Fussball

Der SPOX-Dopingreport im Fußball

Seit März 2016 gibt es in Spanien keine Dopingtests im Fußball mehr

Teil 4: "Missed Tests" - Versteckspielen mit Thiago

Die Verantwortlichen der Premier League hatten es gerade erst gepackt. Der Skandal um den Frauenarzt Dr. Mark Bonar, der vergangenes Frühjahr hohe mediale Wellen schlug, war in Vergessenheit geraten. Dass Bonar, mit versteckter Kamera gefilmt, zugab, 150 britische Spitzenathleten, darunter auch Fußballer, gedopt zu haben, ist längst kein Thema mehr im Tagesgeschäft Fußball. Dabei war im Zuge der Berichterstattung sogar Meister Leicester City belastet worden.

Diese Saison hat die FA ein anderes Problem: Die Klubs halten sich nicht an die ohnehin laschen Regelungen zu den Aufenthaltsbestimmungen ihrer Profis. Pep Guardiolas Manchester City etwa nahm die Dokumentation in dieser Saison wiederholt nicht allzu ernst und wurde mit einer lächerlichen Strafe von 35.000 Pfund belegt.

Ähnliche Probleme hat mit Bournemouth eines der Überraschungsteams der diesjährigen Saison. Die FA bat den Verein, Stellung zu beziehen. Großes zu befürchten, hat der Verein allerdings nicht.

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Meldeverfehlungen! City und Bournemouth bestraft

Dabei müssen Fußballer wie Profisportler in allen anderen Sportarten exakt und penibel angeben, wo und wann sie sich an welchem Ort befinden, um jederzeit unangekündigt für Kontrollen abseits des Spielgeschehens zur Verfügung zu stehen.

Dopingexperte Thomas Kistner bekannte unlängst im SPOX-Interview, dass nach seinen Informationen Fußballprofis bei Kontrollen nicht immer auffindbar seien. Dabei handele es sich dann um sogenannte "No Shows".

Die NADA erklärt gegenüber SPOX zu diesem Thema: "Ein Meldepflicht- und Kontrollversäumnis betrifft den Athleten an sich. Erst drei Meldepflicht- und Kontrollversäumnisse innerhalb eines Jahres stellen einen Verstoß gegen Anti-Doping-Bestimmungen dar." Dann droht eine Sperre von bis zu zwei Jahren.

Im Fußball können Vereine jedoch erst sanktioniert werden, wenn drei Spieler dreimal nicht anzutreffen waren.

Thiago? Kennen wir nicht!

Vergangenes Jahr hatten Recherchen der ARD und des NDR ergeben, dass es auch beim FC Bayern Ungereimtheiten gegeben hat. Thiago Alcantara war demnach bei einer unangekündigten Kontrolle 2014 nicht auffindbar gewesen. Die NADA habe dem Bericht zufolge einen konkreten Doping-Verdacht gehegt und gezielt testen wollen. Gegenüber SPOX wollte die NADA nun diesen Verdacht weder bestätigen noch dementieren.

Auch zweieinhalb Jahre danach bleiben Fragen offen.

Weder an Münchner Wohnort, noch am Trainingsgelände der Bayern war der Spanier damals anzutreffen. Laut der ARD/NDR-Recherchen und eines Berichts der Süddeutschen Zeitung von 2016 erhielten deutsche Kontrolleure, welche die NADA extra nach Barcelona entsendete, um in der für Thiagos damalige Knieverletzung zuständigen Klinik nach ihm zu suchen, vor Ort keine Information über den Aufenthaltsort des Spaniers. "Thiago? Kennen wir nicht."

Wo liegen die Zuständigkeiten?

Die NADA erklärt 2017 wiederholt: "Die damalige Prüfung ergab, dass kein schuldhaftes Meldepflichtversäumnis vorlag, weder seitens des Athleten noch seitens des Vereins."

Der DFB, der ja letztlich für das Ergebnismanagement und ein mögliches Verfahren zuständig wäre, stellte keine Fehler des Vereins bei der Meldepflicht fest.

Fest steht, Thiago wurde trotz des Wunsches der NADA nicht getestet - auch nicht in Spanien. In einer ersten Antwort der NADA auf SPOX-Anfrage bestritt die Agentur, dass ihr im Ausland die Rechtsgrundlage fehle, um gegen Bundesligaakteure vorzugehen. "Die NADA kann alle Athleten, die einem Testpool der NADA angehören, jederzeit und überall kontrollieren, auch im Ausland."

