"Ribery muss man anders behandeln"

Montag, 26.09.2016 | 11:15 Uhr
Urs Meier hat Michael Ballack bei der WM 2002 im Halbfinale die Gelbe Karte gezeigt
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Über zehn Jahre lang leitete der ehemalige FIFA-Schiedsrichter Urs Meier Fußballspiele auf allerhöchstem Niveau. Dabei erlebte der 57-jährige Schweizer die Höhen eines Referees und war sowohl bei der WM als auch bei der EM dabei, lernte aber auch die Kehrseite des Fußballs kennen. Ein Gespräch über Professionalisierung des Schiedsrichterwesens, unnötige Torlinienrichter, Spielertypen wie Franck Ribery und Morddrohungen.

SPOX: Herr Meier, Sie haben insgesamt 42 Champions-League-Spiele gepfiffen. Ist Ihnen eines davon besonders in Erinnerung geblieben?

Urs Meier: Grundsätzlich ist die Königsklasse auch für uns Schiedsrichter etwas Besonderes und bei der Hymne herrscht Hühnerhaut-Atmosphäre. Mein wichtigstes Spiel war mein erstes Halbfinale zwischen Manchester United und Borussia Dortmund 1997. Die Ansetzung hat mich total überrascht und hätte ich das Match vergeigt, wäre meine Karriere anders gelaufen. Aber es war mein Durchbruch und danach habe ich acht Jahre lang mindestens ein Halbfinale gepfiffen. Das macht mich richtig stolz - selbst Collina hat das nicht geschafft.

SPOX: Ihre Leistungen wurden konstant sehr gut bewertet. Das kommt im Schiedsrichterwesen nicht sehr häufig vor.

Meier: Ein guter Schiedsrichter fällt nicht auf. Aber wenn er gebraucht wird, dann muss er im "Großformat" erscheinen. Ich bin mit den Füßen auf dem Boden geblieben und habe mich selbst nicht zu wichtig genommen. Ich habe aber auch Schiedsrichter kennengelernt, die total abgehoben sind und die Spiele im Selbstdarstellermodus geführt haben. Die Fans kommen aber nicht wegen des Schiedsrichters ins Stadion, sondern für den Fußball.

SPOX: Wie haben Sie sich auf Ihre Spiele vorbereitet?

Meier: Ich habe mich intensiv mit den Teams und deren Mentalitäten auseinandergesetzt. Jede Mannschaft hat einen Charakter und den sollte man kennen. Außerdem ist es wichtig, über die kulturellen Hintergründe informiert zu sein, damit die Gepflogenheiten vor und nach dem Spiel stimmen.

SPOX: Sie sprechen die Mentalität an. Welche Rolle spielt sie bei den Schiedsrichtern selbst?

Meier: Auch die Spieler müssen wissen, wo der Schiedsrichter herkommt. Spanische Schiedsrichter lassen in der Regel überhaupt nicht mit sich reden. Engländer lassen mehr laufen, deutsche Schiedsrichter pfeifen hingegen sehr korrekt und regelsicher. Generell gibt es ein großes Gefälle.

SPOX: Inwiefern?

Meier: Die Schweizer Liga zum Beispiel ist einfach langsamer und die Umstellung zur Champions League ist schwierig. Einige Schiedsrichter können sich anpassen, andere scheitern daran. Wir müssten Unparteiische aus schwächeren Ligen auch in den großen Ligen einsetzen.

SPOX: Wäre das wirklich umsetzbar?

Meier: Ein polnischer Schiedsrichter, in dessen Heimat es nicht das entsprechende Niveau gibt, könnte mit Einsätzen in der deutschen 2. Liga an das höchste Level herangeführt werden. Wir müssen versuchen, auch diese Schiedsrichter auf den Mount Everest zu bringen. Warum soll Kassai nicht in der Bundesliga pfeifen?

SPOX: Spätestens dann müsste ein Schiedsrichter aber hauptberuflich als solcher arbeiten.

Meier: Auf jeden Fall! Es ist ein unmöglicher Zustand, dass wir keine professionellen Strukturen haben. Damit meine ich nicht nur den Verdienst, sondern dass jemand wirklich als Schiedsrichter angestellt ist. Sowohl der DFB als auch die Schiedsrichterverantwortlichen haben nicht begriffen, was eigentlich abläuft.

