willkommenes Auffangbecken für Personen aus jenen Gruppen sei. Dennoch gelte es, Entwicklungen innerhalb und außerhalb der Fanszene in der nächsten Zeit genau zu verfolgen.

Rechte Verbindungen ins Ausland

Verbindungen von Riot 0231 bestanden nach Kopenhagen, Neapel und Moskau. Auch bei diesen Kontakten ging und geht es vor allem um Gewalt. Mit diesem Thema im Vordergrund geraten Mitglieder in dieser Subkultur relativ schnell an Neonazis.

Neben der Kontaktpflege gehe es dem Kern einer Gruppe auf solchen Auslandsreisen darum, "Macht und Status zu erlangen. Da bildet sich eine Art Eventkultur, bei der Gewalt-, Alkohol- und Drogenerlebnisse in einer fast rein männlichen Gruppe ausgelebt werden", erklärt der Fan-Forscher weiter.

Die Dortmunder Gruppe ist die Zweite innerhalb kürzester Zeit, die sich selbst aufgelöst hat. Im Mai, nicht lange nach dem Skandalspiel in Babelsberg, tat die Cottbusser Gruppe Inferno das selbige. In Cottbusser Kurven, egal ob bei Heim- oder Auswärtsspielen, wurden Naziparolen durch Rufe, Symbole und den Hitlergruß offen ausgelebt und toleriert. Von Vereinsseite gab und gibt es nur vage Aussagen, die sich gegen diese Vorkommnisse stellten.

Nach dem Spiel in Babelsberg dauerte es etwa vier Tage, bis sich der Verein deutlich positionierte. Vor wenigen Tagen wurde einer Revision von Energie stattgegeben. Der Regionalligist bekommt neben einer Geldsperre kein Geisterspiel aufgedrückt, muss dafür aber beim kommenden Gastspiel in Babelsberg auf Gästefans verzichten.

Cottbusser Gruppe jagte Flüchtlinge - Amtsgericht machtlos?

Inferno, unterlaufen von einer ganzen Menge an Neonazis, pflegte stets gute Kontakte nach Tschechien und Polen. Auch dort gab es ähnliche Mechanismen wie in Dortmund. Zusätzlich zeichnete sich diese Gruppe regelmäßig für Übergriffe auf Flüchtlinge und Linke verantwortlich. Der antifaschistische Amateurklub Roter Stern Leipzig wurde bei Auswärtsspielen Opfer rechter Gewalt durch Hooligans und Neonazis.

Nach SPOX-Informationen hat Cottbus vor allem ein Problem in Sachen Strafverfolgung, einfach, weil das dortige Amtsgericht völlig überfrachtet ist. Dort hinken die Mitarbeiter mit der strafrechtlichen Verfolgung von durch die Polizei erfassten Taten bis zu zwei Jahre zurück.

"In Bezug auf Rechtsextremismus braucht es Prävention und Intervention. Ersteres leisten die sozialpädagogischen Fanprojekte und teilweise die Vereine, Letzteres vor allem die Polizei. Strafen erfüllen nur dann ihren Zweck, wenn sie zeitnah ausgesprochen werden", sagt Claus und bezieht damit aber alle Vereine ein.

Das scheint in Cottbus nicht gegeben. In Dortmund und generell in der Bundesrepublik hat die Fanszene derweil ein anderes großes Problem: Den Zeugen- und Opferschutz. "Es gibt oftmals keine Anzeigen von Betroffenen und anderen Fans nach rechtsextremen Gewalttaten oder Äußerungen, weil nicht genügend Schutz vom Staat gewährleistet werden kann", so Claus. In Deutschland erhalte der gegnerische Anwalt bei einer Anzeige schnell die Adresse des Gegners, was viele Betroffene abschrecke, weil Angst vor Rache herrsche. "Dann kann der Fall kaum in den Statistiken der Polizei erfasst werden. Die Dunkelziffer ist dementsprechend hoch."

Probleme beim Zeugen- und Opferschutz

Um einordnen zu können, wo die deutsche Fanszene im Sommer 2017 im Kampf gegen Rechts steht, lohnt ein kurzer Blick in die jüngere Vergangenheit. Den Höhepunkt ihrer Stärke erlangten rechtsradikale Hooligans im Herbst 2014 bei der sogenannten "HogeSa" (Hooligans gegen Salafisten) Demonstration in Köln. Dort wandelten zig Tausend Neonazis und Hooligans Köln in einem rechtsfreien Raum und jagten Polizisten, Migranten und Journalisten.

Doch die Hooliganszene basiert auf extrem anarchistischen Strukturen. Es gelang den unerfahrenen Führungskräften nicht, langfristige Maßnahmen zu ergreifen, um Kräfte zu bündeln. So waren ein halbes Jahr später bei einer Demo in Erfurt trotz eingetragenen Vereins "Gemeinsam stark Deutschland" nur noch 250 Demonstranten, die von Polizei und Gegendemonstranten überflügelt wurden.

Dadurch blieben den Hooligans nur noch die Pegida- und Legida-Bewegungen. Dort wurden sie von den Organisatoren um Lutz Bachmann zu einer Art Schutzherde aufgewertet. Das Selbstwertgefühl dieser Gruppen stieg, das Interesse an diesen Bewegungen sank mit der Zeit.

Der Fußball ist weiterhin gefährdet, wenn es um rechte Einflüsse geht. Es ist der Sport mit dem höchsten darstellbaren gesellschaftlichen Stellenwert, der damit einhergehend eine große mediale Aufmerksamkeit bietet.

"Durch die sozialen Medien sind Vorfälle und Auseinandersetzungen jedoch wahrnehmbarer geworden. Heute ist alles digitaler geworden", sagt Robert Claus.

So sind auch Vorfälle, wie die "Juden Jena"-Rufe aus Erfurt deutlich einfacher zu dokumentieren als noch etwa Ende der 90er Jahre. Sie werden dadurch nicht lauter oder leiser. Aber unsere Gesellschaft sollte wissen, dass sie nach wie vor da sind.

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