Insider behaupteten im Zuge des Falles allerdings, dass Thiago für sein Nichtantreffen gar keinen "Missed Test" hätte erhalten können, selbst wenn der DFB gewollt hätte.

Verstricktes Kontrollsystem

Um eine möglichst hohe Transparenz zu erzeugen, dröselt die NADA das durchaus verstrickte Kontrollsystem nochmals auf. Demnach muss zwischen deutschen Nationalspielern und allen anderen Fußballspielern unterschieden werden. "Alle deutschen Nationalspieler sind an ADAMS angeschlossen und müssen ihre Aufenthaltsdaten dort eintragen. Alle anderen Spieler - auch die ausländischen Spieler in den Bundesligen - befinden sich im sogenannten Team-Testpool und unterliegen den sogenannten Teamabmeldungen", erklärt die NADA für diesen Report.

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Die NADA, mit dem konkreten Fall Thiago konfrontiert, betont, dass sie alle sich in einem Testpool befindenden Athleten jederzeit außerhalb des Wettkampfes kontrollieren könne. "Da die NADA auch über Kontrolleure im Ausland verfügt, wird bei jeder Planung einer Kontrolle geprüft, ob wir eine ausländische NADO beauftragen oder eigene Kontrolleure nutzen. Im Fußball betrifft dies zum Beispiel die Zeiten der Trainingslager."

Weiter betont die Agentur: "Die Athleten unterliegen deshalb mehreren Kontrollsystemen, so das kumulativ kontrolliert wird. Nicht nur die NADA kontrolliert, sondern auch die UEFA und die FIFA. Zudem werden ausländische Spieler der Bundesliga. auch noch von der NADO aus ihrem Heimatland kontrolliert.

Wer darf wen testen?

GremiumDeutscher Nationalspieler in deutscher LigaSpanischer Nationalspieler in spanischer LigaDeutscher Nationalspieler in spanischer LigaSpanischer Nationalspieler in deutscher Liga
NADAX XX
AEPSAD XXX
UEFAXXXX
FIFAXXXX

Wie das mit Thiago 2014 ganz genau war, darauf ging die NADA gegenüber SPOX nicht mehr ein. Fest steht aus NADA-Sicht: "Treffen wir einen Athleten nicht zur Kontrolle an, gilt dies nicht gleich als "Missed Test". Wir prüfen dies sehr genau." Dies sei auch im konkreten Fall geschehen.

Verein und Spieler können schweigen - AEPSAD gefordert

Verein und Spieler haben sich bis heute nie zu dem Vorfall geäußert. Mussten sie auch nicht. Die NADA erklärte schon damals: Der FC Bayern habe - wie im Fußball und Eishockey üblich - die Abwesenheit Thiagos in München mitgeteilt. Dass der Spieler dann im Krankenhaus von den Kontrolleuren nicht anzutreffen war, sei ihm nicht anzulasten, hieß es bei der NADA.

Außerdem gehöre er als Spanier nicht dem Nationalen Testpool (NTB) an. Daher sei "bei einer Trainingskontrolle der NADA folglich kein schuldhafter individueller Meldepflichtverstoß eines Spielers möglich", hieß es damals in einer DFB-Stellungnahme.

Die AEPSAD, die den Meldepflichtverstoß hätte feststellen können, war damals aber nicht involviert. Weil kein Interesse bestand? Oder weil sie dazu nicht in der Lage war? Oder schlimmer: Die NADA nicht mit so viel Gegenwehr in Spanien gerechnet hat?

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Klar wird: Es gibt in diesem durchaus komplizierten Konstrukt wohl Schlupflöcher für Spieler, um (unabhängig von Absicht oder nicht) nicht getestet zu werden.

Nicht nur, aber vor allem die spanische Anti-Doping-Agentur steht im Fußball in der Bringschuld. In einem ersten Schritt, damit überhaupt ein einigermaßen transparentes Testsystem in der Primera Division implementiert wird.

Viel länger, zu dieser Annahme wird kein Prophet benötigt, wird es nach den Verfehlungen dauern, bis spanische Sportler ansatzweise die Kontrollen ihrer ausländischen Mitspieler und Kontrahenten unterzogen werden. So lange aber nicht alle Parteien ein Interesse an lückenloser Aufklärung und einem konsequenten Anti-Doping-Kampf haben, wird das schwer.

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