SPOX: Wie meinen Sie das?

Meier: Die haben in einem Interview gefragt, was die Schiedsrichter die ganze Woche machen sollten. Sind die verrückt oder was? Arbeiten natürlich! Professionelle Schiedsrichter würden immer zur Verfügung stehen. Bei einer besseren Ausbildung würden sich einige Diskussionen erledigen.

SPOX: Auch die über die Handspielregel?

Meier: Ja, die Regel muss man nicht ändern. Aber es braucht spezielle Schulungen, da vielen Schiedsrichtern das Fußballverständnis fehlt und es deshalb zu unterschiedlichen Auslegungen der Regel kommt.

SPOX: Das soll es bei der Entscheidung "Tor oder kein Tor" zukünftig nicht mehr geben. Stichwort Torlinientechnik.

Meier: Wenn wir das Problem lösen wollen, geht das nur über die Technik. Der Torlinienrichter ist die größte Schnapsidee im Fußball überhaupt. Ich habe Platini bereits 2004 davon abgeraten. Das Problem ist aber, dass die Präsidenten ihr eigenes Baby durchboxen wollen. Gleichzeitig war ich auch Blatters Berater. Gott sei Dank hat er auf mich gehört und sich für die Torlinientechnik entschieden.

SPOX: Was stört Sie bei der Idee des Torlinienrichters?

Meier: Die Entscheidung Tor oder kein Tor kann der Torlinienrichter nicht zu 100 Prozent treffen - damit ist er eigentlich schon überflüssig. Platinis zweite Hoffnung war, dass die Spieler allein wegen dessen Anwesenheit keine Vergehen mehr machen. Nach dem Motto: "Wenn ein Polizist in der Nähe steht, fahre ich mit dem Auto nicht über rot" - was für ein Quatsch! Es wird weiterhin gestoßen und gehalten und die Torlinienrichter, die normalerweise niedrigklassig pfeifen, beurteilen das falsch. Schafft diese Torrichter ab und macht Schiedsrichter zu Profis!

SPOX: Eine andere Möglichkeit, die Fehler zu minimieren, ist der Videobeweis. Ist das eine sinnvolle Idee?

Meier: Die Tests sind der richtige Weg, aber mit dem Videobeweis muss man sehr vorsichtig umgehen. Wir müssen evaluieren, wo es dem Schiedsrichter hilft und wann der Spielfluss zum Erliegen kommt.

SPOX: Würde der Videobeweis die Schiedsrichter nicht ein Stück weit in Schutz nehmen? Insgesamt hat man das Gefühl, dass das Ansehen in den letzten Jahren eher gesunken ist.

Meier: Die Generation um Collina, Merk, Webb und auch mir hatte ein sehr gutes Ansehen - heute haben nur wenige Schiedsrichter diesen Status. Aber am Ansehen sind die Schiedsrichter selbst schuld.

SPOX: Wo liegt das Problem?

Meier: Wir brauchen keine Regelschiedsrichter. Vielmehr müssen sie zeigen, dass sie großes Sachverständnis haben und Gelbe Karten verhindern, genau das hat Collina mit seinem Auftreten getan. Der Fußball entwickelt sich immer weiter und wenn sich das Verbrechen schneller entwickelt als die Polizei, haben wir ein Problem.

SPOX: Wer ist für Sie der beste aktive Schiedsrichter?

Meier: Das war für mich Cüneyt Cakir, aber den hat man leider verbrannt. Er hatte so viele wichtige Spiele vor der EM, in Frankreich ging dann nicht mehr viel. Trotzdem gehört Cakir mit seiner klaren Linie zu den besten Schiedsrichtern.

SPOX: Bei der EM wurde mehr laufen gelassen als im Ligabetrieb. Sollte das zum Standard werden?

Meier: Das war ein gutes Miteinander: Die Schiedsrichter haben mehr laufen lassen, die Spieler haben nicht durch die Gegend getreten. Ich bin ein Fan davon, die Leitplanken weit außen zu setzen. Aber ich bin skeptisch, ob das auf Dauer positiv aufgenommen wird.

Seite 1: Meier über die Mentalität der Schiris, Professionalisierung und den DFB

Seite 2: Meier über Unsportlichkeiten, Ballack und Morddrohungen

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